Bette Midler zu Popstars: „Zieht Euch erstmal etwas an!“

Bette Midler, wie Weichzeichner sie schufen ...
Bette Midler, wie Weichzeichner sie schufen ...
Foto: HO
Was wir bereits wissen
Das Film- und Pop-Enfant terrible Bette Midler spricht über weibliche Popstars und die Girl-Groups von gestern – die sie zu ihrem neuen Album inspiriert haben.

Essen.. Nach achtjähriger Album-Pause meldet sich eine der großen Entertainerinnen der USA zurück – mit einer charmanten Kampfansage an die moderne Musikindustrie, die nur noch Casting-Clowns und One-Hit-Wonder züchtet. Dass es auch anders geht, demonstriert Bette Midler (69) mit „It’s The Girls“, einer augenzwinkernden Hommage an klassische Girl Groups – ihr neues Album erscheint am Freitag.

Frau Midler, auf „It’s The Girls“ interpretieren Sie Evergreens von den Ronettes, Andrews Sisters, Supremes, Shangri-Las und anderen. Warum die Retro-Schwelgerei?

Bette Midler: Ganz einfach: Ich habe schon immer den Sound von Frauen geliebt, die perfekt harmonieren. Und es ist ja auch die Musik meiner Jugend.

Dann ist das so etwas wie der Soundtrack zu erster Liebe, erstem Herzschmerz und dem ganzen Sentiment, der damit einhergeht?

Midler: Aber sicher! Jeder Song geht mit seinen eigenen kleinen Erinnerungen einher, ich habe dazu getanzt, dazu rumgeknutscht, Händchen gehalten und bin Cabrio gefahren – während mein Haar im Wind wehte. Das ganze Programm.

Wobei die meisten der Stücke sehr unschuldig wirken, aber auch eine unterschwellige Erotik besitzen.

Midler: Oh ja! Sie sind kokett, aber unschuldig. Ganz genau. Da gibt es keine vordergründige, explizite Sexualität, die dir direkt ins Gesicht springt und die provozieren und schockieren will.

Was in der heutigen Popmusik ja Standard ist …

Midler: Und was ich schlimm finde. Also einfach vulgär und unerträglich. Denn das meiste ist billig, es hat keine Klasse. Während sich diese Mädels sehr stilvoll und doch sexy präsentierten, also von Dingen gesungen haben, die sich primär um Teenager drehten. Denn genau diese Zielgruppe sollte damit angesprochen werden. Rock’n’Roll war zum Beispiel eine der ersten Musikrichtungen, die sich nur an junge Leute wandte. Sie war speziell für Teenager gedacht. Weshalb das auch so eine Revolution war – also etwas völlig Neues.

Und das lässt sich von Rihanna und Miley Cyrus nicht behaupten?

Midler: Oh mein Gott, nein! Das hat nichts Revolutionäres, sondern da geht es nur ums Geld. Um Millionen und Abermillionen von Dollar. Und die verdienen diese jungen Mädchen, indem sie halbnackt durch die Gegend laufen und dazu irgendeinen banalen Mist ins Mikro säuseln. Also: Sie liefern keine Kunst ab, sie prostituieren sich für die Musikindustrie, die sie wie ein Stück Fleisch verkauft. Deswegen wäre mein Rat an diese Mädels: Zieht Euch erst mal was an und dann hört dieses Album – weil Ihr da wirklich noch etwas lernen könnt.

Ist das ein Repertoire, bei dem nichts schiefgehen kann, also ein kalkulierbarer Erfolg?

Midler: Schön wäre es. Ich meine, würde ich über eine Erfolgsformel verfügen, hätte ich sie schon viel früher angewandt, sie patentieren lassen, in Flaschen abgefüllt und meistbietend verkauft. (kichert) Nein, die Reaktion des Publikums lässt sich nicht voraussagen, und ich wusste nicht einmal, ob ich nach all den Jahren überhaupt noch ein Publikum habe.

Wie kommt es, dass es heute kaum noch Girl Groups gibt? Haben Sie eine Erklärung dafür?

Midler: Nein, aber das ist etwas, was ich sehr vermisse. Und ich verstehe auch nicht, warum diese Musikmogule, die Bands wie One Direction oder früher die Spice Girls zusammengestellt haben, das nicht mehr machen. Warum unternimmt Simon Fuller nichts in dieser Richtung? Ist das zu anstrengend? Oder lässt sich mit Shows wie X-Factor viel mehr Geld verdienen? Ich kann das nicht nachvollziehen.

Wobei ich aber sagen muss, dass die besten Girl Groups ohnehin diejenigen sind, die von allein zusammenfinden und ihr eigenes Ding durchziehen. Die sind wesentlich authentischer, die Musik klingt nicht so von der Stange und sie wirken nicht wie vom Reißbrett – weil sie das halt nicht sind. Ich meine, es ist ok, das Äußere eines Künstlers als Image zu vermarkten. Gerade wenn es sich um fünf aufreizende Mädels mit schönem Haar und kurzen Röcken handelt. Das ist ok. Nur: Das darf nicht alles sein, weil es sonst billig und unecht wirkt. Und Leute wie ich wollen kein Produkt. Einfach, weil wir wissen, dass es auch anders geht.

Schimmert da ein Hauch von Kulturpessimismus durch? Können Sie mit der modernen Musikindustrie und Popkultur nichts anfangen?

Midler: Das Gefühl habe ich wirklich. Und für mich ist das eine Entwicklung, die mit dem Internet und den sozialen Medien zusammenhängt – wo sich täglich alles ändert. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Und das muss sich erst mal von selbst regulieren bzw. auf ein vernünftiges Maß zusammenschrumpfen, weil das Angebot einfach inflationär und viel zu schnelllebig ist. Worauf sich das Musikgeschäft insofern eingestellt hat, als dass es nur noch auf diesen einen großen Single-Hit setzt, aber eben nicht mehr auf Alben, geschweige denn auf richtig lange Karrieren. Es ist oberflächlich und billig geworden. Weshalb es auch nicht mehr dasselbe Geschäft wie früher ist.

Und ich halte es auch für keine so tolle Idee, dass Leute Musik als etwas Kostenloses erachten – als etwas, das sie nicht bezahlen müssen. Denn das schmälert den ideellen wie den tatsächlichen Wert. Und sorgt dafür, dass Musiker nicht mehr davon leben können, weil sie nicht in der Lage sind, ihre Familien zu ernähren und ihre Rechnungen zu bezahlen. Von daher müssen sie sich eine andere Profession suchen und können Musik höchstens noch in ihrer Freizeit machen. Was eine gefährliche Entwicklung ist, weil es ihre Kreativität, ihre Experimentierfreude und alles andere blockiert.

Ich habe keine Ahnung, wo diese Entwicklung hinführt. Aber ich weiß, dass sich eine Menge Leute Sorgen machen – gerade Komponisten und Songwriter, die von diesen Online-Portalen ausgenommen werden wie eine Weihnachtsgans. Das ist ja der Grund, warum sich Taylor Swift entschieden hat, Spotify zu verlassen – weil ihre Musik da regelrecht verschenkt wurde. Sie hat zwar begehrten Content geliefert, aber keine angemessene Vergütung erfahren. Das muss sich schnellstmöglich ändern, wobei eigentlich der Gesetzgeber auf den Plan treten sollte. Leider scheint der nicht daran interessiert zu sein, was da passiert. Oder er versteht es nicht bzw. will es auch gar nicht verstehen.

Hand aufs Herz: Würde einem Jimi Hendrix oder einer Bette Midler heute noch der Durchbruch in dieser Branche gelingen?

Midler: Zumindest würden sie eine ganz andere Karriere erleben. Sprich: Wahrscheinlich wären sie viel schneller berühmt, weil sie bei Youtube und wo auch immer präsent wären. Aber womöglich hätten sie nicht dieselbe Nachhaltigkeit. Einfach, weil sie nicht die Möglichkeit besitzen würden, sich zu entwickeln, sich selbst zu finden und ihre Kunst zu perfektionieren. Sondern sie wären einen Moment hip, cool und was auch immer, aber im nächsten schon wieder out. Sie hätten gar nicht die Chance, zu experimentieren, Sachen zu probieren und Fehler zu begehen. Und wahrscheinlich würde Hendrix auf diese Weise auch nicht viel älter werden. Ich denke nicht, dass Youtube ihn vor einem frühen Tod bewahren könnte. Eher im Gegenteil. (lacht)

Haben Sie sich mit 69 aus dem Filmgeschäft zurückgezogen oder denken sie darüber nach?

Midler: Wissen Sie was? Ich schwanke noch. Es hängt ganz davon ab, was ich morgens zum Frühstück hatte. Wenn ich mich gut fühle, wenn ich genug Schlaf hatte, könnte ich Bäume ausreißen und es mit jedem aufnehmen. Wenn ich nicht genug Schlaf hatte, blase ich Trübsal. Von daher ist jeder Tag anders, und ich habe ja auch ein kleines Aufmerksamkeitsdefizit – sprich: Ich lasse mich leicht ablenken. Die einzige Konstante in meinem Leben ist meine Familie, meine Tochter und mein Ehemann. Außerdem gutes Essen. Ich liebe gutes Essen! Ich liebe es zu lesen, meinen Kopf mit nutzlosen Informationen zu füllen und meine Fantasie zu frittieren. (lacht)

Sie haben übrigens auf Ihrer 78er-Deutschland-Tournee für Schlagzeilen gesorgt …

Midler: Tatsächlich?

Sie haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen, in dem sie das Publikum in den ersten Reihen beschimpft haben: „Ihr glaubt wohl, eure Scheiße stinkt nicht.“ Das war ziemlich heftig.

Midler: Oh ja, daran erinnere ich mich. Aber war das nicht ein Heidenspaß? Mann, das war doch toll – all die irritierten Gesichter. (lacht)

Was zugleich Ihre letzten Gastspiele in unseren Breitengraden waren. Wie sieht es aus – kommen Sie 2015 nach Deutschland? Präsentieren Sie dieses Album auf europäischen Bühnen?

Midler: Nichts lieber als das! Und ich weiß, dass mein Management sich darum bemüht – einfach, weil es höchste Zeit wird. Aber gleichzeitig bin ich nicht mehr die Jüngste. Ich bin ein alter Knochen – fast 80, wenn nicht 100. (lacht) Von daher müssen Sie mir vergeben, wenn es doch nicht dazu kommt. Aber ich werde alles tun, um ein paar europäische Daten an die Tour anzuhängen. Versprochen!