Das aktuelle Wetter NRW 21°C
Berlinale

Berlinale 2013 - Schweiger als Sadist und keine Spur von Gold

10.02.2013 | 18:14 Uhr
Emanzipation am Klondike: Nina Hoss spielt in Thomas Arslans Western „Gold“ eine zähe Glückssucherin.Foto: Piffl

Berlin.   Bisher findet man die Juwelen bei dem Berliner Filmspektakel eher am Rande. Der Wettbewerb um den „Goldenen Bären“ zeigt bisher wenig Ersprießliches – und manchmal auch Verwunderliches, etwa eine amerikanische Räuberpistole mit Til Schweiger.

Über eine Frau wie Isabella Rossellini sprechen zu wollen, das sei in etwa so, als wolle man das Universum erklären, meinte der Journalist und Fernsehproduzent Gero von Boehm. Er hielt am Samstagabend im Rahmen der Berlinale die Laudatio auf diese in jeder Hinsicht ungewöhnliche Frau, die in diesem Jahr mit einer Berlinale-Kamera ausgezeichnet wurde. Die Tochter von Ingrid Bergman und Roberto Rossellini lediglich als Schauspielerin zu bezeichnen verfängt in der Tat kaum noch, längst hat die immer noch schöne Sechzigjährige ihr Aufgabenfeld weiter gesteckt.

In der Reihe „Forum Expanded“ stellte sie auf der Berlinale diesmal ihr Projekt „Mammas“ vor, eine Fortsetzung ihrer filmischen Beschäftigung mit Tieren, die sie 2008 mit der Kurzfilmserie „Green Porn“ begonnen hat. Damals schlüpfte die Künstlerin in Tierkostüme, um auf sehr unterhaltsame Weise das Paarungsverhalten diverser Spezies vorzuführen.

Berlinale 2013 - "Mammas" ist eine Perle am Rande

Diesmal geht es ihr um die Mutterschaft im Tierreich, sie beschäftigt sich mit den Weibchen als Manager der Fortpflanzung. So erleben wir Isabella Rossellini mal als Spinne, die nach dem Schlüpfen von ihrem eigenen Nachwuchs aufgefressen wird, oder als Hamsterweibchen, das nach einer Zehner-Geburt sehr pragmatisch zwei der Jungen auffrisst, um die anderen durchbringen zu können. Hört sich gruselig an, wird aber hinreißend komisch serviert. „Es gibt hervorragende Tierfilme“, meinte die Künstlerin jüngst in einem Interview, „aber kaum etwas mit Humor.“

So etwas wie „Mammas“ gehört zu den Perlen am Rande, die es bei der Berlinale zu entdecken gilt. Im eigentlichen Zentrum, wo 19 Filme im Wettbewerb um den Erhalt des „Goldenen Bären“ kämpfen, geht es bisher eher trist zu.

Nehmen wir nur den mit Spannung erwarteten deutschen Beitrag „Gold“ von Thomas Arslan, immerhin der erste deutsche Beinahe-Western, seit Winnetou und Old Shatterhand sich aus dem Filmgeschäft verabschiedet haben. Von sieben Deutschen erzählt dieser Film, die sich 1898 auf den 1500 Kilometer langen Marsch zum Klondike machen, wo der Goldrausch noch immer anhält. Quer durch den wilden Nordwesten Kanadas zieht sich die Route, aber nicht einmal der Führer weiß so recht den Weg. Kein Wunder, wenn sich da die Zahl der Reisenden nach gewohntem Prinzip mit der Zeit immer mehr verschlankt.

Ärmliches Drehbuch von „Gold“

Arslan, bisher eher durch kleine Filme („Dealer“, „Im Schatten“) bekannt geworden, will diesmal große Kinobilder, besitzt dafür aber ein viel zu ärmliches Drehbuch. Wenn der mitreisende Journalist Müller (Uwe Bohm) beispielsweise in eine Bärenfalle gerät und der Satz „Was für ein verfluchtes Pech, in einem so riesigen Land in eine Bärenfalle zu treten“ fällt, dann rast der Saal ob der unfreiwilligen Komik. Da kann dann auch Nina Hoss nichts mehr retten, deren Emanzipation auf dieser Reise starke Fortschritte macht und die echtes Durchhaltevermögen zeigt. Der Zuschauer beneidet sie darum.

Til Schweiger in Räuberpistole

Und sonst? Der Österreicher Ulrich Seidl, der in seinen Filmen mit Vorliebe das Hässliche im und am Menschen vorführt, ist im dritten und schwächsten Teil seiner „Paradies“-Trilogie mit dem Titel „Hoffnung“ in einem Abmagerungscamp für übergewichtige Teenager angekommen. Immerhin hat man hier einmal den Eindruck, dass er Sympathien hegt für seine Protagonistin, eine dicke Dreizehnjährige, die für den Diätarzt schwärmt.

Ein Rätsel bleibt es schon, wie eine US-Räuberpistole wie „The Necessary Death Of Charlie Countryman“ in den Wettbewerb gelangt ist. Bukarest wird hier zur Hölle für einen sprintstarken Amerikaner (Shia LaBeouf), der sich in die Braut eines Brutalo-Gangsters (Mads Mikkelsen) verliebt. Til Schweiger als sadistischer Unterwelt-Konkurrent Darko sorgt zumindest beim deutschen Publikum noch für ein wenig Heiterkeit.

Großer Auftritt bei der Berlinale

Arnold Hohmann


Kommentare
Aus dem Ressort
Ralph Fiennes spielt Dickens und führt Regie
Kino
Ehrgeiziges Doppel: Ralph Fiennes spielt den englischen Meistererzähler Charles Dickens und führt im selben Film auch noch Regie. Üppig ausgestattet ist das ehebrecherische Tableau um „The Invisible Woman“, doch dem Ganzen fehlt es spürbar an großen Gefühlen.
Was wir über Shakespeare wissen - und was nicht
450 Jahre Shakespeare
Die Forschung wird nicht müde, ihm neue Namen zu geben. Dann wieder ist Shakespeare gar nicht Shakespeare sondern ein Autorenkollektiv seiner Zeit. Viel Lärm um Nichts? Jens Dirksen über einen Weltliteraten, dessen Leben die Phantasie bis heute beflügelt.
Erfolgreichen Autoren ins Schreibstübchen geschaut
Welttag des Buches
Manchen küsst die Muse nur nach Stundenplan: Zum Welttag des Buches haben wir den erfolgreichen Autoren der Weltliteratur ins Schreibstübchen geschaut. Wir erzählen von Frühaufstehern und Nachtarbeitern, Wortmalochern und Sonntagsschreibern.
Bibliotheken wollen einen leichteren Zugang zu E-Books
Buchmarkt
Nutzer von Leihbibliotheken haben bei E-Books oft das Nachsehen. Während gedruckte Bücher und Werke auf CD-Rom problemlos verliehen werden dürfen, gilt das für elektronische Bücher nicht. Der Deutsche Bibliotheksverband fordert jetzt die Gleichstellung der Medien. Schriftsteller sind dagegen.
Hermann Hartwich schuftete als Junge für sein erstes Buch
Bücher
Der Essener Ex-Oberstadtdirektor kam aus einer Familie, in der nicht viel gelesen wurde. Heute ist für den 74-Jährigen jeder Tag ein „Tag des Buches“. Als Teenager sparte er jahrelang, um sich Geschichtserzählungen von Otto Zierer leisten zu können. Heute birgt sein Haus viele Buchschätze.
Umfrage
Der Wahlkampf geht in die heiße Phase, immer mehr Plakate zieren die Straßen. Was halten Sie von den Motiven, mit denen die Parteien auf Stimmenfang gehen?

Der Wahlkampf geht in die heiße Phase, immer mehr Plakate zieren die Straßen. Was halten Sie von den Motiven, mit denen die Parteien auf Stimmenfang gehen?

 
Fotos und Videos