Das aktuelle Wetter NRW 14°C
Interview

Ben Hur Live: Stewart Copeland im Gespräch

19.08.2009 | 14:39 Uhr
Ben Hur Live: Stewart Copeland im Gespräch

Er war Gründer und Drummer der Band The Police: Stewart Copeland. Nach einer kurzen Band-Reunion hat der 58-Jährige nun sein Herz fürs alte Rom entdeckt: Er liefert den Soundtrack zur Show „Ben Hur Live”, die am 27. und 28. November die Schalker Veltins-Arena in einen Circus Maximus verwandeln wird.

Lieber Stewart Copeland, jeder kennt Sie als Police-Gründer. Mal Hand aufs Herz: Fühlen Sie sich noch als Rockstar?

Copeland: Gar nicht! Denn eines habe ich gelernt: Stars gibt es überhaupt nicht, die existieren nur in den Köpfen anderer Leute. Also stehe ich jeden Morgen auf und ziehe meine Hose an. Ein Bein nach dem anderen. Anders als Mick Jagger, der wahrscheinlich in beide Beine gleichzeitig hüpft (lacht).

Aber die engen Hosen haben Sie noch?

Copeland: Vor der letzten Police-Tour haben sie uns mit den neuesten Designer-Klamotten eingedeckt. Auch enge Hosen, na klar! Meine Frau fand sie großartig: "Darling, du siehst toll aus!" Dabei bin ich siebenfacher Vater und vor ein paar Wochen 58 geworden...

Das sieht man Ihnen aber nicht an.

Copeland (grinst): Solange ich meine Söhne noch in den Hintern treten kann, fühle ich mich ganz vital.

Jetzt mal ernsthaft. Nur wenige wissen, dass Sie als Filmkomponist überaus erfolgreich sind. Sie haben die Soundtracks zu Coppolas „Rumble Fish" geschrieben, zu Oliver Stones „Talk Radio”, zu Kevin Costners „Rapa Nui”. Sogar zu „Desperate Housewives”...

Copeland: Aber nur eine Folge.

In der breiten Öffentlichkeit ist diese Arbeit, die Sie schon seit über 25 Jahren machen, kaum bekannt.

Copeland: Na ja, Hauptsache die Produzenten und Regisseure in Hollywood wissen es, denn die vergeben die Jobs (lacht). Aber das ist doch klar. Wenn „Wall Street” rauskommt, dann sieht jeder Michael Douglas. Aber keiner den Komponisten.

Stört Sie das?

Copeland: Nein. Den Rummel vermisse ich nicht, davon hatte ich wahrlich genug.

Haben Sie mal gezählt, wie viele Filmmusiken Sie schon geschrieben haben?

Copeland: Eigentlich nicht – 40 oder 50 Filme vielleicht, dazu Serien... Ich hab' irgendwo eine Liste, die ist zehn Seiten lang. Manche dieser Filme sind richtig gut, manche grottenschlecht. Das weißt du ja vorher nicht. Du kriegst ja nur das Drehbuch zu lesen.

Wie viele Instrumente beherrschen Sie außer Schlagzeug?

Copeland: Gitarre, Bass, ein bisschen Klavier – aber zum Komponieren arbeite ich vor allem mit Keyboards und Computern.

Der Film „Ben Hur” kam raus, als Sie sieben waren…

Copeland: Hey, Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht, was? (lacht)

Dafür werde ich doch bezahlt, oder nicht?

Copeland: Holla, ein taffer Journalist! Eigentlich wollte ich Ihnen totalen Blödsinn erzählen, aber das lasse ich dann mal lieber (lacht) Ja, 1959 habe ich „Ben Hur” im Kino gesehen.

Wissen Sie noch, was Sie empfunden haben?

Copeland: Ach, das vermischt sich. Was war jetzt „Ben Hur”, was „Quo Vadis” und was „Spartacus”? Das ganze Römerzeug... "Schwerter und Sandalen", wie wir das in den Staaten nennen.

Wir würden eher sagen: Muskeln und Sandalen.

Info
Infos zum "Ben Hur Live"-Spektakel

Die Produktion: Die monumentale Arena-Show soll laut Produzent Franz Abraham den Speed eines Broadway-Musicals, die Leidenschaft einer griechischen Tragödie, die Power eines Rockkonzertes und die Magie großen Kinos vereinen. Das 360-Grad-Spektakel spielt sich auf 2500 qm Fläche ab - Wagenrennen, Gladiatorenkämpfe und Galeerenschlachten inklusive.

Die Story: Nach dem Roman von Lewis Wallace, 1959 verfilmt (11 Oscars), geht es um den fiktiven jüdischen Prinzen Judah Ben Hur. Dieser wird zu Unrecht auf eine Galeere verbannt und dürstet nach Rache, bis er nach einer Begegnung mit Jesus vergeben kann. Kraft schöpft er aus seiner Liebe zur schönen Sklavin Esther.

Die Akteure: 400 Menschen und 100 Tiere nehmen an dem Spektakel teil. Die Titelrolle spielt der Essener Sebastian Thrun. Deutscher Erzähler ist der Schauspieler Ben Becker.

Die Gimmicks: Feuer, Wasser, Wind und der aufgewirbelte Staub der Wagenrennen dürfen nicht fehlen: Fünf Quadriga-Gespanne sausen auf einem 40x70-Meter-Kurs ungebremst durch die Arena. Bei der Galeeren-Schlacht sollen Projektionen die Illusion von Wasser erzeugen.

Ort und Zeit: Die in NRW ursprünglich für Dortmund und Düsseldorf geplante Show wurde in die Schalker Veltins-Arena verlegt (dort wird eine Hälfte der Arena bespielt). Termine: Fr., 27.11., 20 Uhr, und Sa., 28.11., 18 Uhr.

Die Tickets: Gibt's für 35-128 € in den Geschäftsstellen der WAZ-Verlagsgruppe oder unter 01805/280123.

Copeland: Interessant! Denn als ich „Ben Hur” kürzlich noch mal sah, hab ich mich gewundert, wie schmächtig Charlton Heston eigentlich war. Der würde in dem Genre heute keinen Job mehr kriegen.

Wie kam es eigentlich zu Ihrem Job für die Arena-Produktion?

Copeland: Ah, Gundula Abraham (die Frau des Produzenten Franz Abraham, die Red.) wachte nachts auf und rief laut meinen Namen (lacht). Nein, es war wirklich ihre Idee.

Und wie sieht Ihre Arbeit nun aus?

Copeland: Ich habe zu Hause fünf Monate lang am Soundtrack gearbeitet. Und hier feile ich daran. Es ist alles eine Frage des Timings. Die Römer kommen auf die Bühne: „Du Bastard! Küss meinen Hintern. Ich schlage dich zusammen!” – Also gib ihnen 15 Sekunden. Wenn ich vorher 20 Sekunden geplant hatte, muss ich so und soviel streichen. Und das waren bestimmt die besten Takte! (lacht). Als Filmkomponist brauchst du eine Haut aus Leder. Wir machen einen Plan für jede Aktion und jeden Dialog. Auch für jede Runde beim Wagenrennen. Das muss auf die Sekunde stimmen.

Erklären Sie uns doch mal, wie die Musik zu „Ben Hur live” klingt.

Copeland: Orchestral, mit exotischen Instrumentalisten aus Istanbul, garniert mit Mülltonnen. Also: Konzert für Orchester und Mülltonnen.

Mülltonnen?

Copeland: Ja, Schlagzeug klingt viel zu sehr nach Rock. Mülltonnen geben den richtigen Römersound. Hier, hören Sie mal (trommelt auf eine arg verbeulte Blechtonne ein). Oder hier, diese Trommel aus der Waschmaschine.

Und die anderen Instrumente?

Copeland: Das Orchester kommt aus Bratislava, Slowakei. Dann gibt es verschiedene Instrumentalisten, unter anderem aus der Türkei und Armenien. Die Spuren werden dann unter meiner Aufsicht nach und nach zusammengefügt. Dazu fahre ich auch in die verschiedenen Länder. Und: Ich spiele natürlich die erste Mülltonne! (lacht)

Und das Ganze ist für Familien geeignet?

Copeland: Oh ja! Für den Broadway wäre das Ganze zu exotisch. Aber ich gehe ja vorsichtig mit dem Material um - eine bittere Pille mit einer Zuckerhülle. Sehr episch. Die Musik ist bei so einer Arenashow sehr präsent. Anders als beim Film sind die Schauspieler ja sehr weit weg. Deswegen muss die Musik den Zuschauern erzählen, was eigentlich los ist.

Zumal ja, wie ich hörte, nur Latein und Aramäisch gesprochen wird.

Copeland: Das klingt verrückt, ja. Aber es gibt einen Erzähler (den Schauspieler Ben Becker, die Red.), der die Handlung auf Deutsch erklärt.

Wodurch lassen Sie sich inspirieren?

Copeland: Die Inspiration liegt darin, dass die Story während der bedeutendsten Epoche der Geschichte spielt. Rund um das Jahr Null. In dieser Zeit haben sich etliche Dinge ereignet, deren Auswirkungen uns noch heute beeinflussen. Der Untergang Ägyptens, der Aufstieg Roms, natürlich die Geburt Christi, die Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Es war der Beginn der neueren Geschichte.

Wie fühlt es sich an, wenn 400 Leute nach ihrer Musik nach Ihrer Musik agieren? Das ist mehr als große Oper, oder?

Copeland: Fun! (lacht) Es fühlt sich an wie Oper, obwohl nur ganz wenig gesungen wird. Sehr dramatisch.

Ich würde gern nochmal auf Police zurückkommen. Man sagt, Ihr Verhältnis zu Sting sei nicht das Beste...

Copeland: Mmmhhh ... stimmt so nicht. Sagen wir mal so: Wir treiben uns gegenseitig in den Wahnsinn. Aber die Musik, die dabei rausspringt, scheint Millionen anzusprechen.

Ist es wahr, dass Sie auf Ihrer Tour 2007 / 2008 einen Therapeuten beschäftigt haben?

Copeland: Ja, das ist richtig. Wissen Sie: Wir lieben einander wir eine Familie. Aber wir sind so unterschiedlich. Für ihn ist Musik ein Narkosemittel gegen den Schmerz: Er ist ja der "King of Pain". Für mich ist Musik Leben, Spannung, Hochgefühl. Ich bin laut und flach, er ist ruhig und tiefgründig. Ich liebe Lärm, Gelächter und dummes Zeug, er will nur intellektuellen, spirituellen Kram. Er sagt: leise, ich sage: laut. Er sagt: langsam, ich sage: schnell. Kein Kompromiss möglich. An der Stelle kam Andy Summers ins Spiel, der oft den Ausschlag gab. Nicht als Schiedsrichter. Eher als die dritte Spitze des Dreiecks.

Fruchtbarer Streit, im wahrsten Sinne...

Copeland: Oh ja. Der Prozess ist schmerzlich, aber was rauskommt, ist stark. Bei der Tour wussten unsere Jungs: Je mehr wir uns fetzen, desto besser wird das Konzert.

Haben Sie mit dem Kapitel Police endgültig abgeschlossen?

Copeland: Ja. Wissen Sie: Bei Police war ich nur der Drummer, isr ja auch okay so. Wenn ich aber Filmmusik schreibe, bin ich mein eigener Gott (lacht). Na ja, aber ich hab ja hoffentlich noch ein bisschen Zeit im Leben. Vielleicht ist es ja auch eine Frage der Dosis: Alle 20 Jahre zurück zu seiner alten Band, das ist schon in Ordnung ...

Frank Grieger

Empfehlen
Rund ums Thema
Kommentare
Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/121798/create

Aktuelle Fotos und Videos
Das 10. Rock Hard
Bildgalerie
Festival
Tanzhommage an Queen
Bildgalerie
Kultur Pur 2012
Musiker im ESC Finale
Bildgalerie
ESC 2012
Tanz-Queen Magdalena Brzeska
Bildgalerie
Let's Dance
Aus dem Ressort
Künstler wirft der Documenta-Leitung Zensur vor
Ausstellung
Streit um die Documenta in Kassel: Die evangelische Kirche wollte zur Documenta-Zeit vor einer Kirche ebenfalls Kunst zeigen. Dagegen wehrte sich die Documenta-Leitung - und muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, Zensur zu betreiben.
Türkischem Pianisten Fazil Say droht Haft wegen Tweet
Regierungskritiker
Dem bekanntem türkischen Pianisten Fazil Say drohen eineinhalb Jahre Haft. Say soll auf Twitter den Islam beleidigt haben. Die türkische Justiz ermittelt wegen des Verdachts auf Volksverhetzung. Say hat auch eine Verbindung nach NRW.