Begehren in Buchform - „Erotisches findet im Kopf statt“

Die Triologie "Shades of Grey" wurde weltweit zum Bestseller und als Sinnbild einer neuen Freizügigkeit gefeiert.
Die Triologie "Shades of Grey" wurde weltweit zum Bestseller und als Sinnbild einer neuen Freizügigkeit gefeiert.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Erotische Literatur scheint auf dem Höhepunkt: Das Literaturbüro Ruhr untersucht in der Reihe „Von Sinnen – Eros und Illusion in der Literatur“ das Begehren in Buchform. Ein Gespräch mit Leiter Gerd Herholz über Kopfkino und die Schwierigkeit, die richtigen Worte zu finden.

Essen.. Die Erotik entfaltete ihre schönsten Seiten schon vor Jahrtausenden, wenn auch insgeheim. Und selbst gegen Film und Internet kann eine erotische Literatur sich noch behaupten. Mit Gerd Herholz, Leiter des Literaturbüro Ruhr, sprach Britta Heidemann über die alten und neuen Freiheiten des gedruckten Wortes.

Die Shades of Grey-Trilogie wurde gefeiert als Sinnbild einer ganz neuen Freizügigkeit im gedruckten Buch – aber stimmt das überhaupt? Wo fand die erotische Literatur ihre Anfänge?

Gerd Herholz: Zur bloßen Schilderung der Erotik muss etwas hinzukommen: der Eros der Sprache, die Liebe zur Sprache selbst. Das kann ich in „Shades of Grey“ nicht finden. Eros in der Literatur, sprachmächtige erotische Schilderungen sind so alt wie die Literatur unseres Kulturkreises selbst. Von den Gedichten der Sappho aus Lesbos über die Gewaltfantasien oder göttlichen Verführungen der „Ilias“, der „Odyssee“ bis etwa zur hohen und niederen Minne des Mittelalters hierzulande. Viele erotische Texte auch namhafter Autoren, von Autorinnen ganz zu schweigen, sind nie veröffentlicht worden, wurden nur in kleinem Kreise vorgetragen, oft erst posthum bekannt. Goethe berichtete gelegentlich von seinem „Vergnügen, Gedichte zu schreiben, die man nicht vorlesen kann“.

Dann ist das Neue vielleicht, dass diese Art von Texten heute jedem zugänglich ist?

Herholz: Wer wollte, konnte solche Texte natürlich offener schon ab den 50er-Jahren finden, später dann im Rahmen der sogenannten sexuellen Revolution sowieso leichter. Einem größerem Publikum zugänglich wurden viele erotische Texte aber erst mit Anthologien wie etwa „Das Tier mit den zwei Rücken“ von Roger Willemsen oder Heinz Ludwig Arnolds „Handbuch der lyrischen Hocherotik deutscher Zunge“ – beide von 1990.

Es ist ja erstaunlich, dass in Zeiten des Films das Schreiben über Sex und Erotik aber doch kein Ende nahm – wie erklären Sie sich das?

Roman-Verfilmung Herholz: Kopfkino! Erotisches findet vor allem im Kopf statt. Der Leser als Komplize eines virtuosen Textes fantasiert diesen selbst gekonnt zu Ende – vorausgesetzt er oder sie hat selbst die nötige Fantasie. Wo Porno die Fantasie tötet, da öffnet erotische Literatur erst den Horizont zur Kunst des Liebens. Aber gute erotische Literatur scheint nicht eben leicht zu machen zu sein. Roger Willemsen war es auch, der eins ihrer großen Probleme und jeder Versprachlichung des Begehrens überhaupt formuliert hat: „Kaum hebt sie an, gehen ihr die Worte aus“, schreibt er etwa über die Rede vom Koitus.

Gehen wir vom bestmöglichen Fall aus – was kann uns Literatur über das Begehren erzählen, das über das Sicht- und Filmbare hinausweist?

Herholz: Sie kann uns erzählen über das Erotische als etwas, das weit über den Bereich des Sexuellen hinausgeht. Dies lässt uns im glücklichsten Falle im Von-Sinnen-Sein ganz bei Sinnen sein, lässt Subversives aufschimmern, die Möglichkeit, ohne Angst anders zu sein und zu lieben, Spielarten der Liebe zu erkunden, ohne die Entwicklung des Gegenübers zu behindern.

Nicht nur, wenn wir in die Buchregale schauen, entsteht der Eindruck, dass wir nie so frei waren wie heute. Aber stimmt das?

Herholz: Hier vielleicht und vielleicht nicht mehr lange. Aus sexueller Befreiung wurde vielerorts sexuelle Bevormundung, Verbot oder gleich die Tabuisierung alles Erotischen. Die Kultivierung des Eros in Leben und Literatur ist heute nur wenigen vergönnt. Nur wenige Menschen haben – global gesehen – zurzeit überhaupt die Chance, ihr eigenes Begehren in Freiheit zu entdecken. Dem entgegen steht etwa die Pornografisierung unserer Gesellschaft, der Zwang zu maximaler Leistung und zu einem optimierten Körper. Aber auch die neue alte Homophobie weltweit, die frauenfeindlichen ideologisch-religiösen Systeme, in denen Frauen den eigenen Leib vor allem als Leibeigene erfahren müssen. Der „Eros als Agent des Anderen“, wie Ariadne von Schirach sagt, als selbstbestimmtes Ausloten erotischer Dimensionen des Lebens scheint heute mehr als gefährdet.

Die Reihe „Von Sinnen“: www.vonsinnen.eu