Bausünden-Kalender lädt 365 Mal zum Abriss ein

Juli-Motiv, Castrop-Rauxel: Die Architektur-Expertin Turit Fröbe sammelt solche Scheußlichkeiten für ihren Abrisskalender.
Juli-Motiv, Castrop-Rauxel: Die Architektur-Expertin Turit Fröbe sammelt solche Scheußlichkeiten für ihren Abrisskalender.
Foto: Turit Fröbel/BASTEI LÜBBE
Was wir bereits wissen
Turit Fröbe ist Architekturhistorikerin, sie gilt als Expertin für Schöpfungen, die man zur Sprengung freigeben könnte: Nun gibt es dazu einen Kalender.

Essen.. Die meisten lassen es heute Nacht krachen. Da denkt Turit Fröbe bei ihren guten Vorsätzen bereits an Sprengung. Halb augenzwinkernd, halb aus Profession. "Bausünden" sind Frau Fröbes Spezialgebiet. Ihr "Abrisskalender" machte sie bekannt.

Wer ist eigentlich Schuld ist an Ihrem Fachgebiet "Bausünden"?

Turit Fröbe: Ein Stromkasten in Bielefeld. Ich war 30. Plötzlich stand ich vor einer Kunst am Bau, die wie ein Mini-Stonehenge aussah: gewaltige Stelen, die diesen Kasten umzingelten. Einfach grau und Menschen dazu einladend, ihren Müll hineinzuschmeißen. Es hat mich wie der Blitz getroffen. Ich stand da und dachte: Man müsste diesen ganzen Schrott, der in Deutschland rumsteht, sammeln und einen Abreißkalender machen.

Seitdem gelten Sie als Expertin für Bauwerke, die man besser nie gebaut hätte...

Fröbe: Ich hab mir als "Abrisstante" einen Namen gemacht (lacht). Das war ein weiter Weg: Für den ersten Kalender habe ich viereinhalb Jahre Verlage abgeklappert. 365 Bauwerke, die man abreißen sollte. Alle sagten: "Super Idee!" Aber keiner hat sich getraut, das zu machen.

Inzwischen haben Sie Ihr Thema fast lieb.

Fröbe: Das stimmt. Ich bin ein großer Fan von gut gemachten Bausünden. Sie sind in der Regel liebevoll, ambitioniert gemacht, sie haben Bildqualität, zeugen von Mut. Da werfe ich mich sozusagen davor, wenn die Abrissbirne kreist.

Sünde kann ja auch attraktiv sein. Wenn man nascht...

Fröbe: So habe ich den Begriff noch nicht gesehen. "Bausünde" ist doch eine richtige Moralkeule. Der Begriff kommt aus dem letzten Jahrhundert. Konservative Strömungen haben ihn genutzt, später dann auch die Nazis. Als Architekturhistorikerin sollte ich ihn eigentlich nicht gebrauchen, aber jeder weiß halt sofort, was gemeint ist. Auf schlechte Architektur können sich Menschen übrigens viel schneller einigen als auf gute.

Komisch, dass es dann so viele hässliche Busplatten und Einkaufszentren gibt – und alle so gleich.

Fröbe: Aber das sind die schlechten Bausünden, das sind die ärgerlichen! Die überall gleichen neuen Bankpaläste, die Fußgängerzonen... Das Problem ist: Diese Sachen sind so langweilig, dass man sich darüber nicht aufregt. Man bemerkt sie kaum, sie sind in ihrer einförmigen Hässlichkeit unsichtbar. Eine gut gemachte Bausünde regt auf – und wird abgerissen. Dabei sind das Bauten von Mut.

Sie lieben Bausünden eigentlich und doch rufen Sie mit dem Kalender zum Abreißen auf?

Teure Baustellen Fröbe: (lacht) Aber nur vom Kalenderblock! Es ist nun mal so, dass man es nicht immer schafft, der gebauten Umwelt mit einem liebevollen Blick zu begegnen. Und im Kalender finden Sie das gesamte Spektrum der städtebaulichen Realsatire: am Wochenende die Einfamilienhäuser, an hohen Feiertagen Kirchen und so weiter.

Wie gefällt Ihnen der Klinkerbau von Christian Wulff?

Fröbe: Über Wulffs Haus möchte ich nicht lästern. Ich begrüße, dass es für jeden Typ Mensch eine individuelle Behausung gibt. Einfamilienhäuser tragen ihre Wünsche in den öffentlichen Raum. Egal, ob sie Zwerge oder Buddhas am Törchen haben: Eigentlich ist es eine verlängerte Wohnzimmereinrichtung. Bausünden sind übrigens nie allein zu finden: Wenn einer anfängt, seine Träume an die Fassade zu hängen, zieht der Nachbar nach.

Turit Fröbe, geboren 1971, studierte Kunstgeschichte und Archäologie. Seit 2005 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Architektur der Universität der Künste Berlin.