Balsam für die geschundene Seele

Susanne Schart arbeit beim Versorgungsbataillon der Glückauf-Kaserne in Unna.
Susanne Schart arbeit beim Versorgungsbataillon der Glückauf-Kaserne in Unna.
Foto: wp
Was wir bereits wissen
Susanne Schart, Westfalens einzige Militärpfarrerin, ist in Unna und Ahlen für 2500 Soldaten zuständig.

Unna.. Wer Susanne Schart in ihrem Büro besucht, läuft frontal vor ein Bibelwort: „Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“, hat die Militärpfarrerin aus dem 2. Korintherbrief an die Wand schreiben lassen. Stark sein - schwach sein, das ist bei Soldaten, das ist bei der Bundeswehr auf vielen verschiedenen Ebenen immer wieder ein Thema.

Seit vier Jahren ist die evangelische Theologin beim Versorgungsbataillon der Glückauf-Kaserne in Unna. Daneben betreut sie auch noch den Sanitätsstandort Ahlen. 2500 Soldaten und Soldatinnen (10 Prozent) gehören zu ihrer Gemeinde, die so ganz anders ist, als das herkömmliche Gottesvolk, um das sich Gemeindepfarrer kümmern. Susanne Schart ist die einzige Militärpfarrerin in Westfalen; bundesweit gibt es zehn - von insgesamt 100 evangelischen Standortpfarrern.

Kirche „Die Soldaten freuen sich, wenn eine Frau kommt“, hat Pfarrerin Schart vom ersten Tag an erfahren. Männer zwischen 19 und 59 Jahren bilden ihre Kirchenherde. Männer, die nicht selten Seel-Sorge brauchen. „Manchmal führe ich fünf Einzelgespräche am Tag; oft geht es um Heimweh, Wochenend-Ehe, um Scheidungen, aber auch um andere Sorgen“, erzählt die Theologin, die als Militärpfarrerin eine echte Erfüllung gefunden hat. „Doch nein“, wirft sie gleich ein, „es geht nicht um mich, um meine Befindlichkeit. Es geht immer nur um die Frage: Was braucht meine Gemeinde? Ich bin für die Soldaten da, das sollen sie spüren.“

Eine Portion Eis zum Abkühlen

Als es jetzt so brüllheiß war, ist sie mit dem Kasernen-Koch umhergefahren und hat Eis verteilt. Als ganz kleine Geste, die ganz groß angekommen ist. Integrieren möchte sich Pfarrerin Schart, nicht missionieren. Nirgendwo anders habe sie bisher so viel gelacht und so viel geweint wie in diesem Amt.

Sie sucht den Kontakt zu den Menschen, organisiert Rüstzeiten für Väter und Söhne, für Familien, auch für Motorradfahrer. Sie pflegt das „unkomplizierte Miteinander“, will Ansprechpartner, Zuhörer und Unterstützer sein. „Kirche kann viel von Soldaten lernen“, sagt sie. „Seelsorge ist keine Einbahnstraße“, fügt sie hinzu. Die gegenseitige Fürsorge unter den Soldaten gefällt ihr. Das Klare, das Eindeutige und Direkte hat sie sich im Laufe der Jahre selbst zu eigen gemacht. Die Soldaten haben sie längst akzeptiert, sie als „eine von uns“ aufgenommen. Zu den Feldgottesdiensten kommen regelmäßig mehrere hundert Soldaten. „Ich habe hier die, die sonst in der Kirche fehlen“, hat Susanne Schart festgestellt. Und auch diesen Satz eines Offiziers kann sie nicht mehr vergessen: „Im Schützengraben gibt es keine Atheisten.“

Angesichts von Scheidungsraten um die 80 Prozent lassen sich die Seelenqualen eines Soldatenlebens auch in einer friedlichen Kaserne leicht vorstellen. Die Militärpfarrerin hat nicht immer eine Lösung, aber sie kann zumindest Zeit zum Zuhören anbieten. Zum Aussprechen, zum Seufzen und zum Atemholen. Und manchmal bringt sie auch nur eine Portion Eis.