Das aktuelle Wetter NRW 11°C
Kultur

Babylonischer Kraftakt

28.10.2012 | 13:22 Uhr
Foto: /dapd/Uwe Lein

Babylonischer Karneval mit Oktoberfestambiente: Vor mächtigen Zyklopenmauern mit Keilschriftzeichen tanzt eine aufgekratzte Volksmengen zu Variationen über den Bayerischen Defiliermarsch und "Wir sind die lustigen Holzhackerbuam". Bier in Maßkrügen wird gereicht.

München (dapd-bay). Babylonischer Karneval mit Oktoberfestambiente: Vor mächtigen Zyklopenmauern mit Keilschriftzeichen tanzt eine aufgekratzte Volksmengen zu Variationen über den Bayerischen Defiliermarsch und "Wir sind die lustigen Holzhackerbuam". Bier in Maßkrügen wird gereicht. Der Skorpionmensch, der zu Beginn als einziger Überlebender aus den Trümmern einer zerstörten Stadt gekrochen war, legt einen Schuhplattler aufs Parkett. Das Neujahrsfest war einer der musikalischen und optischen Höhepunkte von Jörg Widmanns neuer Oper "Babylon", die am Samstagabend im Münchner Nationaltheater mit großem Erfolg uraufgeführt wurde.

Die Erwartungen an das neue Werk des in München geborenen, mit Ehrungen und Auftragskompositionen reichlich gesegneten Komponisten und Klarinettisten waren hoch. Mit Kent Nagano stand ein ausgewiesener Experte fürs Zeitgenössische am Pult des Bayerischen Staatsorchesters. Kein Geringerer als der Philosoph Peter Sloterdijk hatte das Libretto verfasst. Die katalanische Theatergruppe La Fura dels Baus um Regisseur Carlus Padrissa war für die Inszenierung verantwortlich.

Dreistündiges Spektakel

Fast drei Stunden dauerte das Spektakel, eine musikalische und visuelle Materialschlacht sondergleichen. Sloterdijk hatte in seinem ersten Opern-Textbuch dem Babylon-Mythos eine musiktheatertaugliche Lovestory implantiert: Tammu, der als jüdischer Exilant in Babylon lebt, verliebt sich in Inanna, Priesterin im Tempel der treuen Liebe. Als die Götter die Menschen mit Sintflut und Meteoritenhagel bedrohen, wird Tammu geopfert, um die zornigen Götter zu besänftigen. Doch Inanna gelingt es, den Tod zu bezirzen und Tammu aus der Unterwelt ins Leben zurückzuholen.

In Widmanns Klangsprache spiegelt sich ganz konkret die Vielsprachigkeit und Vielstimmigkeit auf der Dauer-Baustelle am Turm zu Babel. Der Komponist frönt über weite Strecken einem unbefangenem Eklektizismus, macht Anleihen beim barocken Choral, beim Jazz, beim Volkslied, bei der Militärmusik. Blechgedröhn, das Geklappere von Geigenbögen auf Holz und derbe Schlagzeug-Salven akzentuieren die immer wieder sich auftürmenden Steigerungswellen. Nagano lotste das Staatsorchester sicher und inspiriert durch die monströse 600-Seiten-Paritur, für die sein Dirigentenpult extra umgebaut worden war.

Reichlich Premierenjubel aus dem Publikum

Zu diesem opulenten Klanggeflecht lieferten La Fura dels Baus ihre notorischen Bilderfluten. Ständig wuseln lemurenhafte Gestalten über die weite Bühne, türmen riesige Quader zu Mauern und Türmen, die krachend wieder zusammenbrechen. Über allem schwebt ein riesiger, mit babylonischen Schriftzeichen verzierter, zunächst nutzloser Kubick-Würfel, der später zu Tammus Opferkammer mutiert. Inanna, Verkörperung der Wollust, schwebt am Trapez ein, angetan mit Leuchtdioden-Flügeln und riesigen Eierstöcken.

Zum Ende schienen Widmann und seinem Librettisten ein wenig die Ideen auszugehen. Warum die beiden Liebenden in einem Plexiglas-Raumschiff ins Nirgendwo entschweben, bleibt rätselhaft. Leider droht beim Happy End, das eine neue Ordnung zwischen Himmel und Erde begründen soll, die Musik ins Banale, Kitschige abzugleiten. Trotzdem reichlich Premierenjubel, für Widmann, Nagano, Chor, Regie- und Sängerteam sowie wenige Buhs für Sloterdijks bedeutungsschwangeren Libretto-Erstling. Das gesamte Ensemble hatte die Uraufführung dem am Samstag im Alter von 86 Jahren in Dresden verstorbenen Komponisten Hans Werner Henze gewidmet. Widmann ist ein Schüler des bedeutenden Tonkünstlers.

dapd

dapd

Facebook
Kommentare
Umfrage
Viele Manager von städtischen Unternehmen verdienen mehr als eine halbe Million Euro im Jahr. Die Einkommen richten sich nach Branche, Unternehmensgröße und Umsatz. Finden Sie die hohen Gehälter angemessen?

Viele Manager von städtischen Unternehmen verdienen mehr als eine halbe Million Euro im Jahr. Die Einkommen richten sich nach Branche, Unternehmensgröße und Umsatz. Finden Sie die hohen Gehälter angemessen?

 
Aus dem Ressort
Konstantin Wecker freut sich auf sein Konzert in Gladbeck
Musik
„40 Jahre Wahnsinn“. Die Stadthalle in Gladbeck ist der einzige Spielort in NRW zur Jubiläumstour von Liedermacher und Friedenskämpfer Konstantin Wecker. Der gebürtige Münchener schätzt die ehrliche und direkte Art der Menschen im Ruhrgebiet, das hat er uns jetzt im Interview verraten.
Essener Regisseur inszeniert „Wunder von Bern“ als Musical
Musical
Folkwang-Professor Gil Mehmert führt Regie – ein Gespräch vor der Premiere am Sonntag in Hamburg über Revier-Verbundenheit, einen neuen Schub für die deutsche Musical-Szene und die Wiederbelebung von Wir-Gefühlen“ und Teamgeist.
Ein Star und viele Sternchen beim Hagener Kurzfilmfestival
Filmfestival
Schaulaufen beim Hagener Kurzfilmfestival „Eat my shorts“. Schauspieler wie Nastassja Kinski, Ralf Richter oder Showgröße Tanja Szewczenko posierten vor den Kameras, ehe sie im Kinosaal verschwanden, um die sechs ausgewählten Filme zu schauen.
Buch erzählt die Geschichte der Popolskis und der Pop-Musik
Comedy
Nach der Auflösung der Familie Popolski wird ihr verrücktes Treiben auf den Bühnen und im Fernsehen in Buchform festgehalten. Pavel Popolski alias Achim Hagemann erzählt die frei erfundene „wahre Geschichte“ der Pop-Musik. Noch ein Medium, das die Popolskis mit ihrer schrägen Story besetzen.
Von Fan beleidigt - Morrissey bricht Konzert in Polen ab
Morrissey
Trotz seiner Krebserkrankung tourt der britische Künstler Morrissey weiter durch Europa. Ein Konzert in Polen brach der einstige "The Smiths"-Sänger in dieser Woche ab, nachdem er von Fans wohl beleidigt wurde. Am Montag spielt Morrissey ein Konzert in Essen.