b.22 - Martin Schläpfer fordert sein Publikum in Duisburg

Macros Mehna brilliert in Schläpfers Inszenierung mit athletischer Technik und ausdrucksstarken Spielsequenzen.
Macros Mehna brilliert in Schläpfers Inszenierung mit athletischer Technik und ausdrucksstarken Spielsequenzen.
Foto: Gert Weigelt
Was wir bereits wissen
„Verwundert seyn – zu sehen“, nennt der Chef des Rheinopernballetts seine jüngste Kreation. Und Rätsel der Verwunderung gibt Martin Schläpfers Duisburger Abend nicht wenige auf.

Duisburg.. Ein junger Künstler sitzt, springt oder irrt durch eine geheimnisvolle, dunkle Welt, die von einem kreisenden Mond beleuchtet wird. Er, Marcos Menha, trifft auf faszinierende, aber seltsame Wesen, ringt mit einem kraftvollen Athleten, oder lässt sich von einer Ballerina betören, die in hoher Danse d’Ecole über die Bühne schwebt. Am Ende bleibt er allein und wundert sich, dass das Leben so schnell vorübergezogen ist. „Verwundert seyn – zu sehen“ so nennt Martin Schläpfer seine neue Kreation, mit der der neue Ballettabend „b.22“ in Duisburg beginnt.

Keine leichte Kost verabreicht der gefeierte Choreograf seiner Gemeinde, die ihn, trotz Verstörung, nach der Premiere ritualgemäß feierte. Als Ballett-Philosoph gibt Schläpfer poetische Rätsel auf, bereits mit dem Titel, den Schläpfer der Schopenhauerschen Schriftensammlung ‚Parerga und Paralipomena’ (Beiwerke und Nachträge) entnahm. Der abgedunkelte Raum, über dem ein Mond-Objekt schwebt und später Planeten in verschiedenen Sternbildern aufleuchten, stammt von Ausstatter Keso Dekker. Dessen minimalistische Strenge steht hier im Widerspruch zu den emotionalen, ausgreifenden Schrittfolgen, angetrieben von Skrjabin-Sonaten und Liszts „Grande Valse di bravura“ (Pianist: Denys Proshayev). Und zu der Geisterwelt, in die sich der Träumer Marcos flüchtet.

Ballett Stammeskönigin mit sechs Frauen

Immer wieder tauchen eine seltsam gewandete Stammeskönigin und sechs Frauen auf, ziehen den jungen Mann in ihren Bann und verschwinden wieder. Menha brilliert mit athletischer Technik, genauso wie mit ausdruckstarken Spielsequenzen. In manchen Phasen der knapp 60 Minuten kommt die Choreografie zum Stehen, gleitet ab in Finsternis. Nicht zufällig widmete Schläpfer dieses Opus Bogdan Nicula – einem Tänzer, der mit ihm seit 15 Jahren arbeitet und seit einiger Zeit schwer erkrankt ist.

Nicht weniger anstrengend und irritierend, wenn auch brillant getanzt, wirkt „Ein Wald, ein See“, ein Schläpfer-Stück von 2006. Hier führen er und Allround-Musiker Paul Pavey in eine archaische Natur-Welt. Es trommelt, klappert und säuselt, Winde heulen und pfeifen, dann rattern Perkussions-Instrumente. Naturklänge, Jazz-Anlehnungen, archaische Folklore vereinen sich.

Ballett In freier Wildbahn

In einem Dickicht aus silbrig gewellten Metallrohren (Bühne: Thomas Ziegler) dominieren Gruppenformationen in fließenden oder rhythmisch betonten Bewegungen. Nur selten lösen sich in dieser Schauerromantik Individuen von der Gruppe, kriechen, schlagen Flügel, schmiegen aneinander. Klischee-Bewegungen, die an freie Wildbahn erinnern, vereinen sich mit athletisch betonter Ästhetik à la Schläpfer.

Exquisit trainierte Kompaniezeigt puren Tanz

Aus der düsteren Atmosphäre befreit, für kurze Zeit, das Stück „Moves“ von Jerome Robbins, ein Neoklassiker von 1959. Ohne Musik vollführt die exquisit trainierte Kompanie Tanz pur.

Fazit der aktuellen Produktion: ein anstrengender Tanzabend voller Rätsel von gut drei Stunden.

Termine der nächsten Aufführungen am 30. Januar, 5., 7. und 11. Februar. Ab Mai dann an der Düsseldorfer Rheinoper. Kartentelefon 0203 - 940 77 77. www.ballettamrhein.de