Autor Max von der Grün: Ein Einwanderer und Ausnahmefall

Max von der Grün im Jahre 1988.
Max von der Grün im Jahre 1988.
Foto: picture alliance / ZB
Was wir bereits wissen
Am Dienstag vor zehn Jahren starb Max von der Grün, die Galionsfigur in der Literatur der Arbeitswelt. Eine Erinnerung an einen großen Schriftsteller.

Hagen.. Mit der Literatur der Arbeitswelt hat das Ruhrgebiet seinen bislang einzigen originären Beitrag zur deutschen Literaturgeschichte geleistet, und ihre bundesweit bekannteste Galionsfigur Max von der Grün war – ein Einwanderer. 1926 unehelich in Bayreuth zur Welt gekommen, Sohn einer Frau aus verarmtem Adel, war dem heute vor zehn Jahren gestorbenen von der Grün dank seines Zungenschlags zeitlebens seine oberpfälzische Heimat anzuhören. In der nordbayerischen Kleinstadt, in der Max von der Grün aufwuchs, habe es 7998 Katholiken gegeben, erinnerte er sich später, und zwei Protestanten: ihn und seine Mutter. Er sei ein Einzelgänger, sagten sie schon dort – jene ausgerechnet, die ihn dazu gemacht hatten.

Große Furchtlosigkeit

Von der Grün wurde stark in dieser Rolle, bis zur Sturheit. Nicht zuletzt, weil sein Stiefvater zu den Bibelforschern gehörte und von den Nazis ab 1938 bis zum Kriegsende ins KZ Flossenbürg verschleppt wurde. In dieser Zeit mag von der Grün seine große Furchtlosigkeit entwickelt haben. Sie kam ihm zugute, als er zu Beginn der 60er-Jahre mit seinen Bergbau-Romanen „Männer in zweifacher Nacht“ sowie „Irrlicht und Feuer“ fast alle gegen sich aufbrachte: Zechenleitungen und Gewerkschaftsfunktionäre, deren Zusammenarbeit beim Kurzhalten der Kumpel von der Grün schilderte, aber auch die Zulieferfirmen, die er beschuldigte, unausgereifte Maschinen an einer Belegschaft zu testen, die ihre Knochen dafür hinhalten musste.

Geburtstag Von der Grün, und das machte seine Roman-Schilderungen so gefährlich, wusste ja, wovon er schrieb: Der gelernte Maurer, der zu Kriegszeiten eine Kaufmannslehre begonnen hatte, bevor er zur Wehrmacht eingezogen wurde, war des Geldes wegen 1951 ins Ruhrgebiet gegangen und malochte als Ungelernter auf der Zeche Königsborn. Der zweimal verschüttete Schlepper und Hauer musste nach einem schweren Arbeitsunfall zum Gruben-Lokführer umschulen.

"Quatsch mit Soße"

Die ersten beiden sollten auch seine letzten Bergarbeiter-Romane bleiben. Von der Grün, der maßgeblich vom Dortmunder Bibliotheksdirektor Fritz Hüser gefördert wurde und ab 1963 als freier Schriftsteller lebte, wandte sich der Welt der Angestellten und Facharbeiter zu. Er, der seine Etikettierung als „Arbeiterschriftsteller“ als „Quatsch mit Soße“ beiseite wischte („Ich sehe immer nur Menschen“), wurde zum Chronisten der Verbürgerlichung, seine Romane beleuchteten die mehr oder minder subtilen Entfremdungsmechanismen zwischen Büro, Konsumbetäubung und Fernsehabend-Ödnis.

Russische Literatur Authentisch und überzeugend gerieten ihm solche Romane wie „Zwei Briefe an Pospischil“, „Stellenweise Glatteis“ oder „Flächenbrand“ nicht zuletzt, weil sie Alltagshelden auf Augenhöhe und nicht vom Katheder herab schilderten. Schließlich war Max von der Grün, der mit einem Schmunzeln von seinem Faible für schnelle Autos zu erzählen pflegte, zu Selbstironie und Rollendistanz ebenso in der Lage wie zur genauen Beobachtung.

Der Erfolg der „Vorstadtkrokodile“

Der Stil dieses Schriftstellers, der sich während der dreijährigen Kriegsgefangenschaft in den USA für Literatur und klassische Musik zu begeistern gelernt hatte, war in seiner oft staubtrockenen Lakonik zunächst an Vorbildern wie Hemingway, Faulkner und John Steinbeck geschult; nun wurde er vielschichtiger. Auch das Buch, das zu von der Grüns größtem Erfolg werden sollte, verdankte sich der eigenen Erfahrung: Mit den „Vorstadtkrokodilen“ buchstabierte er als Vater eines Behinderten die Inklusion – Jahrzehnte bevor das Wort in aller Munde war.

Literatur Die Geschichte von Kurt im Rollstuhl wurde zweimal verfilmt, fürs Fernsehen von Wolfgang Becker, der dafür 1977 die Goldene Kamera bekam, und 2009 fürs Kino, mit dem Deutschen Filmpreis dekoriert, weshalb auch gleich zwei Fortsetzungen gedreht wurden. Überhaupt ist Max von der Grün bis heute einer der meistverfilmten deutschen Nachkriegsschriftsteller.

Die Erinnerung an ihn hält etwa der Max-von-der-Grün-Platz vor der Stadt- und Landesbibliothek in Dortmund wach, aber auch ein nach ihm benannter Radweg auf einer ehemaligen Bahntrasse der Zeche Königsborn 2/5 in Bönen, wo Szenen seines Romans „Irrlicht und Feuer“ spielen. In von der Grüns Geburtsstadt Bayreuth wollte man ihn 2012 mit einer Tafel an seinem Geburtshaus ehren – sie wurde jedoch am falschen Haus angebracht. Ein Literaturpreis trägt bis heute nicht seinen Namen.