Austernkunde und Sanddiebstähle

Es wäre nicht ganz angemessen, Jean-Luc Bannalec als eine Donna Leon der Bretagne zu bezeichnen. Denn die Fälle seines Kommissars Dupin sind kriminalistisch doch ein wenig vertrackter als Brunettis ewiges Verzweifeln am Mafia- und Honoratiorenfilz. Aber Bannalecs Romane vereinnahmen die Region an der Atlantikküste nicht als pittoreske Kulisse, sie schwärmen so sehr von der Landschaft am Atlantik, dass sie zu einem stets gegenwärtigen Hauptakteur der Romane wird. Nicht von ungefähr hat man in der Bretagne einen nennenswerten Anstieg der Touristenzahlen aus Deutschland registriert, seit mit „Bretonische Brandung“ 2012 der erste Bannalec erschien. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die ersten Pauschalreisen „Auf den Spuren von Kommissar Dupin“ angeboten werden.

In der „Bretonischen Brandung“ bekam man es mit Gauguin und anderen Highlights der bretonischen Kunstgeschichte zu tun, im zweiten („Bretonische Verhältnisse“) mit den beinahe karibisch anmutenden Glénan-Inseln vor der Atlantikküste und im dritten („Bretonisches Gold“) mit dem Meersalz, das in der Guerande, der südlichen Bretagne gewonnen wird.

Und nun, im „Bretonischen Stolz“, der mit einer gewiss rasch ausverkauften Startauflage von 250 000 Exemplaren herausgekommen ist, geht es um die Austernzucht. Weshalb der Fall sich im wesentlichen am Flüsschen Belon abspielt, wo Exemplare der Feinschmeckermuschel nicht nur gezüchtet werden, sondern auch „veredelt“ – und zwar solche, die zunächst in Irland, Schottland oder anderen exotischen Gegenden „angebaut“ wurden.

Wir lernen, zwischen der seltenen, aber unter Gourmets hochgradig beliebten europäischen Auster („Plates“) und der Pazifischen Felsenauster („Creuses“) zu unterscheiden. Wir lernen auch, dass Bauunternehmen die Strände des Finistère mit verheerenden Sanddiebstählen ihrer Substanz berauben. Und erhalten Einblicke in die skurrile Welt des neuzeitlichen Druidenwesens, in dem esoterische Bedürfnisse und der Regionalstolz ehemaliger keltischer Siedlungsgebiete von Schottland bis Asturien eine gelegentlich unheilbringende Allianz eingehen.

Kauzige Ureinwohner

Und sonst? Kommissar Dupins Herzdame zieht aus Paris ins bretonische Quimper, sein Assistent Riwal absolviert das Bretagne-Diplom und wir kommen hinter das gut gehütete Geheimnis einer alternden Filmdiva. Bannalec weidet sich aufs Schönste am eigenwilligen Humor und der Kauzigkeit der Bretonen – und einmal mehr und höchstens ein oder zwei Mal zu viel an den so abwechslungsreichen wie atembeschleunigenden Landschaftsbildern dieser Region. Allerbestes Urlaubsgepäck, auch wenn man ganz woanders hinfährt!