Ausstellung in Herne zeigt Fluch und Segen des Aberglaubens

Blick in die Ausstellung im Archäologie-Museum von Herne. Sie kombiniert moderne Kunst und Ausgrabungsgegenstände miteinander, um den Aberglauben von verschiedenen Seiten zu beleuchten.
Blick in die Ausstellung im Archäologie-Museum von Herne. Sie kombiniert moderne Kunst und Ausgrabungsgegenstände miteinander, um den Aberglauben von verschiedenen Seiten zu beleuchten.
Foto: Ralph Bodemer
Was wir bereits wissen
Eine Ausstellung im Archäologie-Museum Herne kombiniert Kunstwerke zum Thema Aberglaube mit Fundstücken - Ein Panorama von der Steinzeit bis heute.

Herne.. Ein Ehemann sollte seiner Frau nie Schuhe schenken – sie könnte ja weglaufen damit. Und dass am Freitag, dem 13., ein Unglück dräut, weiß jeder – aber kaum jemand, dass dieser Aberglaube nicht seit ewigen Zeiten kursiert, sondern eine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist. Oder dass das Wort „Hokuspokus“ als mehr oder weniger unfreiwillige Verballhornung der lateinischen Formel entstand, wie sie in der katholischen Messe bei der Wandlung gesprochen werden: „Hoc est enim corpus meum...“

Dinge wie diese erfährt man derzeit im Archäologiemuseum in Herne, wo eine Ausstellung moderne Kunst und Ausgrabungsgegenstände miteinander kombiniert, um den Aberglauben von verschiedenen Seiten zu beleuchten.

Das Loch im Zahn und die Alchemie

Seit Jahrtausenden kommen und gehen Religionen – nur der Aberglaube war immer schon da. Schließlich ist jeder Glaube für alle, die ihm nicht anhängen, der reinste Aberglaube. Und damit ging es in Westfalen schon vor 10.000 Jahren los: Das älteste Stück der Ausstellung ist ein Wolfs- oder Hundezahn, in den jemand ein Loch gebohrt hat – ein Amulett. Um sich Kräfte des Tiers zu verschaffen, seine Schnelligkeit und seinen Biss – oder eher um ein Erkennungszeichen zu haben? Ein Schmuckstück? Glaubenssache, sagt die Wissenschaft. Es hat ja damals leider keiner aufgeschrieben, wozu das Loch im Zahn gut war.

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Schicksal aus der Zeit der Hexenverfolgungen

Mit künstlerischen Mitteln leuchten dagegen Ines Braun und Iris Stephan den Aberglauben aus. Das reicht von den Dutzenden von Gamsbockschädel-Jagdtrophäen, die wie ein reißender Bach aus einem Koffer zu strömen scheinen, bis zu den 15 Handtaschen, von denen jede ein Schicksal aus der Zeit der Hexenverfolgungen erzählt, spiegelt, kommentiert. So erinnert ein Fachwerkhäuschen, das aus der schwarzen Handtasche lugt, an die reiche Apothekerwitwe Katharina Roesler. Ihr zweiter Ehemann beschwert sich beim Hofrat darüber, dass er für die horrenden Kosten ihres Hexenprozesses aufkommen soll. Sie beliefen sich auf 100 Reichstaler, was dem Wert eines Hauses entsprach. Katharina Roeslers Witwer beharrte darauf, dass der Großvater der Verurteilten das Geld bezahlen sollte. Das reiche Erbe der als Hexe denunzierten Frau fiel an ihn.

Ausstellung Die teils ironischen, teils erzählenden, aber stets hintersinnigen Objekte, Installationen, Fotografien und Kunstwerke bilden den größten Teil der Ausstellung. Dadurch reduziert sich die Zahl der archäologischen Stücke so, dass man Muße hat, sich ihre Geschichte erzählen zu lassen. Wie bei der kleinen römischen Merkur-Statue mit einem geflügelten Helm, die man in Beelen bei Warendorf entdeckt hat – gemeinsam mit 300 Jahre jüngeren Schläfen- und Ohrringen germanischer Machart. Sie waren zusammen in einem Tontopf in den unruhigen Zeiten der Völkerwanderung verbuddelt worden. Die Germanen haben Merkur, den Gott der Kaufleute und Diebe, für sich vereinnahmt. Oder sahen sie ihren Göttervater Wotan in der Figur? Auch das ist einmal mehr Glaubenssache – bis die Wissenschaft eindeutige Indizien gefunden haben wird.

Die geschenkten Prada-Schuhe

Dass der Aberglaube auch der Zivilisation zugute kommt, sieht man an der Sorge, beim hemmungslosen Gähnen könnte die Seele aus dem Körper entweichen – seither hält man sich dabei die Hand vor den Mund. Und dass man bei Strafe eines Unglücks nicht unter einer Leiter hergehen soll, hat die Zahl der Unfälle durch morsche Stiegen erheblich gesenkt.

Allerdings hat der Aberglaube mit den Frauenschuhen einen Haken – für die Frauen. Überliefert ist nämlich die schöne Anekdote eines Museumsmitarbeiters, dessen Ehefrau abgrundtief abergläubisch ist. Die himmlisch schönen Prada-Schuhe, die sie eines Tages im Schaufenster sah, erblickte ihr Mann wenige Wochen später im Schlussverkauf zum halben Preis. Er hätte sich ja bequem auf das drohende Unglück herausreden können. Aber die Liebe zu seiner Frau siegte: Er erstand das Paar, verlangte zu Hause einen Euro von seiner Frau. So konnten die Traumschuhe dann doch Glück bringen.