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"Arsen und Spitzenhäubchen" - Geisterbahn-Groteske mit Längen in Dortmund

01.01.2013 | 17:43 Uhr
"Arsen und Spitzenhäubchen" - Geisterbahn-Groteske mit Längen in Dortmund
Christoph Jöde als Mortimer Brewster, Eva Verena Müller und Caroline Hanke als mörderische Brewster-Schwestern in „Arsen und Spitzenhäubchen“.Foto: Anja Cord

Dortmund.   Dortmund feiert den Repertoire-Klassiker, der im Schauspiel freilich nicht ohne Längen über die Rampe kommt. Die mörderischen Brewster-Schwestern kommen mit tiefblauschwarzen Augenschatten daher und ihr Neffe Jonathan hat kein Frankenstein-, sondern ein Hitler-Gesicht. Und die Bühne ist grandios.

Als das St. Pauli-Theater vor drei Jahren bei den Ruhrfestspielen in Marl mit „Arsen und Spitzenhäubchen“ gastierte, wollte der Beifallsjubel kein Ende nehmen. Seither stehen Eva Matthes und Angela Winkler immer wieder als fürsorglich mordende Brewster-Schwestern in Hamburg auf der Bühne. Das einzige bis heute bekannte Theaterstück von Joseph Kesselring ist ein Quotenhit des Repertoires. Schon die Uraufführung sorgte ja durch den kaum enden wollenden Erfolg auf dem Broadway für einen verspäteten Leinwandstart: Der 1941 gedrehte Film mit Cary Grant durfte erst in die US-Kinos kommen, als sich New York nach 1444 Vorstellungen im Fulton Theatre sattgesehen hatte an „Arsen und Spitzenhäubchen“.

Im Dortmunder Theater haben Abby und Martha Brewster nun tiefe blauschwarze Augenschatten, denn die Komödie mit den vielen Leichen im Keller wächst sich hier zu einer grellen Groteske aus, in der fast alles mindestens eine Nummer zu groß ausfällt. Das marode und fast surreal gestaltete Brewster-Haus im Bühnenbild von Daniel Roskamp steht nicht nur einfach da, es spielt in all seiner Baufälligkeit eine tragende Rolle, und schon das sorgt für eine spektakulär bröselige Geisterbahn-Atmosphäre.

Karikierte Figuren überzeugen

Und alle machen „Huh“: Die hier noch unverheiratete Pastorstochter Elaine Harper (Bettina Lieder) kehrt die umkleidefreudige Sexbombe heraus, Uwe Schmieder wirft als kaum weniger kostümgeiler Präsidentendarsteller Teddy Brewster den Verrückten-Turbo an, Eva Verena Müller und Caroline Hanke leuchten die mörderischen Schwestern mit sarkastischen, aber auch morbid-erotischen Schattenwürfen aus.

Über weite Strecken hinweg glänzt Christoph Jöde als schnöseliger Theaterkritiker, der von allem schon zu viel hatte, aber nun auf eine steile Schussfahrt des Entsetzens gerät: Je tiefer es hinabgeht, desto mehr wird dieser aufgekratzte Mortimer Brewster zum überdrehten Spielball der Ereignisse. Julia Schubert schließlich mimt nicht nur den steifleinenen Pastor Harper, sondern brillierte, weil  der ursprünglich vorgesehen Frank Genser kurz vor der Premiere ein ärztliches Spielverbot auferlegt bekam, auch noch in einer zweiten Hosenrolle als Dr. Einstein.

Nach der Pause zieht sich der Abend unnötig in die Länge

Das ironische „Als ob“ dieses Stücks funktioniert fast zwei Stunden lang ganz wunderbar. Zumal die Regisseure Peter Jordan und Leonhard Koppelmann mit Liebe zum verrückten Detail einige schöne Gags eingebaut haben, vom Hitler-Gesicht für den Massenmörder Jonathan Brewster (Andreas Beck) über die anspielungsreich hingetupfte Bühnenmusik von Paul Wallfisch bis hin zur Mondscheibe von Nebra als Lichtorgel-Steuerung. Das geht so bis zur Pause, auf die man leicht hätte verzichten können. Danach jedenfalls zieht sich der Schlussakt wie ein ausgeleiertes Kaugummi und dehnt den Drei-Stunden-Abend gehörig.

Haltloses Geschrei und bodenlose Albernheit steigern sich immer weiter - auf Kosten der Komik. Und wenn Uwe Schmieder seinem Inspector Rooney reichlich klamottig die Stimme ins Heisere verstellt, ist das Uhrwerk der Groteske gänzlich stillgestellt – was für ein zum Feiern entschlossenes Silvester-Publikum noch angehen mochte, im Repertoire aber für Abstriche im Schlussbeifall sorgen dürfte. Der wiederum fiel bei der Premiere laut und herzhaft aus. Und allein für die Applaus-Choreografie des Ensembles lohnt sich das Ausharren denn doch.

Weitere Termine: 12., 18., 20. und 26. Januar, Karten: Tel. 0231/50 27 222 oder www.theaterdo.de

Jens Dirksen



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