Arno Geiger zeichnet „Selbstporträt mit Flusspferd“

Der Autor Arno Geiger liefert mit seinem jüngsten Roman „Selbstporträt mit Flusspferd“ die Geschichte eines Wiener Studenten, der ein Flusspferd pflegt.
Der Autor Arno Geiger liefert mit seinem jüngsten Roman „Selbstporträt mit Flusspferd“ die Geschichte eines Wiener Studenten, der ein Flusspferd pflegt.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Ein Langeweiler als Held, in aller Farblosigkeit gezeichnet: Daran scheitert auch ein sonst so begnadeter Erzähler wie Arno Geiger in seinem neuen Roman.

Es gibt eine rührende Szene in Thomas Manns „Buddenbrooks“: Hanno, letzte Hoffnung und kränkelnder Spross der Kaufmannsdynastie, zieht mit dem Lineal einen Strich unter die Familienchronik. Zur Rede gestellt, ist seine Antwort: „Ich glaubte, es käme nichts mehr.“

Bei Arno Geigers neuem Roman ertappen wir uns bereits nach zwei Dutzend von 288 Seiten bei der bangen Sorge, dass da nichts mehr kommt. Dass alles so bleibe aus den Augen dieses mehlwurmigen Wiener Studenten der Tiermedizin, dessen Name doch ein klingendes Versprechen ist: Julian.

Aber welchen gesichtslosen 22-Jährigen macht Geiger, der uns großartige Texte („Der alte König...“) geschenkt hat, zum Helden?! Einen unfertigen Taugenichts, das ginge noch an. Aber diese Trägheit im Fortkommen, dieses Bangen um Banalitäten, dieser mäandernde postpubertäre Trott, unter dessen Füßen selbst die erste große Trennung (von Judith!) etwas begähnenswert Beiläufiges erhält. Ob darum das Zwergflusspferd ersonnen ward? Es schläft und isst – wie Julian, bei dem gelegentlich Beischlaf, nur am Rande erwähnt, dazukommt. Das Flusspferd hält sich auf im Garten eines todkranken Professors. Julian springt als Tierhüter ein. Er füttert und döst. Später küsst ihn eine hübsche Unberechenbarkeit in Gestalt der Professorentochter. Eine Wende, hofft der Leser. Eine müde Schleife, weiß er wenig später.

Dieser Roman ist ein Rätsel der reizloseren Sorte. Gewiss: Gerade aus dem Nichts und dem Nichtstun eine große Erzählung zu formen, ist eine der schönsten Herausforderungen der Literatur, denken wir nur an Melvilles Bartleby. Doch obliegt dem Schöpfer sehr wohl die Aufgabe, selbst Vagheit als Wagnis zu schildern. Aber Geiger muss passen. Seelischer Leerlauf scheint in Julians Familienwappen das zentrale Motiv.

Einen kleinen Gipfel gibt es. Zehn Jahre später kommt Judith in Julians Tierarztpraxis, eine kranke Eule im Arm. Noch einmal hoffen wir! Aber unrettbar – nicht nur die Eule.

Arno Geiger: Selbstporträt mit Flusspferd, Hanser, 19,90 €