Armer Brunetti – höchste Zeit für den Ruhestand !

Donna Leon lässt Brunetti seinen 23. Fall lösen. Die Dialoge hat man gefühlt tausend Mal gelesen.
Donna Leon lässt Brunetti seinen 23. Fall lösen. Die Dialoge hat man gefühlt tausend Mal gelesen.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
In Donna Leons 23. Fall „Tod zwischen den Zeilen“ geht es um wertvolle alte Schriften – und alles ist wie immer. Vielleicht wäre es Zeit, Brunetti einen würdigevollen Abschied zu bereiten?

Essen.. Auf Seite 84 bietet sich Commissario Brunetti unvermittelt die Chance für einen würdevollen Abschied. „An Tagen wie diesen könnte ich glatt aufhören“, sinniert da sein Mitarbeiter Vianello, als sie durch Venedig spazieren. Er träume davon, „mich den Fahrenden anzuschließen oder auf einem Frachter anzuheuern“. Vielleicht nach Tahiti, Hauptsache „auf und davon“. Brunetti überlegt kurz und fragt zurück: „Kann ich mitkommen?“

Natürlich wird dann doch nichts aus dem Ausstieg und die Ermittler machen sich an ihre Arbeit. Donna Leon lässt in ihrem Roman „Tod zwischen den Zeilen“ Brunetti seinen 23. Fall lösen. Es geht um einen Diebstahl wertvoller alter Schriften aus einer Bibliothek, einen Mord gibt’s selbstverständlich auch. Die Geschichte ist, freundlich ausgedrückt, mäßig spannend, das Ende vorhersehbar und die Figuren sind Klischees statt Charaktere.

Literatur Natürlich geschieht das Verbrechen in einem altehrwürdigen „Palazzo“; natürlich spielt eine geheimnisvolle „Contessa“ dabei eine wichtige Rolle; natürlich hat Brunettis ignoranter Chef, der „Vice-Questore“, mal wieder keine Ahnung; natürlich stöbert „Signorina Elettra“ als clevere Sekretärin in verbotenen Datenbanken. Und am Ende, der Fall ist natürlich gelöst, gönnt sich der Commissario seinen Espresso. Alles wie immer also.

Weichzeichner ohne Pardon

Auch die Dialoge hat man bei Donna Leon gefühlte tausend Mal gelesen. Vollends aber nerven die notorischen Schilderungen des venezianischen Ambientes. Da lässt „die laue Frühlingsluft“ in den Gärten „die Glyzinienknospen schwellen wie Muskeln von Sportlern in den Startlöchern“. Und einmal erblickt der Commissario durchs Küchenfenster einen Himmel „so blau, als sei er aus dem Mantel der Madonna herausgeschnitten“. Donna Leons Weichzeichner kennt kein Pardon.

Commissario Brunetti hat es in den jetzt 23 Fällen mit so ziemlich jedem Verbrechen zu tun gehabt: Menschenhandel, Erpressung, Waffenhandel und Wirtschaftskriminalität, Mord sowieso. Er ist merklich müde, muss sich aber weiter durch die Gassen Venedigs schleppen. Donna Leon sollte ein Einsehen haben und ihm ein nettes Plätzchen für den Ruhestand gönnen. Es muss ja nicht gleich Tahiti sein.