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„Arbeitsgruppe“ Tocotronic im ausverkauften Dortmunder FZW

13.03.2010 | 17:03 Uhr
„Arbeitsgruppe“ Tocotronic im ausverkauften Dortmunder FZW

Dortmund. Let there be Schall und Wahn: Tocotronic traten am Freitagabend im Dortmunder Freizeitzentrum West auf. Dabei zeigten sie: Über ihre alten, demonstrativ dilettantischen Töne sie ebenso hinweg, wie die Fans hin und weg sind.

Mit ihrem neuen Album „Schall & Wahn“ stiegen Tocotronic sofort auf Platz eins der Charts ein. Und auch bei ihrem Auftritt am Samstag im Freizeitzentrum West (FZW) prangte ein „ausverkauft“ auf den Plakaten. Trotzdem oder gerade deshalb versuchte die Band ihrem eigenem Anspruch gerecht zu werden, sperrig zu sein.

Dazu dienen auch die ironischen Posen, mit denen Sänger Dirk von Lowtzow durchs Programm führt: „Hallo, wir sind die Arbeitsgruppe Tocotronic und wir spielen in Dortmund, wo wir seit 2002 nicht mehr waren“, verkündet er mit gereckter linker Faust. Das neue Songmaterial sorgt erstmal nur für verhaltenes Nicken der Köpfe, auf denen man vereinzelt noch lange Seitenscheitel findet, einstiges Markenzeichen der Indie-Rocker.

Den Trainingsjacken längst entwachsen

Tocotronic live im Dortmunder FZW

Dabei tragen Werke, wie „Eure Liebe tötet mich“, die Gene zukünftiger Klassiker in sich. Tocotronic steigern die Ballade zu einem wütenden Crescendo – intensiv und druckvoll zelebrieren sie ihre Musik. Das war nicht immer so. In den 90ern konnte es schon mal passieren, dass ein Konzert mit minutenlangem Entwirren der Instrumentenkabel begann.

An diese demonstrative Verweigerungshaltung erinnert Schlagzeuger Arne Zank, als er „Bitte gebt mir meinen Verstand zurück“ „singt“, wenn man das Ignorieren von Takt und Melodie so bezeichnen will. Auch wenn die Band ihren Trainingsjacken längst entwachsen ist, beim Klassiker „Jungs, hier kommt der Masterplan“, brechen im Publikum die Dämme.

Was bei „Schall & Wahn“ mit leichten Eruptionen im Zuschauerraum begann, mündet nun in wilden Pogo. „Let there be Rock“ und „Drüben auf dem Hügel“ werden abgefeiert, und obwohl es für Tocotronic zum Selbstverständnis gehört, Erwartungen nicht zu erfüllen, kommen sie um die Hits der 90er nicht herum. Da hilft es auch nicht zu versuchen, die Wunschtitel in Form von Zwischenrufen zu ignorieren: „Wir hören Stimmen“, macht sich Dirk von Lowtzow über die anwesenden Nostalgiker lustig. Dabei fällt auf, dass die alten Hits nicht mehr so schrammelig daherkommen wie einst, was am 2004 dazugestoßenen Gitarristen Rick McPhail liegt.

„SDS - ihr seid alle Superstars“

Zudem muss die Band nicht mehr mutwillig und demonstrativ an ihren Instrumenten dilettieren, um ihrem Lo-Fi-Status gerecht zu werden. Darüber sind sie ebenso hinweg, wie die Fans hin und weg sind: Einmal in Fahrt, stehen sie nicht mehr still.

Selbst die neuen Sachen punkten nun, wie das punkig parolenhafte „Stürmt das Schloss“, das mit der Zeile „SDS - ihr seid alle Superstars, …, euch eint Nettigkeit und Hass“, auf entsprechende Castingformate abzielt. Auch wenn viele Klassiker den neuen Songs weichen mussten und das Nichterfüllen von Erwartungen immer noch Programm ist: Die Arbeitsgruppe Tocotronic hat an diesem Abend ihr Soll erfüllt.

Jens Wege



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