Antiquariate überleben nur noch in Nischen

Arnd Hepprich ist mit seinem Antiquariat von einem Ladenlokal in Essen-Steele auf seinen Dachboden umgezogen.
Arnd Hepprich ist mit seinem Antiquariat von einem Ladenlokal in Essen-Steele auf seinen Dachboden umgezogen.
Foto: Kai Kitschenberg
Was wir bereits wissen
Im Internet wächst der Handel mit günstigen Seiten aus zweiter Hand. Antiquariate hingegen verschwinden – und überleben mit konzentriertem Sortiment.

Essen.. Literarisch ist Maja ein Allesfresser: Auf Erstlesebücher folgten Pferde- und Einhornromane in rosa, Detektivgeschichten, Rätselbücher. Mutter Andrea Becker füllt die Regale im Kinderzimmer der Achtjährigen mit Lesefutter aus dem Internet. Da fliegt Karlsson schon für 2,99 Euro vom Dach: „Gebraucht, aber günstig!“

Arnd Hepprich begann den Handel mit alten Büchern 1988; da schickten sich die Antiquare noch Suchlisten per Post zu. Heute bietet er die Schätze seines Essener „Dachstubenantiquariats“ selbstverständlich auch im Internet an – etwa die erste deutsche Ausgabe vom Handbuch des Steinkohlebergbaus, 1865, oder Karl Selbachs Illustriertes Handlexikon des Bergwesens, 1907. Denn: „Das Ruhrgebiet verpflichtet“ – sogar einen gebürtigen Hamburger.

Bücherbörse startete „als Liebhaberprojekt“

Den Düsseldorfer Daniel Conrad (38), Student der Kommunikationswissenschaften, brachte einst das Staunen über all’ die „Bücher zu verkaufen“-Zettel am Schwarzen Brett auf eine Idee: Mit Programmierer Jens Bertheau startete er eine Bücherbörse im Internet, „so als Liebhaberprojekt“. Heute, 16 Jahre später, setzt „Booklooker“ eine Million Euro jährlich um, beschäftigt neun Mitarbeiter.

Literatur Das gedruckte Buch ist tot? Ach was. Es führt sogar mehr als ein Leben. Nur hat sich der Handel mit gebrauchten Druckwerken zunehmend ins Internet verlagert: Hier boomt der zweite Buchmarkt.

„Booklooker“ ist reine Handelsplattform

„Booklooker“ ist eine reine Handelsplattform, in den Düsseldorfer Geschäftsräumen steht kein Regal, kein Buch. Privatanbieter dürfen hier ebenso verkaufen wie Händler. „Als wir anfingen, haben wir den Antiquaren angeboten, kostenlos ihre Listen bei uns einzustellen – so sind wir dann sehr schnell gewachsen“, sagt Conrad. Gemeinsam mit dem Anbieter ZVAB, eine Amazon-Tochter, ist Booklooker eine der wichtigsten Plattformen. 49 Prozent des Unternehmens hält inzwischen Weltbild: Wer hier oder bei Jokers nach Gebrauchtbüchern sucht, der stöbert automatisch bei Booklooker. Die Verkaufsprovision für den Anbieter beträgt knapp 7 Prozent, sie wird fällig, sobald ein Kauf zustande kommt. So lange bleibt die Ware beim Anbieter.

Wer schneller Regale leer räumen möchte, wendet sich eher an einen Zwischenhändler, der die Ware sofort abnimmt. Seiten wie werzahltmehr.de ermitteln den besten Preis für ein Buch. Demnach gibt es etwa für Martin Suters „Montecristo“, immerhin Platz 2 der Spiegel Bestsellerliste und neu 23,80 Euro teuer, aktuell zwischen 9,31 und 5,47 Euro. Für weniger aktuelle Werke bewegt der Preis sich gar im Cent-Bereich.

Antiquariate überleben in Nischen

Wundert es, dass viele Antiquariate aus dem Stadtbild verschwunden sind? Auch Arnd Hepprich hat das Ladenlokal in Steele aufgegeben, sein Sortiment kräftig konzentriert – auf Ruhrgebiets- und Bergbau-Lektüre und „einige Sachen, die Spaß machen“ – und im Dachgeschoss in dicht stehende Kiefernholzregale gepackt. „Termine auf Anfrage“, steht nun auf seiner Internetseite.

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Sammler geben lustvoll Geld aus

Denn dies ist der Gegentrend zum Billigbuch aus dem Netz: Buchkunst wird wieder geschätzt. Auf den großen Antiquariatsmessen in Leipzig und Frankfurt, Stuttgart und Ludwigsburg geben Sammler lustvoll Geld aus; hier gibt es kein Buch unter 50 Euro. Die Ruhr.Antiquaria hingegen, die Arnd Hepprich jeden Herbst in Bochum organisiert, liegt preislich im Mittelfeld.

„Das Antiquariat“, da ist sich Hepprich sicher, „ist nicht tot.“

Und wenn man Daniel Conrad glauben darf, hat der Internethandel die Preise weniger gedrückt als gedacht. „Wir nehmen täglich 5000 Bestellungen entgegen“, sagt er: „Laut Statistik sind die durchschnittlichen Preise in all den Jahren nicht gefallen, sondern leicht gestiegen.“ Und das E-Book? Hat die Nachfrage (noch) nicht getrübt – auch, weil viele alte Bücher noch nicht digitalisiert sind.

In Majas Regalen ist der Platz längst eng geworden. Andrea Becker hat die ersten Bücher weitergereicht: „An die Stadtbücherei, für den Büchertrödel.“

Von den Einnahmen kauft die Bücherei – klar, neue Bücher.