Das aktuelle Wetter NRW 12°C
Kulturgeschichte

Anfangs waren Grimms Märchen ein Ladenhüter

19.12.2012 | 19:26 Uhr
Anfangs waren Grimms Märchen ein Ladenhüter
Gretel schubst die Hexe in den Ofen: Hänsel und Gretel.Foto: ullstein bild

Erst im Biedermeier begann der Erfolg der Texte, die Jacob und Wilhelm Grimm sammeln ließen.

Für die Buchhändler waren die „Kinder- und Hausmärchen“ der Grimms, als sie am 20. Dezember 1812 herauskamen, zuerst ein Flop. Erst die zweite Auflage sieben Jahre später, in der etliche Märchen dazugekommen waren und viele anstößige Stellen geglättet wurden, verkaufte sich in den Biedermeier-Haushalten der Zeit. Seither gehören viele der rund 200 gesammelten Märchen tatsächlich zum kollektiven Bewusstsein. Und zwar weltweit – fast so weit verbreitet wie der Rekordhalter im deutschen Kulturgut, die Lutherbibel.

Sechs Jahre lang hatten die gelernten Juristen Jacob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859) Grimm Dutzende von Freunden (die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, der Maler Philipp Otto Runge u.a.) in Deutschland mündlich überlieferte Märchen sammeln lassen, angeregt von der romantischen Verehrung für „Volkspoesie“, Clemens Brentano und Achim von Arnim, die zuvor schon in „Des Knaben Wunderhorn“ ähnliches versucht hatten, zählten zu ihren Freunden.

Jacob und Wilhelm Grimm, die Begründer der Germanistik, waren zeitlebens davon getrieben, die politisch nicht vorhandene Einheit Deutschlands auf kulturellem Wege herbeizuführen. Davon zeugt nicht nur Jacobs „Deutsche Grammatik“ und seine „Deutsche Mythologie“, mit er er die Sagenwelt der Germanen rekonstruierte. Das Hauptwerk der Grimm-Brüder war ihr „Deutsches Wörterbuch“, das erst 1960, 122 Jahre nach ihrem Beginn, fertig wurde und auf 33 Bände angewachsen war.

Die gesammelten Stoffe, unter denen auch etliche Schwänke, Sagen, Legenden und Witze waren, wurden von den Grimms so bearbeitet, wie sie sich Volkspoesie vorstellten: Widersprüche wurden bis ins Klischeehafte hinein geglättet, allzu Drastisches und Zotiges in mildere Farben getaucht oder entfernt. Mord- und Totschlag, seelische Grausamkeiten und Schrilles enthalten die „Kinder- und Hausmärchen“ aber immer noch zuhauf. Ihrem weltweiten Erfolg bis ins digitale Zeitalter hinein hat das keinen Abbruch getan.

Jens Dirksen



Kommentare
Aus dem Ressort
"Totlast"-Absage des Duisburger OB hat Nachspiel im Stadtrat
Ruhrtriennale
Die Grünen in Duisburg wollen die Sören Links Absage des Ruhrtriennale-Projekts auf die Tagesordnung des Kulturausschusses bringen. Bereits im Juli hatte die FDP eine Kleine Anfrage an die Landesregierung gestellt, weil die Duisburger SPD-Landtagsabgeordneten mit Drohungen reagiert hatten.
Wo das Erbe des römischen Kaisers Konstantin verkommt
Kultur
Unkraut und Schlamm: In unserer Serie „Bedrohte Kulturstätten“ blicken wir dieses Mal nach Sofia. Inmitten der bulgarischen Hauptstadt liegen die Ruinen der früheren römischen Stadt Serdika. Leider kümmert sich kaum jemand um die Funde.
Wim Wenders erhält Goldenen Ehrenbären der 65. Berlinale
Auszeichnung
Ehre für Wim Wenders: Auf der 65. Berlinale wird der Filmemacher mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet. Damit werde einer der renommiertesten zeitgenössischen Autorenfilmer geehrt, erklärte Festivaldirektor Dieter Kosslick am Donnerstag. Wenders gehört zu den großen Erneuerern des Kinos.
Protestbrief - 1500 deutsche Autoren schießen gegen Amazon
Buchmarkt
"Nur zusammen sind wir stark" - nach dem Motto machen deutsche Autoren Front gegen Amazon. In einem Protestbrief werfen die 1500 Schriftsteller dem Onlinehändler "Erpressungsmethoden" vor. Unterzeichner sind etwa Juli Zeh, Amelie Fried und Doris Dörrie. Auch die deutschen Verlage werden gefordert.
Duisburger „Clownsklasse“ tritt bei der Ruhrtriennale auf
Ruhrtriennale
Duisburg Grundschüler wirken in der Choreographie „Surrogate Cities Ruhr“ mit, die bei der Ruhrtriennale in der Kraftzentrale des Landschaftsparks aufgeführt wird. Sie arbeiten mit internationalen Stars. Neben der Klasse aus Duissern sind auch Schüler aus Dortmund und anderen Städten dabei.
Umfrage
Das Warten hat ein Ende: Die Bundesliga startet in die neue Saison. Besonders im Ruhrgebiet ist die Fan-Kultur sehr ausgeprägt. Was bedeutet Ihnen der Fußball?

Das Warten hat ein Ende: Die Bundesliga startet in die neue Saison. Besonders im Ruhrgebiet ist die Fan-Kultur sehr ausgeprägt. Was bedeutet Ihnen der Fußball?