An der Autobahn mit ihrem Lärm die innere Ruhe finden

Hier geht’s zur Auffahrt - und zum Gotteshaus.
Hier geht’s zur Auffahrt - und zum Gotteshaus.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Epiphanias-Kirche in Bochum liegt direkt an der A40. Der Lärm des Verkehrs ist unüberhörbar. Vielen Reisenden bietet dieser Ort einen Moment der Stille.

Bochum..  Die Holztür knarrt und Schritte durchbrechen die Stille. Das klackernde Absatzgeräusch hallt bis in die vordersten Reihen der Kirche. Eine Frau mit Sonnenbrille, weißer Sommerhose und einer luftigen bunten Bluse betritt den leeren Raum. Gezielt geht sie auf den Münzbehälter zu und wirft etwas Kleingeld hinein. Dann wird es wieder still. Keine Stille, die sich durch Lautlosigkeit kenntlich macht. Eine andere.

Aus einer Schachtel voller Teelichter nimmt die Frau mittleren Alters zwei heraus und zündet sie mit einem Feuerzeug an. Sie setzt sich auf eine Holzbank und faltet ihre Hände. Der Lärm aufheulender Motoren dringt gedämpft durch die Holztüre. Die Stille, sie kommt von innen. Die Geräusche der Autobahn scheint sie auszublenden. Der Feierabendverkehr auf der A40 ist in vollem Gange. Ihre Augen schließen sich und ihre Gedanken schweifen ab. Sie steht auf und zündet eine weitere Kerze an. Es sind nur wenige Minuten bis sie aufsteht und wieder zurück zu ihrem Auto geht.

Dankbarkeit für die innere Einkehr

„Diese paar Minuten schenken mir Kraft“, sagt sie später draußen. „Ich setze mich hin und genieße die Atmosphäre. Ich liebe diese Kirche einfach, weil es so ruhig ist. Ich kann es nicht beschreiben.“ Die beiden Kerzen waren für zwei verstorbene Seelen, sagt sie. „Das Licht soll die beiden Menschen begleiten, ihnen Wärme spenden.“ Die dritte Kerze war einfach ein Dank. „Hier kann ich Dinge loswerden, ich finde es toll, dass es die Kirche gibt und sie jeden Tag geöffnet ist.“

Natürlich gäbe es auch andere Kirchen in Bochum, doch die Autobahnkirche lasse sie einfach nicht los. Wenn sie vom Einkaufen komme oder von der Autobahn zurück nach Hause möchte, halte sie manchmal spontan an. „Das mache ich auch nicht regelmäßig, manchmal zieht sie mich einfach an.“ Zwar ist die Bochumerin sehr gläubig, aber sie geht nicht regelmäßig in ein Gotteshaus. Und wenn, dann kommt sie hierher. „Es ist gar keine besondere Kirche.“ Nicht die Geschichte oder das Bauwerk an sich, sei das, was sie ausmache. „Es ist einfach die Ruhe“, schwärmt sie und schaut nachdenklich an dem Kirchturm hinauf. Ein Banner mit dem Spruch „Komm mal zur Ruhe“ ragt über das Gemäuer. „Dieser Spruch, er fällt einfach ins Auge, ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden nicht tangiert. Einfach einmal eine Sekunde Ruhe finden.“

Ein Segen für die Urlaubsreise

Aus dem Pfarrbüro der Epiphanias-Gemeinde kann der Pastor Michael Otto sehen, wer die Kirche aufsucht. Die einen sieht er häufiger, andere oft nur ein Mal.

„Es ist ganz unterschiedlich. Manche besuchen die Kirche regelmäßig, beispielsweise freitagabends, wenn die Woche geschafft ist. Aber die meisten einfach spontan“, so Otto. „Vor den Ferien kommen häufig Familien für den Reisesegen vorbei, bevor sie die große Strecke gen Süden oder Holland antreten. Andere suchen einfach die Ruhe, haben oft auch ein konkretes Anliegen, wie einen Dank oder eine Bitte.“

Die Bitten stehen in eine Büchlein

Und diese Gedanken können sie in ein Büchlein schreiben, das direkt im Eingangsbereich der Kirche auf einem Tisch liegt: „Danke, dafür, dass ich bisher ohne Unfälle gefahren bin. Danke auch für diesen Ort der Ruhe.“, „Bitte um eine gute Prognose für Sarah.“ Nicht an jedem Tag gibt es einen Eintrag. Es sind ganz verschiedene Anliegen und Bitten. „Unsere Autobahnkirche spricht Individuen an. Es ist für Menschen, die immer viel unterwegs sind“, erklärt der Pfarrer.

An der Menge der angezündeten Kerzen erkennt Otto am Abend, wie viele Gäste tagsüber die Kirche aufgesucht haben. „Meistens leuchten zehn Kerzen pro Tag. Das ist für uns eine ansehnliche Menge, aber im Vergleich zu der Autobahnkirche in Baden-Baden sehr wenig. Da werden jährlich 30 000 Kerzen angezündet.“

Es ist kurz vor 18 Uhr. Vier Kerzen brennen. Ein lautes durchdringendes Glockenläuten ertönt. Ein Autofahrer steht an der Ampel und blickt auf den Kirchturm. Vielleicht liest er den Spruch, fährt noch auf den Parkplatz und zündet eine Kerze an.

  • Am 28. Juni 2015 ist der bundesweite Tag der Autobahnkirche. An den 42 Autobahnkirchen in Deutschland gibt es Angebote für die Reisenden, die für ihre Fahrt gesegnet werden. So auchin der Autobahnkirche Ruhr (A 40, Ausfahrt Bochum-Hamme). Sie lädt um 14 Uhr zum ökumenischen Gottesdienst ein, der unter dem Leitwort „Das Bochumer Westkreuz und andere KREUZungen“ steht. Am Sonntag nach der offiziellen Eröffnung des Bochumer Westkreuzes soll der Dank für das Bauprojekt und die Bitte um Gottes Segen stehen.