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Kunstgeschichte

Als Michelangelo mit Gott unter einer Decke steckte

30.10.2012 | 17:24 Uhr
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Als Michelangelo mit Gott unter einer Decke steckte
„Die Erschaffung Adams“, der berühmteste Fingerzeig der Kunstgeschichte.Foto: Getty Images

Rom.   Vor 500 Jahren enthüllte Michelangelo seine Deckenfresken in der Sixtinischen Kapelle. Heute staunen darüber bis zu 20.000 Besucher – täglich. Schon klar, dass sich da lange Warteschlangen bilden. Mit Stop-and-Go-Verkehr, Schweiß und Verdauungproblemen. Eine Nahaufnahme.

Das konnte nichts werden. Da war sich Donato Bramante, der Baumeister des frisch begonnenen Petersdoms, ganz sicher. Natürlich, Michelangelo Buonarroti (33) war trotz seiner Jugend ein unschlagbar genialer Bildhauer: die Pietà in Rom, der David in Florenz...

Als Maler aber? Gar in der hohen, heiklen Kunst der Fresken-Technik? Das hatte er nie gemacht; da konnte der verschrobene, dauernd ungewaschene Florentiner nur auf die Nase fallen.

Man musste ihn nur ködern – Geld schluckte dieser Geizkragen immer in rauen Mengen –, dann würde man ihn von der Bildhauerei ablenken, sein Stern würde sinken, und modernere, umgänglichere Künstler könnten aufsteigen: der in allen Salons gehätschelte Raffael zum Beispiel.

Fünf Millionen Besucher im Jahr

So dachten und intrigierten sie am Hofe von Papst Julius II., der sich so gerne „der Göttliche“ nennen ließ. Und Michelangelo biss tatsächlich an – doch als er gut vier Jahre später, am 31. Oktober 1512, seine monumentalen Deckenfresken in der Sixtinischen Kapelle enthüllte, ging allen schlagartig auf, dass dieser „Nicht-Maler“ die Geschichte der Malerei revolutioniert hatte.

Michelangelo hatte Maßstäbe gesetzt, an denen keiner mehr vorbei kam. „Das Werk war von der Art“, so schreibt der zeitgenössische Maler und Künstler-Biograph Giorgio Vasari, „dass es jedermann erstaunen und verstummen ließ. Gleich als es freigelegt war, kam die ganze Welt herbeigelaufen, es anzuschauen.“

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Als Michelangelo den sixtinischen Himmel schuf

Der begnadete Künstler Michelangelo Buonarotti enthüllte am 1. November vor 500 Jahren seine heute weltberühmten Fresken in der Sixtinischen Kapelle...

So ist es geblieben. Heute schieben sich jedes Jahr fünf Millionen Besucher durch die Vatikanischen Museen, bis zu 20.000 am Tag. Die Säle, voller antiker Skulpturen, voller Renaissance-Wandteppiche oder barocker Groß-Landkarten, sind für die globalisierten Touristenmassen nur mehr Zulaufstrecken zum einzig wahren Ziel.

Doch was heißt „Zulauf“: Auf den endlosen Korridoren herrscht bestenfalls Stop-and-Go-Verkehr; es riecht nach Schweiß und Parfüm und Zigaretten und Verdauungsproblemen; fotografiert wird alles, gesehen praktisch nichts.

Und wer sich schließlich – gleich nach jener Ecke, um die Kaffeeschwaden wehen und hinter der die Bar „Forno“ mit ihrem Geschirr klappert – unversehens in einem hohen Saal wiederfindet, der braucht eine Weile, bis er kapiert, dass er angekommen ist.

Niemand nach Michelangelo erlaubte sich solche Freiheiten

Der Touristeneingang nämlich liegt genau gegenüber dem Portal, auf das hin Michelangelo seine doppelte Komposition aus Deckenfresken (1508-12) und Jüngstem Gericht (1536-41) angelegt hat; deshalb schreiten die Heutigen nicht auf das Weltgericht zu; sie sehen es erst, wenn sie sich umdrehen.

Dann merken sie, sie sind genau unten durch gegangen, auf der Seite des Höllensturzes auch noch. Irgendwie, auf ihre Art, stimmt die Sache dann doch wieder.

Von Vasaris „allgemeinem Verstummen“ kann keine Rede mehr sein. Durch die Sixtinische Kapelle braust ein Stimmengewirr, das die Wärter mit unaufhörlichem „Sch-Sch-Sch!“ und ihrem „No-foto-no-video!“ nur noch aufdringlicher machen. Das langsame Herumgehen, das Kunstführer allen empfehlen, die Michelangelos raffinierte, wechselnde, raumgreifende Perspektiv-Technik studieren wollen, das schafft im Gedränge niemand mehr.

  1. Seite 1: Als Michelangelo mit Gott unter einer Decke steckte
    Seite 2: Komposition sprengt alle Rahmen

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