Al Green – Hirte mit Soul im Herzen

„Hallelujah, praise the Lord“, gelobt sei der Herr – Soul-Legende Al Green als Pastor.
„Hallelujah, praise the Lord“, gelobt sei der Herr – Soul-Legende Al Green als Pastor.
Foto: Dirk Hautkapp
Was wir bereits wissen
Einst im Rausch von Plattenerfolg und Drogen, heute die schwarze Stimme ziemlich schräger Gottgefälligkeit: Besuch bei Al Green in Memphis.

Memphis.. Tiefe Frömmigkeit und sexuell aufgeladenes Charisma liegen manchmal enger beieinander als man denkt. Und wie viel Freude der liebe Gott an dieser in europäischen Kirchenschiffen kaum vorstellbaren Verbindung hat, ist in der „New Olivet Baptist Church“ in Memphis, Tennessee, schon nach der ersten Viertelstunde bewiesen. Kenneth T. Whalum, der Pastor der tief schwarzen Gemeinde im sozial prekären Osten der 650 000-Einwohner zählenden Stadt am Mississippi, hat die Besucher für die Attraktion des Tages gerade erst mit einer vorzüglich groovenden Live-Band warm gegospelt, da springen auch schon die ersten Gläubigen auf und reißen hysterisch die Arme gen Himmel. „Wir lieben Dich, Al“, ruft eine ältere Dame, die mit lila Sommerhut, Stilettos und reichlich Hüftgold in das Gotteshaus mit Realschulaula-Charme an der Southern Avenue gekommen ist. „Oh Lord, Schwester“, gibt der Mann vorne auf der Kanzel durchs Mikrofon zurück, „Gott liebt Dich noch mehr - und ich auch.“

Al ist der in einen schwarzen Umhang gewandete und sorgsam frisierte Gast-Pastor an diesem Sonntag zwei Wochen vor Ostern bei den Baptisten von „New Olivet“.

Al. Wie Al Green.

Reverend Al Green.

African Angels Amerikas größter noch lebender Soul-Schmeichler hat mit lustlastigen Juwelen wie Tired of Being Alone, I‘m Still In Love With You, Love And Happiness oder Take Me To The River über 20 Millionen Platten verkauft, 11 Grammys eingeheimst hat und seine Anhänger(innen) reihenweise um den Verstand gesungen. Lange her. Heute folgt der bald 69-Jährige, dessen Melodien auch Präsident Obama mit Vorliebe summt, nur noch den Anweisungen des Mannes am himmlischen Mischpult.

An der Hale Road, einem besseren Viertel von Memphis nahe bei Elvis Presleys verkitschtem „Graceland“, hat Green vor 40 Jahren seine „Full Tabernacle Gospel Church“ gegründet. Sonntag für Sonntag preist der nach dem Ableben von Solomon Burke dienstälteste Promi-Seelsorger dort oder auf Einladung in Nachbargemeinden mit einer Mischung aus Songzitaten, Bibelsprüchen, lasziver Altmänner-Erotik und lebensfroher Gesellschaftsanalyse den Herrn. Mit einem zärtlich gepressten Gurren auf den Stimmbändern, das noch genauso elektrisierend ist wie damals, als Willie Mitchell ihm das hier auf den Leib schrieb:

“I‘m... I’m so in love with you...

Whatever you want to do...

Is all right with me....

’Cause you....make me feel so brand new...

And I...want to spend my life with you...

Der Anfang von „Let‘s Stay Together“ ist rückblickend betrachtet Love-Song, Treue-Gelübde und Glaubensbekenntnis zugleich. Und wie es dazu kam, kann wirklich nur durch eine göttliche Fügung erklärt werden.

Musik Al Green stand Mitte der 70er-Jahre im Zenit seiner Karriere. Himmel und Hölle musikalisch zu fusionieren, brachte ihm Ruhm und Millionen ein. Bis ein epiphanisches Erlebnis im Suff und die Verzweiflung einer Verflossenen das Ende einleiteten. 1973 erschien dem Sohn eines Plantagen-Pächters aus Arkansas, der in einer religiös geerdeten Gesangstruppe seines Vaters erste Auftritte hatte, in einem Hotel bei Los Angeles der Heilige Geist. Am Morgen danach schwor Al Green dem promisken Berufsalltag eines schwarzen Sex-Idols ab, säuberte die Nase von letzten Koks-Krümeln und begab sich auf den Weg in den Weinberg des Herrn. Fortan stellte der Langneseschmelz-Sänger schlechthin sein Talent in den Dienst von Gospel und Gebet. Vom Soulus zum Paulus. Nur 2003, 2005, 2008 kehrte er für Plattenaufnahmen und 2009 für eine Einlage mit Justin Timberlake bei den Grammys ins Weltliche zurück.

Weg vom Tanz ums goldene Kalb

Die Dankbarkeit über die „Güte des Allmächtigen“, der ihn vom „Tanz um das goldene Kalb befreit hat“, dringt Green in seinem Gottesdienst aus jeder Pore. In seinem lässig dahinschubbernden Vortrag, in dem immer Platz für eine frivole Andeutung ist („Süße, Du da hinten, ich sehe Dich, aber ich bin verheiratet“), dreht sich nicht alles um die großen Chiffren Glück, Hoffnung, Sehnsucht, Demut, Liebe und Glauben. Zeitgenössisch und alltagserfahren prangert Green die sinnlose Waffengewalt an, die sich gerade schwarze junge Männer in Amerika gegenseitig angedeihen lassen. Auch häusliches Machotum gegen Frauen und die verbreitete Opferhaltung in der afro-amerikanischen Community, wo der Grund für Hoffnungslosigkeit gern bei den anderen gesucht wird, bleiben nicht unerwähnt. Mit aufgerissenen Augen und schwindelerregend hohem Falsett lässt Al Green seine Schäfchen wissen: „Das ist nicht richtig. Das ist nicht, was Gott von uns will.“ Wie auf Knopfdruck schallt die Gemeinde zurück: „Amen, Praise the Lord!“. Amen, lobet den Herrn. Worauf Green nachlegt: „Sagt es lauter! Ich will euch alle hören.“ Dann setzt die Live-Band ein - Halleluja.

Nach zwei Stunden schweißtreibendem Gottesdienst wird der Reverend mit Applaus eingedeckt, der für drei Konzerte gereicht hätte. Ältere Frauen haben Tränen in den Augen. „Vergesst die Kollekte nicht, Brüder und Schwestern“, ruft Al.

Beim Hinausgehen fällt einem der legendäre Satz der Memphis-Soul-Legende Rufus Thomas ein: „Eine Samstagnacht auf der Beale Street, und du willst für den Rest deines Lebens schwarz sein.“ Schwarz wie Al Green.