Absturzopfer Oleg Bryjak – eine Opernstimme verstummt

Oleg Bryjak (re.) als Graf Waldner in „Arabella“ - Deutsche Oper Berlin.
Oleg Bryjak (re.) als Graf Waldner in „Arabella“ - Deutsche Oper Berlin.
Foto: Müller
Was wir bereits wissen
In Barcelona war er als großer Wagner-Sänger zu Gast. Am Tag danach saß der Bassbariton Oleg Bryjak im Germanwings-Flugzeug, das Düsseldorf nie erreichte. Erinnerung an ein Sängerleben.

Düsseldorf.. Diesen Mai wollte Oleg Bryjak im „Feurigen Engel“ an der Deutschen Oper am Rhein sein ohnehin riesiges Repertoire erweitern. Nun muss die Musikwelt um einen Sänger von Rang trauern. Bryjak saß in der Germanwings-Maschine, deren Absturz 150 Menschen das Leben nahm. Mit ihm an Bord: jene junge, außergewöhnlich begabte Düsseldorfer Altistin, die tags zuvor mit Bryjak in Wagners „Siegfried“ am „Liceu“ in Barcelona auf der Bühne gefeiert worden war. Maria Radner sang die Erda, Bryjak den Alberich. Bryak starb 54-jährig; Maria Radner, die mit ihrem Baby und ihrem Mann an Bord war, wurde nur 33 Jahre alt.

Am Mittwoch hat das Ensemble des berühmten spanischen Opernhauses der toten Künstler gedacht. Es war mehr als eine Schweigeminute draußen auf den Ramblas von Barcelona. Es gab Applaus für zwei Stimmen, die man nun nie mehr wird hören können.

Bryjak wurde im Straflager geboren

Sich Oleg Bryjaks angesichts dieser Tragödie allein als eines glänzenden Bassbaritons zu erinnern, würde einem außergewöhnlichen Sängerleben nicht gerecht. Gewiss, zuletzt hat ihn sogar Bayreuth gefeiert, als Alberich. Es war die Paraderolle für einen Mann, der – gesegnet mit unglaublicher vokaler Durchschlagskraft und abgründigen Stimmfarben – nicht nur an seiner künstlerischen Heimat Rheinoper umjubelt war. Man lud ihn ein nach Amsterdam, London, Paris - und jetzt eben nach Barcelona.

Live-Ticker Nicht viele wussten, welches außergewöhnliche Leben hinter dem singenden Kraftpaket stand. 1960 wird Oleg Bryjak in der ödesten Region Kasachstans geboren. Seine Wiege ist: ein Straflager, ein Gulag. Bryjaks Vater hatten die Deutschen erst vier Jahre als Zwangsarbeiter ausgebeutet; als dann die „Befreiung“ kam, wurde sie zum erneuten Gefängnis – Schergen Stalins verurteilten ihn als Verräter zu 25 Jahren Arbeitslager. Ein Urteil, das erst nach 17 Jahren Lagerhaft aufgehoben wurde.

Bandbreite von düster bis hinreißend komisch

Oleg Bryjak empfand es bis zuletzt als besonders beklemmend, dass sein Vater und dessen Leidensgenossen selbst danach noch als vermeintliche Verräter diskriminiert wurden. Die meisten blieben in der unwirtlichen Steppe. So lebte die Familie im tristen Dseskasjan, wo sich der kleine Oleg mit einem Knopfakkordeon beschäftigte. Trotz hörbarer Begabung verspürte er wenig Lust, Sänger zu werden. Doch im Schulchor wurde man aufmerksam und riet seinem Vater, den Sohn gesanglich weiterbilden zu lassen. Die ersten Jahre des Gesangsstudiums empfand Bryjak als Katastrophe, bis mit den ersten Auftritten sein Herz für die Oper zu schlagen begann.

Flugzeugabsturz Dass diese Welt ihm erst so fremd gewesen war, mochte kaum glauben, wer ihn auf der Bühne sah: einen lustvoll sich verausgabenden, trotz seiner Körperfülle enorm wendigen Sängerdarsteller. Mal furchterregend düster wie als goldgieriger Alberich, dann hinreißend komisch in den großen Komödienstoffen der Oper. An Bryjaks heitere Art hat sich Dienstag der Tenor Christian Franz (47) in großer Traurigkeit erinnert: Als sie sich das letzte Mal beim „Siegfried“ begegneten, hatte Oleg Bryjak ihn herzlich feixend begrüßt: „Na sowas, lebst du auch noch?“