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Ausstellung

"Absolut privat!?" Vom Tagebuch zum Weblog

08.06.2009 | 11:26 Uhr
In der Ausstellung "Absolut privat!?" wird neben Dietmar Riemanns... Foto: Museumsstiftung Post und Telekommunikation
In der Ausstellung "Absolut privat!?" wird neben Dietmar Riemanns... Foto: Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Berlin. Tagebuchschreiben ist intim - Bloggen hingegen öffentlich? Mit über 300 Tagebüchern und Weblogs spürt das Museum für Kommunikation der Entwicklung vom Reisejournal über Tagebücher zum Weblog nach.

Wer sich im zweiten Stock des Berliner Museums für Kommunikation durch die hellen Vorhänge hinter dem PC-Langtisch schiebt, landet zurzeit vor einer dreigeteilten Vitrine, die links ein Rechenbuch, ein Logbuch und eine Chronik zeigt und rechts einen Bildschirm mit einer täglich aktualisierten Internetseite. In der Mitte beginnt der Infotext pathetisch mit: „Das Tagebuch gilt als Inbegriff von Intimität und Egotrip und steht seit jeher im Konflikt zwischen Geheimnis und Enthüllungen.“

Um das zu lesen, muss der Besucher ein Teppich-Mosaik betreten, das die meisten Bibliotheken neidisch machen würde. Erst auf den zweiten Blick dürfte dem Besucher wohl auffallen: Zu jedem möglichen Tagesdatum, also 366 Mal, gibt es eine Fußmatte mit einem Zitat aus einem Tagebuch oder Blog. Das geht – ohne klare Chronologie oder Ordnung, in etwas zu schummriger Beleuchtung für Vielteppichleser - quer durch die Jahrhunderte und gibt schon einen Hinweis auf eine mögliche Kritik an der Wechselausstellung „@absolut privat!? Vom Tagebuch zum Weblog“.

Die These fehlt

Info
Fakten zur Ausstellung

Ausstellung "@bsolut? privat!", 20. März bis 30. August.

Katalog: 17,80 Euro.

Museum für Kommunikation, Leipziger Straße 16, Berlin-Mitte. Tel. (030) 20 29 40.

Eintritt: maximal drei Euro

Zur Homepage

Es fehlt eine These oder Fragestellung, die sich reflektierend durch die Ausstellung ziehen würde, ein analytischer Vergleich zwischen den Tagebüchern, wie das jüdische Mädchen Anne Frank eines schrieb, und den gezeigten Blogbeispielen von Rainald Götz, Andrea Diener, Carola Heine oder Jean Michel Gobet. Zum Beispiel: Ist ein in der verschlossenen Schublade verstecktes Tagebuch nicht intimer und privater als ein passwortgeschützter Blog im Internet? Ist ein Blog mit Kommentarfunktion überhaupt noch eine private Notiz? Was hat ein Blog, der sich beim Aktualisieren nicht an den Tagesrhythmus hält, dennoch mit der Idee des Tagebuchschreibens gemeinsam?

Ein weiterer Kritikpunkt: Millionenfach genutzte Soziale Netzwerke wie twitter, facebook oder StudiVZ hätten die Blogger-Ebene sinnvoll ergänzt, weil sie ebenfalls als Echtzeit-Ventil für alle, die ihre Gedanken kanalisieren und mitteilen müssen, funktionieren. Sie sind aber in der Ausstellung nicht berücksichtigt.

Zwischen Geheimnis und Enthüllung

Tagebücher von Max D. (1883-1961) in der Ausstellung "Absolut privat!? Vom Tagebuch zum Weblog". (Foto: Museum für Kommunikation)

Trotzdem ist die ursprünglich vom Frankfurter Museum für Kommunikation und dem Gießener Sonderforschungsbereich „Erinnerungskulturen“ konzipierte und nach Frankfurt und Nürnberg nun in Berlin gezeigte Schau eine sehenswerte und originelle Auseinandersetzung mit der Kulturgeschichte des Tagebuchschreibens.

Die präsentierte Geschichte von Anke Gröner und ihrem Opa Hans etwa greift neben der Medienentwicklung wunderbar die Spannung zwischen dem Schreiben ohne Leser, zwischen Geheimnis und Enthüllung aus jenem ersten Satz auf. Der Opa verewigte eins versteckte Kurznachrichten auf Brennhölzern, warum auch immer. Die Enkelin entdeckte das viele Jahre später und berichtete davon in ihrem Internet-Blog. Ein britischer Blogger wiederum veröffentlicht seit gut sechs Jahren täglich die Tagebucheinträge eines gewissen Samuel Pepys. So werden dessen Notizen ab 1660 auf interessante Art ins 21. Jahrhundert katapultiert.

Dokumentierte Überwachung und Unterdrückung

Auch das Zusammenspiel der Gründe, warum die Menschen regelmäßig ihre Gedanken oder Erlebnisse aufschreiben, ist subtil dargestellt. Der frühere DDR-Bürger Dietmar Riemann hat sein Tagebuch („Laufzettel. Tagebuch einer Ausreise“, 2005) geführt wie ein investigativer Journalist. Die planmäßige dokumentierte Überwachung und Unterdrückung wurde ihm dabei oft zur nicht geplanten „Gehhilfe, zur Lebenshilfe“, half ihm „ein Stück abzureagieren.“

Dass Tagebücher und Blogs nicht immer so authentisch orientiert sein müssen, zeigt das Beispiel von Hermine Hug-Hellmuth: Bis heute ist nicht klar, ob ihr von Sigmund Freud gefeiertes und verlegtes „Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens“ vielleicht frei erfunden ist – da ist das Papier nicht zwingend glaubwürdiger als der Monitor, die Gedanken sind in beiden Fällen frei.

Würde Arthur Schnitzler bloggen?

Dass Tagebücher nicht immer so politische Zeitdokumente wie bei Anne Frank, Joseph Goebbels oder Dietmar Riemann sind, hat sich nicht erst mit der Erfindung des Internets ergeben; meistens sind es ganz persönliche Lebensgeschichten, die viele andere banal finden könnten.

Die Fußmatte vom 2. Oktober 1899 wiederum greift den Antrieb einiger Schreiber auf, ein guter Schriftsteller zu werden: „Ich glaube aufrichtig, dass es kein besseres Mittel gibt, um eines Tages richtig schreiben zu können, als täglich etwas hinzukritzeln.“ An jenem Tag war Arthur Schnitzler zwar noch keine 40, aber schon länger Tagebuchschreiber als auf der Welt. Ob der wohl heute bloggen würde, wenn er noch lebte?

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Dirk Nordhoff

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Kommentare
06.03.2008
10:02
Absolut privat!? Vom Tagebuch zum Weblog
von Stefan Dernbach | #1

Das gute, alte Tagebuch wird auch weiterhin bestehen. Was der modernen Form der Mail und Blog-Kultur häufig abhanden kommt, ist der Charme von schwungvoll beschriebenem und knisterndem Papier. Hier ein Strich. Dort ein Fleck.
Jeder Buchstabe individuell.


Stefan Dernbach (Flimmerwelt)

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