60 Jahre Lagerfeld in Bonn

Bonn..  Es fehlt nicht viel, und Karl Lagerfeld ist in Museen noch häufiger zu Gast als in Talkshows und bei Modenschauen. Das Essener Folkwang huldigte Couture-König Karl I., die Hamburger Kunsthalle auch, und binnen eines Jahres war er ausgestellt in Mailand, Peking, Shanghai, Dubai, Singapur, São Paulo und Paris. Und nun auch in der Bundeskunsthalle in Bonn.

Deren Chef Rein Wolfs glaubt gleichwohl, lang und breit rechtfertigen zu müssen, dass man den Kleidern des „wichtigsten, bedeutendsten deutschen Modedesigners“ eine ganze Ausstellung widmet – wo doch das Haus an der Museumsmeile auch sonst Maßgewänder vom Krönungsmantel übers Kettenhemd bis zum Witwenschleier zeigt, sofern sie nur genug kulturgeschichtliche Jahrhunderte auf dem Buckel haben und von den Parthern, Hethitern oder aus Tibet stammen.

Und nun eben 126 „Looks“ des 76-jährigen Lagerfeld aus sechs Jahrzehnten, lauter Stoff gewordene Argumente gegen ein Wort wie Altkleidersammlung. Es sind Kleider und Kostüme zumeist, auf Torsos oder Schaufensterpuppen und die meisten ein zeitlos schöner Ausdruck ihrer Zeit. Kleider aus Fell-Mosaiken oder im Dienstmädchen-Chic, eine Neuerfindung des Kleinen Schwarzen mit Hilfe einer Chiffon-Stola oder lange, mittellange Ballkleider und Abendroben, manchmal Panzer aus Eleganz, manchmal vehemente Flirt-Einladungen mit tiefer gelegtem Dekolleté.

Brautkleid aus Neopren

Im Rückblick fällt auf, wie oft Lagerfeld doch mit Ironie und Kontrapunkt zu Werke geht; die Hippie-Farben mit dem psychedelischen Muster verwendet er 1985, seine Kuhfleckenmuster haben einen rosa Grund und in der Brautkleid-Kollektion am Ende des Rundgangs wartet, wegen der zunehmenden Verkaufsträchtigkeit, ein „Traum-in-Weiß“-Modell für Schwangere, aus Neopren, falls im Dezember geheiratet werden muss.

Jenseits aller Scherze aber ist in Bonn bis ins Detail nachzuverfolgen, wie viel Sorgfalt Lagerfeld auf die Stoffe, ihre Kombination und Verarbeitung verwendet. Das beginnt bei den Abertausenden Skizzen, die hier zum Teil ganze Wände pflastern – Lagerfelds Verleger Gerhard Steidl hat dafür eine Ausstellungsarchitektur aus (Pappmaché-)Betonmauern entworfen. Im Foyer der Ausstellung ist übrigens Lagerfelds Schreibtisch zu sehen, unter einem Neonlicht-Baldachin sind Biografien über Oscar Wilde, den Exzentriker Barbey d’Aurevilly oder „Beau“ Brummell, den Ahnvater aller Dandys, dezidiert zwanglos drapiert, nebst Stiften, Skizzenblättern, Pinseln, versteht sich.

Das erste Modell der Ausstellung ist ein gelber Mantel, mit dem Lagerfeld 1954 den Preis des Internationalen Wollsekretariats gewann – sein Entree in die Welt der Mode, das ihm ein erstes Engagement bei Balmain in Paris einbrachte. Der Mantel, ein klassischer Schnitt mit aufgesetzten Taschen, gewürzt durch eine Gürtelschnalle als Kragen und einen V-Ausschnitt im Rücken, musste allerdings eigens für die Ausstellung mit Hilfe von Fotos nachgeschneidert werden – es werden eben nicht alle Klassiker frühzeitig erkannt.

Dass Lagerfeld 2004 als erster Modemacher eine H&M-Kollektion entworfen hat, bleibt in Bonn übrigens ausgespart. Hier konzentriert man sich auf die Haute-Couture- und Prêt-à-porter-Ware, die Lagerfeld für Chanel, Fendi, Chloé und sein eigenes Label kreierte. Hinzu kommen 120 Accessoires wie Handtaschen, verrückte Schuhe (lauter kilometerhohe Absätze, abgesehen von drei Sneakers, drei Stiefeln und einem Paar Ballerinas) oder 166 verschiedene Knöpfe (mit Zahlen, Revoluzzer-Sternen oder in Flugzeug-Form). Perfektionist, der er ist, hat Lagerfeld sogar ein glitzerndes Tragenetz für schnöde Plastik-Wasserflaschen entworfen – bei ihm hat eben auch die Geschmacklosigkeit Stil.