Ausstellung
200 Jahre Kult um Königin Luise - die preußische Sissi
17.03.2010 | 16:15 Uhr 2010-03-17T16:15:00+0100
Berlin. Luise ist das Chamäleon der preußischen Geschichte. Bis heute weiß niemand, ob die geliebte Ehefrau des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. blond oder brünett, klug oder bloß clever war. Gut für den seit zwei Jahrhunderten andauernden Luisenkult:: Modepuppe, Märtyrerin und Mutter der Nation.
Im Sommer vor 200 Jahren starb Luise mit 34 Jahren an einer Lungenentzündung. Die Legende sagt: Napoleon war schuld. Die Großmacht Preußen lag am Boden, der Königin steckte noch die Flucht vor den französischen Truppen in den Knochen. Der Typhus, die Zeit im ostpreußischen Exil, die Zerschlagung des Reichs und dazu ein unsicherer König – das war zuviel für die junge Frau. „Gebrochenes Herz” diagnostizierten die erschütterten Hofberichterstatter und schufen damit den Quellcode für den Luisenkult, der noch für jeden Popstar gut war.
Luise ist siebzehn Jahre alt, als sie 1793 in Frankfurt zum ersten Mal den preußischen Kronprinzen trifft. Sie ist keine klassische Schönheit, doch mit ihrem kindlichen Wesen, ihrer umwerfenden Natürlichkeit und dem mädchenhaften Gesicht passt sie exakt in den Geschmack der Zeit. Dennoch kann sich der Kronprinz erst nicht entscheiden, ob er Luise oder ihre jüngere Schwester Friederike heiraten will. Er wählt am Ende die Ältere und es passiert, was nicht oft geschieht: Die beiden verlieben sich mit der Zeit tatsächlich ineinander. Und mehr noch: Sie zeigen sich öffentlich als Liebespaar, duzen sich und ihre Kinder, verzichten auf Pomp und gehen auch schon mal ohne Entourage mitten in Berlin spazieren.
Adelige Ikone mit bürgerlicher Optik
Die Bürgerherzen schlagen schneller: Luise wird zu adligen Ikone mit bürgerlicher Optik, wann immer sie die höfische Etikette ignoriert, jubelt das Volk. Kein Wunder: Die junge Adlige trifft das Lebensgefühl der meisten Preußen ins Mark, sie ist das It-Girl des reformhungrigen Bürgertums, eine Königin zum Anfassen, mutig, aber nicht revolutionär. Zehn Kinder hat Luise in knapp 17 Ehejahren geboren. Drei Kinder sterben früh, die anderen machen ihren Weg, allen voran Wilhelm, ihr zweitältester Sohn, der 1871 in Versailles zum ersten deutschen Kaiser gekrönt wird. Ein Glücksfall für die preußischen Patrioten, die von nun an jedes Detail aus Luises Leben für ihre Zwecke in Form gießen: Bereits in die Befreiungskriege waren die Soldaten im Namen ihrer neuen Schutzheiligen gezogen („Luise sei das Losungswort zur Rache!”). 1871, nach dem deutsch-französischen Krieg und damit mehr als ein halbes Jahrhundert nach Luises demütigender Begegnung mit dem siegreichen Napoleon in Tilsit, glaubt der Sohn die Mutter zu rächen.
Kaum jemand erlaubt sich jetzt noch, am Lack der preußischen Madonna zu kratzen: Als einer der wenigen geißelt der marxistische Historiker Franz Mehring den Luisenkult als „byzantinischen Schwindel”. Theodor Fontane versucht zumindest, die historische Luise in Schutz zu nehmen: „Mehr als von der Verleumdung ihrer Feinde hat sie unter der Phrasenhaftigkeit ihrer Verherrlicher zu leiden gehabt.”
Jenseits von Militarismus
Nach dem Zweiten Weltkrieg fällt der Mythos in Winterschlaf. Jede Kleinstadt hat ihre Luisenstraße – aber deutsche Monarchen sind außer Mode. Erst nach 1989 steigt wieder der preußisch-blaue Adrenalinpegel. Die Wiederentdeckung der preußischen Sissi als Zugpferd für den Berlin-Tourismus kommt daher nicht von ungefähr: Seit der Wende wächst das Interesse für Preußen als Traditionsfundus jenseits von Militarismus und Nationalismus. Schinkel statt Stahlhelm, Königin Luise statt Kaiser Wilhelm Zwo.
Mit rund 20 Neuerscheinungen und drei größeren Ausstellungen in Berlin und Umgebung wird „Miss Preußen 2010” in diesem Jahr gefeiert. Der Tenor: Ein bisschen Starkult, ein bisschen Kult-Demontage. Um „Luise. Leben und Mythos der Königin“ geht es bis 30. Mai im Schloss Charlottenburg, „Luise. Die Inselwelt der Königin“ ist vom 1. Mai bis 31. Oktober auf der Pfaueninsel zu sehen und „Luise. die Kleider der Königin“ vom 31. Julis bis 24. Oktober im Schloss Paretz.
Was die Preußenstiftung am Ende erreichen will? Dass die Berliner Taxifahrer nicht mehr sagen: „Luise? Das ist doch die vom Alten Fritz!” Sondern: „Luise? Das ist doch die mit Napoleon!”
11:49
Zu erfahren, warum Luise so populär wurde - schön wärs gewesen. Schöner jedenfalls als die bemühten Bezüge zu Erscheinungen der Gegenwart, für die man gerne Belege hätte: It-Girls gäbe es ohne die Fernsehen und Internet nicht, welche Medien also hätten 1800 It-Girls produziert?