17 Berufsgeschichten vom Leben auf die Theaterbühne
16.02.2010 | 15:47 Uhr 2010-02-16T15:47:00+0100Gelsenkirchen.Hartz-IV-Empfängerin oder Schüler, Migrantin oder Rentner: 17 Laiendarsteller erzählen ihre Geschichten. „Suche Arbeit - biete Leben“ ist der theatralische Versuch, sich dem Thema Arbeit zu nähern.
Christina, wie sie da steht, ist nur noch ein Häufchen Elend. Schiebt ein Bein nach vorn, zur Seite, dann nach hinten und reagiert wie in Trance auf die sonore Stimme ihrer Trainerin. „Was soll ich hier? Mein Schreibtisch quillt über!“ denkt sie laut, während sie sich ohne Kraft, ohne Elan an den Sportübungen beteiligt. Szenen aus einer Reha-Klinik. Christina weiß, was ein Burnout ist. Als Steuerberaterin arbeitete sie täglich zwölf Stunden und mehr. Nun, mit 53 im erzwungenen Vorruhestand, trägt sie auf die Bühne, was sie fast um ihr Leben gebracht hätte.
17 Lebensgeschichten
„Suche Arbeit - biete Leben“ ist der theatralische Versuch, sich dem Thema Arbeit zu nähern. Regisseurin Barbara Wachendorff, die seit 14 Jahren mit Jugendlichen und alten, aber auch dementen Menschen inszeniert, tut das, indem sie 17 ganz unterschiedliche Laien-Darsteller ihre Geschichten erzählen lässt. Da ist der Schüler wie der Zivildienstleistende, der Rentner und die Hartz IV-Empfängerin, die Migrantin oder die Mittfünfzigerin, die ihr Leben lang in einer Kantine Brötchen schmierte, 2000 Stück pro Tag.
Im vergangenen Frühjahr wurden sie gecastet, viele von ihnen waren auf das Projekt gar von ihrem Berater im Jobcenter aufmerksam gemacht worden. Seit Sommer proben sie im Consol Theater Gelsenkirchen, in der Lüftermaschinenhalle der früheren Zeche Consolidation. Theoretisch geht es darum, wie sich Arbeits- und Privatleben mit der Globalisierung verändert haben, wieviel Flexibilität heute erwartet wird oder wie man in der Arbeitslosigkeit seine Würde bewahren kann.
Zeigen, wie entwürdigend Leben mit Hartz IV ist
Ganz praktisch geht es um Lebensgeschichten wie die von Barbara Johnson. Als junge Musical-Sängerin kam sie aus den USA nach Europa, lebte und arbeitete in vielen Ländern. „Die Bühne ist eine Kirche für mich!“ schwärmt sie. Aber sie wurde älter und weniger angefragt, versuchte es mit Büroarbeit – und doch trieb es sie ins Theater zurück. Seit vier Jahren hält sie sich mit Hartz IV über Wasser, singt ein bisschen hier, ein bisschen dort.
Die Regisseurin, führt sie alle einfühlsam. Macht Vorschläge, ohne Freiräume zu nehmen, leitet an, ohne zu dominieren. „Sechs der Darsteller leben von Hartz IV, teilweise schon seit 20 Jahren. Wir wollen auch zeigen, wie entwürdigend diese Lebenssituation ist“, so Wachendorff.
Und da sind Gül und Halil. Gül kam als kleines Mädchen aus der Türkei, arbeitete in Deutschland, bis sie ihren Job verlor. Auf der Bühne stehend, packt sie ihre Koffer, und redet auf ihren Sohn Halil ein, vom Türkischen ins Deutsche wechselnd. „Ich bin arbeitslos. Ich bin krank. Ich kann hier nicht bleiben. Und Du kommst mit!“ Halil, ihr Bühnensohn, will bleiben, studieren, sieht keine Zukunft für sich in der Türkei. Szenen aus der Wirklichkeit.
So wie die, in der Elisabeth, auf der Bühne Brötchen schmiert. In irrwitzigem Tempo. So viele Jahre war das ihr Beruf. Und sie hat ihn geliebt. Weil sie die Kollegen mit ihren Mettbrötchen für einen Moment glücklich machte. Als sie noch arbeitete. . .
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