1600 Jahre Sünden in Wort und Bild

Lichtenau/Dalheim..  Ausgerechnet den Mönchen verdankt die Weltgeschichte die Todsünden. Schriftlich festgehalten hat sie als erster der aus Konstantinopel stammende Mönch Evagrius Ponticus (345-399). Nach einem ausschweifenden Leben war er schwer erkrankt – und gelobte, sich im Falle einer Gesundung als Mönch in die ägyptische Wüste zurückzuziehen. Wie seine Mit-Eremiten halluzinierte er in der Wüste und notierte acht „böse Gedanken“: Neben der Melancholie, die späteren Jahrhunderten weniger sündhaft vorkam, waren das die Gefräßigkeit, Unkeuschheit, Geldgier, Zorn, Trägheit, Eitelkeit und Hochmut.

Laster und Tabus

Die Gedanken an Wein, Weib und Gesang hielten die Mönche von Askese und Beten ab, und Ponticus schrieb einen Ratgeber für seine künftigen Mönchskollegen, wie sie am besten mit derlei Versuchungen fertigwerden könnten. Bis aus diesem klösterlichen Enthaltsamkeitsratgeber ein kirchliches Dogma werden sollte, dauerte es noch einige Jahrhunderte, um 1300 war dann schließlich auch die Beichtpflicht eingeführt.

Wie sich die Geschichte der Todsünden, wie sich Laster und Tabus bis dahin und in 1700 Jahren Kulturgeschichte entwickelt haben, erzählt ab dem kommenden Samstag, 30. Mai, eine Sonderausstellung des Klostermuseums Dalheim, die auch den verbeulten Globus Hitlers oder einen gläsernen Phallus der Barockzeit aus einem Frauenstift in Herford präsentiert.

Das späte Mittelalter erlebte die schärfste Anwendung des Todsünden-Konzepts. Davon zeugt in der Ausstellung ein virtueller Beichtstuhl. Hier sind Fangfragen zu hören, mit denen Priester Gläubigen zu Sündern stempelten.Von da aus ist es nicht mehr weit bis zur Ablasstruhe aus Wittenberg – Martin Luther prangerte ja die ideologische Verwendung der Todsünden zwecks Bereicherung der Kirche im Ablasshandel an. Seither treten die sieben Todsünden immer gemeinsam auf, und jede Zeit, jede Gesellschaft definiert aufs Neue, was eine Sünde ist. Ein Film wie die legendäre „Sünderin“ mit Hildegard Knef, der 30 Staatsanwaltschaften (nicht nur wegen ihrer nackten Brust, sondern auch wegen Verherrlichung des Freitods) auf den Plan rief, gälte heute als harmlos.

Dalheimer Sünden-Bock

Schon der sinnenfrohe Barock sprengte mit überladenen Banketten und Rubens-Schinken viele Grenzen, die zuvor noch galten. Die Dahlheimer Ausstellung verfolgt im Fortgang der Jahrhunderte die Doppelmoral – wie es etwa auch und gerade unter dem Deckmantel der viktorianischen Keuschheit und Zugeknöpftheit pornografische Darstellungen gab, in Tabaksdosen etwa. Oder die lateinische Gebrauchsanweisung für ein üppig bemessenes Kondom aus Schweden.

Am Ende fragt die Ausstellung nach den Sünden in unserer Zeit – der Zorn der Wutbürger, die Völlerei beim Currywurst-Wettessen (der Pokal ist eine Leihgabe von Robis Bistro in Wernigerode), der Neid (etwa von DDR-Bürgern auf das größere Westpaket) oder die Wollust in Zeiten von Viagra, der Hochmut von Guttenbergs Doktorarbeit und nach dem Sieg der Nationalelf in Rio... Und spätestens, wenn es um die Gefräßigkeit hinter den XXL-Portionen und den Schlankheitswahn mit Magenband (zur Verkleinerung des Organs) geht, ist klar: Sündigen ist eine Frage des Maßes. Da kann man getrost noch dem Bier zur Ausstellung zusprechen – aber obacht: das Dalheimer Sünden-Bock hat 7 Prozent Alkohol!