Karl-Josef Laumann: „Thema Pflege ist nicht wirklich sexy“

Karl-Josef Laumann empfiehlt mit durchaus menschelndem Unterton: „ Es ist schon vernünftig, in den Zeiten, in denen man gut drauf ist, so zu leben, dass es in Zeiten, in denen man nicht gut drauf ist, noch ausreichend Menschen gibt, die einen gut leiden können.
Karl-Josef Laumann empfiehlt mit durchaus menschelndem Unterton: „ Es ist schon vernünftig, in den Zeiten, in denen man gut drauf ist, so zu leben, dass es in Zeiten, in denen man nicht gut drauf ist, noch ausreichend Menschen gibt, die einen gut leiden können.
Foto: IKZ

Iserlohn..  „Beauftragter der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten und Bevollmächtigter für Pflege“ – der Titel klingt natürlich zunächst einmal gewaltig und auch nach nur schwer lösbarer Aufgabe, aber der Christdemokrat Karl-Josef Laumann (58) geht diesen für die gesellschaftliche Entwicklung des Landes so unendlich wichtigen und sich in den nächsten Jahren noch weiterhin verschärfenden Sachauftrag mit der Unaufgeregtheit, aber auch mit der Beharrlichkeit des geerdeten „Land-Bürgers“ an. Beim Morgen-Gespräch im Wichelhovenhaus unterstrich er in nahezu allen Kernfragen – auch außerhalb aller finanziellen Entlastungsaspekte – die Bedeutung und Nachhaltigkeit der familiären Einbindung.

Herr Laumann, wir werden immer weniger, wir werden immer älter und unsere Gesellschaft wird immer mehr durchmischt mit Migranten, wird also immer bunter. Haben wir diese Entwicklung in diesem Land ausreichend auf dem Schirm?

Zunächst einmal teile ich Ihre These, wir würden immer weniger, persönlich nicht: Als ich 1990 in den Bundestag kam hatte die Bundesrepublik nach der Wiedervereinigung 80 Millionen Einwohner, bekanntlich haben wir heute 82 Millionen Einwohner. Und noch eine Zahl: Derzeit sind in der Welt rund 60 Millionen Flüchtlinge unterwegs, ein großer Teil davon, weil sie Christen sind. Wir kommen auch in 20 oder 30 Jahren nicht in die Situation, dass – vor dem Hintergrund unseres Landes mit einer Demokratie, einer stabilen Infrastruktur und natürlichen Ressourcen – am Ende in Deutschland oder in Europa niemand mehr wohnen möchte.

Trotzdem stehen wir doch vor einer gewaltigen demografischen Veränderung.

Die Frage ist aber doch, wie geht eine Gesellschaft damit um, die sich in den 60er-Jahren entschieden hat, weniger Kinder zu kriegen. Und wir gehen wir damit um, dass wir damit auch bunter werden. Aber ist das ein Problem? Wir können uns doch heute auch hier in Iserlohn die vielen Aussiedler aus den 90er-Jahren gar nicht mehr wegdenken. Wenn Sie heute hier in eine ganz normale Produktionsfirma gehen und sagen: „Chef, denken Sie sich mal Ihre Aussiedler weg!“, dann sagt er: „Dann kann ich die Hütte zumachen.“ Ich glaube zudem, dass die Integration der damaligen Gastarbeiter schließlich auch gelungen ist. Das gilt übrigens auch für die Menschen mit moslemischen Wurzeln. Das Pro­blem sind die Menschen, die vor dem Hintergrund des Islam unser Grundgesetz ablehnen.

Sie sagen, die Gesellschaft habe sich in den 60er-Jahren bewusst entschlossen, weniger Kinder zu kriegen. Lassen sich da im Nachhinein Gründe eigentlich ermitteln? Zufall oder Absicht?

Das weiß ich nicht, ich glaube, das lag auch daran, dass die Pille salonfähig wurde, dass Familienplanung ganz anders betrieben werden konnte. Das ganze Leben ist heute besser planbar. Zudem ist die Gesellschaft deutlich aufgeklärter. Ich glaube aber, dass der Staat daraus auch die Konsequenzen gezogen hat. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war noch sie so leicht wie im Moment. Der Staat hat darin Milliarden investiert. Der Staat kann die Menschen nicht verpflichten, Kinder zu kriegen, er kann sie bei der Vereinbarkeit unterstützen. Ich gehöre allerdings auch zu den Leuten, die glauben, dass wir nicht alle Kosten, die Kinder verursachen, über den Staat ausgleichen können. Wir sollten vielmehr auch darüber sprechen, wie schön es ist, dass man Kinder hat. Und damit eine nachfolgende Generation.

Nun müssen unterschiedliche Lebensentwürfe natürlich auch kombinierbar sein. Auf der einen Seite sagen Sie, Familien und Beruf sollen leicht vereinbar sein, auf der anderen Seite wird im Bereich der häuslichen Pflege gesagt: Wer soll das noch denn machen, es ist ja niemand mehr Zuhause?

Nehmen wir erst einmal die Ist-Situation: 70 Prozent der Menschen, die in Deutschland pflegebedürftig sind, also rund 2,5 Millionen, sind in ihrer Wohnung. Und 30 Prozent in stationären Einrichtungen. Von den 70 Prozent in den Wohnungen werden zwei Drittel versorgt, ohne dass ein Pflegedienst im Spiel ist, also ohne professionelle Hilfe. Darin mag ein Anteil enthalten sein, bei dem eine Osteuropäerin im Haus ist. Wenn das nach europäischem Arbeitsrecht geschieht, ist da auch übrigens auch nichts gegen einzuwenden. Die anderen werden eben von der Familie versorgt. Die Frage, die ich mir in meiner jetzigen Funktion stelle, ist, wie gehen wir damit um, dass wir jedes Jahr zusätzlich zwei bis drei Prozent Pflegebedürftige dazu bekommen. Vor diesen Zahlen können wir nicht weglaufen. Woher bekommen wir jedes zwei bis drei Prozent mehr Menschen, die sich um die Pflegebedürftigen kümmern?

Mit welchen Angeboten können Sie denn politisch reagieren?

Wir haben eine Strukturentscheidung getroffen, für die ich sehr gekämpft habe. Wir haben die Leistungen für die Tagespflege verdoppelt. Warum? Genau aus dem von Ihnen angeführten Grund, dass durch die veränderte Lebensführung tagsüber niemand mehr zu Hause ist, der einen Angehörigen pflegen könnte.

Was kann Tagespflege leisten oder ändern?

Stellen Sie sich die Situation vor: Morgens gegen sieben Uhr kommt ein Pflegedienst, hilft Ihnen aus dem Bett und hilft vielleicht noch beim Waschen. Und abends gegen 17 Uhr kommt vielleicht ein Familienmitglied nach Hause. Wissen Sie, wie lang so ein Tag für den Hochbetagten ist? Da kämpfe ich dafür, dass dieser Mensch auch im Tagesverlauf über die Pflege eine Struktur bekommt. Auch kostet das nur die Hälfte von einem Pflegeheim. Aber es verbindet auch den Wunsch der Menschen, möglichst lange noch ihren eigenen Haushalt zu haben. Möglichst lange in der eigenen Wohnung zu bleiben.

Müssen die Probleme ausschließlich von „ganz oben“ gelöst werden?

Nein, jetzt wo wir in den Kommunen die Strukturen für die kleinen Kinder weitgehend im Griff haben, wird sich für die Kommunalpolitik verstärkt die Frage stellen: Wie sind hier vor Ort eigentlich die Strukturen für hochbetagte Menschen?

Wird man so etwas schaffen müssen wie eine „Pflege-Grundsicherung“, eine Pflicht zur Versorgung?

Nein, wir sind da ja bereits entsprechend aufgestellt. Wir haben zur Zeit doch die Situation, dass wir bei der häuslichen Pflege in den westlichen Bundesländern so gut wie keine Sozialhilfe kennen, das heißt, die Leute kommen mit dem Geld aus der Pflegeversicherung hin. Selbst wenn es um stationäre Pflege geht, sind zwei Drittel nicht auf kommunale Unterstützung angewiesen. Und bei dem einen Drittel, das es nicht bezahlen kann, hilft dann die Sozialhilfe. Um es klar zu sagen: Ich möchte nicht, dass die Pflege eine 100 Prozent finanzierte Leistung des Staates ist. Erstens wäre dann die häusliche Pflege ganz schnell weg und zweitens stehen dahinter natürlich auch eine Finanzierungsfrage und eine sozialpolitische Fragestellung zu Lasten der Geringverdiener.

Laufen wir nicht doch am Ende bei der Pflege auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu?

Da widerspreche ich: Wir haben derzeit in keiner einzigen Pflegeeinrichtung im Märkischen Kreis oder im Bundesgebiet einen Pflegeunterschied zwischen den Menschen, die selbst zahlen oder bei denen die Sozialhilfe zahlt. Natürlich mag es eine Creme de la Creme geben in Edel-Residenzen, die aufgezogen sind wie Luxushotels, aber wollten Sie da wirklich hin? Ich eher nicht.

Anderer Aspekt: Wir reden über die Qualität der Pflege, die wir erwarten. Wäre es dann nicht selbstverständlich, dafür auch gutes Geld an die Pflegenden, sprich das Personal zu bezahlen? Sie waren mal Gewerkschafter, sagen heute aber auch, es sei nicht ihre politische Aufgabe, Tarifverträge für Pflegepersonal auszuhandeln.

Was ich übrigens aber gern tun würde. Aber grundsätzlich gilt zunächst einmal: Insbesondere in Nordrhein-Westfalen wird das Personal nach Tarif bezahlt und zwar besser als zum Beispiel in Niedersachsen. Wir hören immer wieder Klagen rund um den Fachkräftemangel. Ich sage Ihnen, an dieser Klage dürfen sich zunächst all die Pflegeheimbetreiber nicht beteiligen, die nicht nach Tarif bezahlen.

Ist die Qualitätsanforderung auf dem deutschen Sektor der Grund, warum sich so wenig Arbeitgeber auf dem – angeblich prall gefüllten – europäischen Markt bedienen?

Ich glaube, dass das mit ausländischen Pflegekräften gerade in der Altenpflege schwierig ist. Altenpflege hat auch sehr viel mit Beziehungspflege zu tun. Dazu gehört auch, dass man sich in die Lebensgeschichte des jeweiligen Menschen hineinversetzen kann. Deswegen hat Pflege auch sehr viel mit Sprachkompetenz zu tun. Und dass man die Kultur eines Landes versteht. Nein, wir müssen vielmehr beweisen, dass der Beruf auch in Deutschland ein attraktiver Beruf ist. Wir hatten übrigens in NRW noch nie so viele junge Leute in der Pflegeausbildung wie jetzt. Allerdings auch noch nie so viele Lehrstellen in der Pflege wie jetzt.

Sie wollen das Dokumentationswesen verschlanken, wollen nur noch das Ungewöhnliche festhalten lassen. Kann das Pflegepersonal dadurch mehr Zeit für den Einzelnen anbieten? Oder soll es am Ende mehr Fälle betreuen?

Was durch die neuen Konzepte an Zeit gewonnen wird, soll – so ist es verabredet – zur Entschleunigung der Pflege genutzt werden. Und auch, um Zeit für ein Gespräch auf der Bettkante zu haben.

In dem Zusammenhang tauchte in einer Runde der Satz auf: „Unser System kann es sich nicht leisten, dass die Menschen von Arzt zu Arzt rennen, um sich zu unterhalten.“

Dem ist nichts hinzufügen. Die Ärzte sind die teuersten Gesprächspartner. Aber auch wir haben Grenzen: Wir können für ärztliche Versorgung und Pflege sorgen, nicht aber im hohen Maße für die menschlichen Kontakte. Ich sage immer: Es ist schon vernünftig, in den Zeiten, in denen man gut drauf ist, so zu leben, dass es in Zeiten, in denen man nicht gut drauf ist, noch ausreichend Menschen gibt, die einen gut leiden können. Und ich bin der festen Überzeugung, dass das sicherste Band immer noch die Familie ist.

Womit wir wieder beim Anfang wären: Ist das in der Gesellschaft als Thema wirklich unterwegs?

Pflege ist natürlich deshalb in unserer Gesellschaft als Thema nicht so angesagt, weil es nicht sexy ist. Das hat mit Neid zu tun, mit Einschränkung von Selbstbestimmung. Und auch mit der Endlichkeit des menschlichen Lebens. Das haben wir doch alles aus unserer Gesellschaft verdrängt. Trotzdem bin ich aber sicher, dass es gerade in der mittleren Generation immer mehr aufkommt. Es ist doch auch eine spannende Geschichte, wie wir das in unserer Gesellschaft hinbekommen. Nicht alle Eltern haben Kinder, aber alle Kinder haben Eltern. Die Vereinbarkeit bei Pflege und Beruf ist eines der drängendsten politischen Kernthemen. Aber es gilt eben auch uneingeschränkt: Geld pflegt nicht. Und: Geld kann die Zuwendung nicht ersetzen.