Zeit-Zeugen
31.08.2012 | 16:12 Uhr 2012-08-31T16:12:00+0200Reinhard Mey schrieb einmal das schöne Lied über den „Schuttabladeplatz der Zeit“. Und auch ich treffe dann und wann einmal auf diesen imaginären Ort und nehme mit einem sentimentalen Schlenker jedes Mal ein kleines Fundstück davon mit.
Reinhard Mey schrieb einmal das schöne Lied über den „Schuttabladeplatz der Zeit“. Und auch ich treffe dann und wann einmal auf diesen imaginären Ort und nehme mit einem sentimentalen Schlenker jedes Mal ein kleines Fundstück davon mit.
So geschehen beispielsweise, als vor weit über 30 Jahren meine alte Penne abgerissen wurde. Aus dem noch qualmenden Trümmerhaufen zupfte ich damals ein kleines Zahnrad heraus, das zum Werk der großen Schuluhr gehört hatte. Ihre beiden Zeiger - weit hin über den Schulhof sichtbar an der Hausfassade angebracht - hatten mir über neun lange Jahre hinweg das Lernen und Leiden in mitunter nicht enden wollenden 45 Minuten-Einheiten vorgetaktet. Das Rädchen hat seitdem neben einem letzten Klassenfoto seinen Platz in meinem Fotoalbum gefunden.
Viele Jahre später, als die Berliner Mauer fiel, klaubte ich dort auf dem vormaligen Todesstreifen einen handlichen Steinbrocken auf; Erinnerung an eine denkwürdige Zäsur in der Geschichte, die heute in unserer Wohnzimmervitrine ihr Deko-Dasein fristet. Als im Sommer 1995 der Aktionskünstler Christo das Berliner Reichstagsgebäude mit einem silbern schimmernden Textilgewebe spektakulär verhüllte, war ich wieder vor Ort an der Spree und konnte tatsächlich ein quadratzentimetergroßes Originalstück aus dem Kunstgespinst ergattern. Daheim webte meine Frau die Christo-Trophäe in eine Art Collage-Kasten ein, der seitdem unser Wohnzimmer ziert und unter den Gästen regelmäßig für interessiertes Nachfragen sorgt.
Napoleons Locke
Mit einer Locke von Napoleon hatte ich dagegen weniger Glück. Sie wurde mir - hübsch gerahmt - in einem Antiquariat angeboten; eine Expertise sollte die unbedingte Echtheit beurkunden. Ich überlegte und zweifelte eine Nacht zu lang, denn schon am folgenden Tag war der kleine Haarklingel nicht mehr da. Wahrlich eine verpasste historische Chance.
In dieser Woche habe ich nun abermals wieder ein schmuckes Stück vom Schuttabladeplatz der Zeit in meine Gegenwart mitnehmen können: Der äußerlich zwar eher nichtssagende Stein hat es wahrlich in sich, wurde er doch vor 5500 Jahren, also im Jungsteinzeitalter, zum Bau einer großen Grabanlage in der Nähe von Erwitte verwendet. Irgendwie ist das schon ein merkwürdiges Gefühl, dass ich da das buchstäblich greifbare Zeugnis einer uralten Kultstätte in den Händen halten kann. Mit ausdrücklicher Genehmigung der leitenden Archäologin der Ausgrabungsstelle, die am Sonntag noch viele andere Brocken verschenken will (siehe auch nebenstehenden Text), packte ich den Schatz ins Auto. Mein Frau will den Stein jetzt in einer weiteren Collage verarbeiten. Ich bin gespannt.

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