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Verkehrssicherheit

Wenn Senioren der Führerschein-Entzug droht

18.02.2013 | 16:51 Uhr
Wenn Senioren der Führerschein-Entzug droht
1,7 Millionen Senioren im Alter von 75 bis 84 Jahren besitzen ein Auto.Foto: Knut Vahlensieck

Essen.   Einen verpflichtenden Fahreignungstest für ältere Autofahrer gibt es in Deutschland nicht. Die Behörden können aber bei Bedarf eine Prüfung anordnen. Oder die Fahrerlaubnis einschränken. Hier erfahren Sie Wichtiges zum Thema Autofahren im Alter.

Auf den ersten Blick haben ältere Autofahrer in Deutschland wenig zu befürchten. Anders als in anderen Ländern, etwa Dänemark oder Australien, gibt es keine verpflichtenden und regelmäßigen Gesundheitstests zur Überprüfung ihrer Fahrtauglichkeit.

Auf den zweiten Blick aber zeigt sich: Der Führerschein von Senioren kann durchaus gefährdet sein. Dann nämlich, wenn sich im Alter Anzeichen von fahrerischen Defiziten einstellen, die die Verkehrssicherheit beeinträchtigen. Die Behörden können dann Tests und Gutachten verlangen und im Ernstfall den Führerschein einziehen. Fragen und Antworten.

Wie erhalten die Behörden Kenntnis von vermeintlichen Defiziten?

Klassisch kommen die Informationen von der Polizei. Ein Beispiel: Fällt den Beamten ein älterer Autofahrer auf, der sich permanent am Mittelstreifen orientiert, der extrem langsam fährt oder auf ihre Anhaltesignale über einen längeren Zeitraum nicht reagiert, können sie die zuständige Führerscheinstelle von Stadt oder Kreis informieren. Verdacht: keine Kraftfahreignung.

Welche Handlungsmöglichkeiten hat die Führerscheinstelle?

Volker Lempp, Rechtsanwalt des Auto Club Europa (ACE) sagt: „Sie prüft, ob sich die vermuteten Bedenken gegen die Eignung erhärten lassen. Dabei kann sie eine Fahrprüfung, in Einzelfällen auch eine ärztliche oder gar medizinisch-psychologische Begutachtung anordnen.“ Mögliche Bescheide kosteten einen dreistelligen Betrag an Gebühren „und können nicht einmal mit Rechtsmitteln angefochten werden“, so Lempp.

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Was bedeutet ein entsprechender Bescheid für Betroffene?

„Sie müssen in den sauren Apfel beißen und die Anordnung erfüllen“, empfiehlt Lempp. Tun sie es nicht, wird die Fahrerlaubnis entzogen. „Erst dann kann dagegen geklagt werden, aber als Jurist kann ich das niemandem empfehlen.“ Das Verfahren dauere mitunter ein bis zwei Jahre. Und der Ausgang sei ungewiss. Das saarländische Oberverwaltungsgericht jedenfalls hielt in einem Fall aus dem Jahr 1994 eine angeordnete amtsärztliche Gesundheitsprüfung einer 81-Jährigen für rechtmäßig. Diese war zwar noch nie „verkehrsrechtlich in Erscheinung“ getreten, einer Polizeistreife aber wegen extrem langsamer Fahrt und einer Orientierung an der Mittellinie aufgefallen. (AZ: 3W15/94)

Wie beurteilen die Autoclubs die Situation?

Weder der ACE noch der Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC) sehen einen Anlass für einen verpflichtenden Senioren-TÜV. „Es gibt dafür keine Grundlage, die Unfallstatistik jedenfalls gibt sie nicht her“, sagt Lempp. Auch der ADAC-Verkehrspsychologe Ulrich Chiellino sieht das so. „Senioren gehören nach Auswertung der Unfallzahlen nicht zur Hochrisikogruppe.“

Dass ältere Fahrer laut Bundesamt für Statistik zwischen 2001 und 2011 mehr Unfälle verursacht hätten, sei nicht verwunderlich – schließlich sei deren Anteil an der Bevölkerung gestiegen. Auch dass 80-Jährige bei einem Unfall zu 80 Prozent die Schuld tragen, sage nichts aus über Unfallhäufigkeit und -schwere. Und: Um ein aussagekräftiges Urteil über die Fahreignung fällen zu können und dabei die Irrtumswahrscheinlichkeit so klein wie möglich zu halten, bräuchte es aufwändige und teure Tests. Dies stehe in keinem Verhältnis.

Wofür sprechen sich die Autoclubs aus?

ACE und ADAC plädieren für freiwillige Überprüfungen der Gesundheit. Dazu gehörten regelmäßige Seh- und Hörtests. Sollte die Fahrtauglichkeit bei Zeiten stark nachlassen, sehen sie auch Hausärzte und Familienmitglieder in der Pflicht, auf die Senioren einzuwirken. Interessant dabei: Einer Studie der Verkehrswachtstiftung Niedersachsen zufolge würden vier von fünf Senioren auf Anraten ihres Arztes ihren Führerschein abgeben. ADAC-Angaben zufolge besitzen in Deutschland etwa 1,7 Millionen Menschen im Altern von 75 bis 84 Jahren ein Auto.

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Was sagen Verkehrspolitiker?

Initiativen für die Einführung eines Sicherheits-TÜV für ältere Autofahrer gibt es in regelmäßigen Abständen. Nur: Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hat der Idee erst vor Wochen eine Absage erteilt. Eine solche Verordnung würde eine Altersdiskriminierung bedeuten, so der Minister.

Welche Vorschläge gibt es aus der Wissenschaft?

Prof. Dr. Egon Stephan von der Uni Köln, Leiter der „Obergutachterstelle des Landes NRW zur Beurteilung der Kraftfahreignung“, spricht sich bei Bedarf für örtliche oder zeitliche Einschränkungen bei der Fahrerlaubnis aus. Für Senioren jedenfalls, die durch Unsicherheiten am Steuer aufgefallen seien. Im speziellen Fall könne die Fahrerlaubnis auch nur für bestimmte Straßen gelten. Rechtlich seien Maßnahmen wie diese unbedenklich. Das Fahrerlaubnisrecht lasse Einzelfallgerechtigkeit zu, so Stephan.

Diese Spielräume würden von den Behörden derzeit aber nicht genutzt. Im Zweifel würde der Führerschein eingezogen – und den Menschen damit ein Stück Lebensqualität genommen. Auch Verkehrspsychologe Chiellino kann sich mit der eingeschränkten Fahrerlaubnis anfreunden. „Das ist sinnvoll und die meisten Senioren würden dies auch akzeptieren.“

Kai Wiedermann



Kommentare
20.02.2013
08:19
Wenn Senioren der Führerschein-Entzug droht
von Realis63 | #4

Was mir schon lange fehlt und meines Erachtens auch bewusst zurückgehalten wird ist:

Eine Statistik welche "Unfälle pro gefahrene Kilometer" darstellt.

Bisher kenne ich nur Zahlen die sich auf "Unfälle pro Jahr" beziehen.

Bedeutet das im Extremfall der 40 jährige Berufskraftfahrer, mit 200.000 km pro Jahr, mit einem 80 jährigem Rentner und nur 1500 km im Jahr, in einen Topf geworfen werden. Beide haben dann z.B. 0.2 Unfälle im Jahr.



19.02.2013
18:16
Ich würde sagen, die deutlich älteren Autofahrer sind eine unterschätzte Gefahr.
von Okling | #3

Das merkt man ja meist schon von Weitem, dass da ein 80jähriger am Steuer sitzt. Die lenken so komisch ruckelnd, lassen die Kupplung bei hoher Drehzahl schleifen, brauchen mehrere Anläufe und irgendwo einzuparken, und kümmern sich recht wenig um andere Verkehrsteilnehmer.

Wenn irgendwas Unvorhergesehens passiert, wird erstmal ein paar Sekunden überlegt, was man denn machen könnte, und dann wird überreagierend in die Eisen gelatscht, oder ein ruckeliger Bogen gemacht.

Im Verwandtenkreis hat man meist auch solche älteren Leute, die aber vollkommen beratungsresistent sind. Meine Mutter schafft es nur noch vorwärts ein- und auszuparken, mein Schwiegervater fährt nur noch 70-80 auf der Autobahn, jemand anderes hat öfter Schwächeanfälle.

Vermutlich sind die Unfallzahlen deshalb noch akzeptabel, weil diese alten Leute alle nur noch ein paar tausend Kilometer im Jahr unterwegs sind, und auch meist sehr langsam fahren, da sie ihre Schwächen wohl selber unterbewusst kennen.

1 Antwort
Wenn Senioren der Führerschein-Entzug droht
von la.heterosexual | #3-1

Ich bin 38 und fahre auch so....

19.02.2013
16:49
Wenn Senioren der Führerschein-Entzug droht
von Kieser | #2

Wenn man ehrlich ist, gibt es schlichtweg kein einziges argument gegen regelmäßige Eignungstests zum führen von fahrzeugen. Von mir aus alle 5 oder 10 jahre, für jeden verpflichtend. eine kurzer theorieteil, augen, reaktion, fertig. und das ganze kostenlos.
Dabei geht es nicht allein um die rentner, es gibt auch genügend junge leute, die die aktuellen verkehrsregeln schlicht nicht mehr kennen weil diese sich im laufe der zeit nunmal ändern.
So ein PKW ist nunmal ein 1-2 tonnen schweres gerät, welches bei falscher bedienung große schäden anrichten kann.

1 Antwort
Wenn Senioren der Führerschein-Entzug droht
von Bella74 | #2-1

Ich kann da nur 100% zustimmen!
Es wird ich aber wohl eher nicht durchsetzen können, dies kostenlos anzubieten.
In den USA ist es schon lange so, das der Führerschein alle paar Jahre erneuert werden muss, dort kostet die Prüfung im Gegensatz zu hier aber auch nur einen Bruchteil.

19.02.2013
16:23
Wenn Senioren der Führerschein-Entzug droht
von zool | #1

Wenn ich das so lese, kommt mir eine super Idee, wie man das Haushaltsloch der BRD etwas verkleinern kann. Ab sofort kostet der Alkotest der Polizei für einen Fahrer 20 €uro. Weigert er sich diesen Test zu bezahlen, wird der Führerschein eingezogen und nur nach einer erfolgreichen MPU wieder erteilt. Wow, was man da an €uros zusammenbekommt.

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