Skisprung hat ein gewichtiges Problem
12.02.2010 | 11:37 Uhr 2010-02-12T11:37:00+0100
Vancouver. Skispringer wollen für einen optimalen Flug so leicht wie möglich sein, durch das Hungern aber keine Substanz verlieren. Das kann zu gesundheitlichen Problemen führen - wie im Januar bei Martin Schmitt. Deshalb streben sie eine weitere Reform ab.
Waren das noch Zeiten, als Eddie „the Eagle“ Edwards vor 22 Jahren bei den Olympischen Winterspielen in Calgary fast wie ein Stein von der Schanze fiel und als schlechtester Skispringer aller Zeiten unsterblich wurde. Eddie der Adler brachte bei einer Größe von 1,73 m um die 82 kg auf die Waage. Wenn am Samstag (18.45 Uhr MEZ) auf der Normalschanze die ersten Medaillen der 21. Winterspiele verteilt werden, dann gibt es weder einen vergleichbar schwachen noch schweren Teilnehmer.
Skispringer haben Figuren wie Papiergewicht-Boxer. Fast alle sind Sklaven der Waage, einige sogar echte Hungerkünstler. Da im Sport des 21. Jahrhunderts alles auf den bedingungslosen Erfolg ausgerichtet ist, tun Sportler und Trainer alles, um aus dem Körper das Maximum der menschlichen Leistungsfähigkeit herauszukitzeln. Um den modernen Sport nicht noch mehr zu einem Zombie-Wettstreit verkommen zu lassen, muss er mit vernünftigen Regeln der unverantwortlichen Gier nach Erfolg Grenzen setzen. Deshalb gibt es Anti-Doping-Gesetze und deshalb gibt es im Skispringen Gewichtslimits. Denn leicht fliegt besser, so ist es nun einmal.
BMI-Regel seit sechs Jahren
Vor sechs Jahren haben drei Buchstaben zu einer sinnvollen Reform des Skispringens geführt. BMI, das ist die Abkürzung für Body Mass Index. Der Index ergibt sich, wenn man das Körpergewicht durch die Größe im Quadrat teilt. Die Welt-Gesundheitsbehörde geht davon aus, dass ein Mensch mit einem Wert von unter 18,5 als untergewichtig einzustufen ist und sich so einem Gesundheitsrisiko aussetzt. Seit 2004 gilt für Skispringer ein verbindlicher Wert von 20,0. Ein 1,74 m großer Athlet müsste 60 Kilo auf die Waage bringen. Allerdings ist die komplette rund vier Kilo schwere Ausrüstung eingerechnet. Wer leichter als der Richtwert ist, muss mit kürzeren Ski springen und so auf eine größere Auftriebsfläche beim Flug verzichten.
Ein Skispringer reitet Tag für Tag auf der Rasierklinge. Einerseits will er für einen optimalen Flug so leicht wie möglich sein, andererseits will er durch das Hungern keine Substanz verlieren. Wie grenzwertig dies ist, wissen wir seit den Schilderungen von Janne Ahonen in seinem vor kurzem erschienenen Buch „Königsadler“. Der Finne, der in Vancouver endlich Olympiasieger werden will, beschreibt ebenso ehrlich wie erschreckend, welcher Tortur er sich vor der Saison aussetzte, um sich innerhalb von drei Wochen von 73 auf 65 Kilo herunterzuhungern. Statt der normalen Tagesration von 2000 nahm er nur 200 Kilokalorien zu sich: Morgens fettfreier Joghurt, mittags nichts, abends ein paar Müslikörner und Tonalin-Tabletten, um den Fettstoffwechsel auf Touren zu bringen. Zwischendurch kannenweise Kaffee zur Entwässerung und jede Menge Zigaretten, um sich von dem quälenden Hungergefühl abzulenken. Wenn sein Sohn Mico während dieser Radikalkur mit ihm spielen wollte, rannte Papa Janne wie ein Zombie hinter ihm her.
In seinem Buch berichtet Ahonen schonungslos, welche Gedanken durch seinen Kopf geschossen waren, als er vor zehn Jahren, zu einer Zeit, als es noch keine BMI-Regel im Skispringen gab, das Bild des völlig abgemagerten Sven Hannawald gesehen hatte. Mit eingefallenen Wangen und klapperdürrem Oberkörper war der Team-Olympiasieger von 2004 am Strand in Ägypten abgelichtet. „Es waren so viele Fettspeicher vorhanden wie bei einem hungernden Menschen in Afrika, dem der sichere Tod bevorsteht“, schreibt Ahonen.
Was aus Hannawald der Leistungsstress und der Gewichtswahnsinn machten, wissen wir. Inzwischen hat er seine Depressionen überwunden und setzt sich dafür ein, dass im kommenden Jahr der BMI-Richtwert nicht nur auf 20,5 erhöht wird, sondern auf 21 oder 21,5. Mit dieser Forderung steht Ahonen nicht allein. Auch Martin Schmitt begrüßt eine weitere Erhöhung. Der viermalige Weltmeister weiß warum. Um bei einer Größe von 1,82 m die BMI-Grenze auszuschöpfen, darf und sollte er 64 Kilo wiegen. Das war in dieser Saison so stressig, dass er nach der Vierschanzentournee wegen eines Erschöpfungszustands eine Pause einlegen musste. Inzwischen ist er wieder topfit und sorgte im olympischen Training schon für einige Ausrufezeichen. Schmitt ist ein gutes Beispiel, um das Thema sachlich zu diskutieren. Ein hysterisches aufgebauschtes Magersucht-Szenario ist ebenso unangebracht wie eine Verniedlichung. Der Skisprung hat nun mal ein im wahrsten Sinne des Wortes gewichtiges Problem.

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