Siegen hat viele fragwürdige Namenspatrone
19.02.2010 | 09:56 Uhr 2010-02-19T09:56:00+0100
Siegen. Die Forderungen nach einer angemessenen Ehrung Walter Krämers nehmen nach der Ablehnung durch den Kulturausschuss der Stadt nicht ab.
Viele Privatpersonen sowie Parteien und Verbände können nicht nachvollziehen, dass an den „Arzt von Buchenwald” in seiner Heimatstadt lediglich eine kleine Tafel an seinem Wohnhaus in Weidenau erinnert. In Israel wurde Walter Krämer als einer von drei nichtjüdischen deutschen Personen in die Gedenkstätte Yad Vashem aufgenommen und als „Gerechter unter den Völkern” geehrt.
Prof. Manfred Zabel vom Förderkreis „Geschichte der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften im Kreis Siegen-Wittgenstein” macht den Kompromissvorschlag, die Siegbrücke in der Bahnhofstraße in „Walter-Krämer-Brücke” umzubenennen. Dieser Vorschlag sollte nach der Kontroverse im Kulturausschuss nochmals auf die Tagesordnung, findet Zabel.
„Daran werden wir sie erinnern”
Michael Groß, Fraktionsvorsitzender der Grünen, vermisst in der jüngsten Diskussion die Teilnahme von CDU, FDP und UWG, die im Kulturauschuss die Ehrung Krämers an einer zentralen Stelle der Stadt abgelehnt hatten. „Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass in diesen Fraktionen das Nachdenken nicht aufgehört hat. Die Chance zu einer Änderung ihrer strikten Ablehnung muss ihnen jedenfalls gegeben werden. Und daran werden wir sie erinnern”, so Groß.
Angesichts kritisch zu betrachtender Straßenbenennungen in Siegen erscheine es geradezu abstrus, ausgerechnet einem auch von anderen geehrten Sohn der Stadt wie Walter Krämer die Würdigung zu verweigern, schreiben die Grünen.
Straßen in Siegen, die nach Personen mit nazionalsozialistisch belasteter Geschichte benannt sind, hat der auf Anregung des Kulturausschusses gegründete „Arbeitskreis Straßennamen” aufgelistet und einen Bericht verfasst, der in den politischen Gremien diskutiert werden soll. Bisher liege die Sache auf Eis, so ein Mitglied des Arbeitskreises gegenüber unserer Zeitung.
Dabei gibt es durchaus Handlungsbedarf. So ist die Fißmer-Anlage zwischen Nikolaikirche und Marburger Straße nach dem ehemaligen Oberbürgermeister von Siegen (März 1923 bis 24. April 1945) benannt. Alfred Fißmer war seit 1933 förderndes Mitglied der SS und zahlte einen nicht unerheblichen Monatsbeitrag an den Förderkreis der SS. 1937 wurde er im zweiten Anlauf Mitglied der NSDAP. Auf Vorschlag Hermann Görings wurde er 1944 mit dem Kriegsverdienstkreuz erster und zweiter Klasse mit Schwertern ausgezeichnet.
Bekennender Antisemit
Die Stöcker-Straße an der Leimbachstraße wurde nach dem Berliner Hofprediger Adolf Stöcker benannt. Stöcker (1835 bis 1909) war Mitbegründer der Christlich-Sozialen Bewegung, die sich gegen den „verjudeten Großkapitalismus” sowie gegen die „verjudete Linke” richtete.
Eine Straße in Kaan-Marienborn trägt den Namen von Lothar Irle, der bereits 1931 Mitglied in der NSDAP wurde und hochrangiger NS-Lehrerfunktionär war. Als Mitglied der SA wurde er 1937 zum Oberscharführer befördert. Irle war bekennender Antisemit. Wegen seiner NS-Belastung wurde er 1945 im Zuge der Entnazifizierung aus dem Schuldienst entlassen und nicht wieder eingestellt.
In Eisern gibt es gar die „Ostlandstraße”. Das Reichskommissariat Ostland entstand nach dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Jahr 1941 und umfasste das Baltikum und Teile Weißrusslands.
Die Liste der Straßennamen, die nach geschichtlich belasteten Personen oder Ereignissen benannt wurden, ließe sich weiter fortsetzen. „Straßennamen können auch Erinnerung sein, bieten Anlass zum Nachdenken, sind etwas wie ein Denkmal”, schreiben die Grünen in ihrer Pressemitteilung. Welche Personen in der Stadt geehrt werden, darüber müssen sich die Siegener Politiker Gedanken machen.

10:30
Aufklärung tut aber doch Not. Und Aufklärungsarbeit ist es auch verbohrte Lokalpolitiker dazu zu bewegen, darüber nachzudenken, ob eine Ehrung abhängig gemacht werden darf von einem Parteibuch oder ob es gilt die (unbestrittene) menschliche Leistung zu ehren.
Außerdem muss man sich jeden Tag neu die Frage stellen, wie man Stellung beziehen will, da gilt es auch die Vergangenheit zu bewerten und Symbole (z. B. Straßen- und Platzbenennnungen) zu überdenken.
23:16
Schön recherchiert.
Die Geschichte rückgängig zu machen ist nicht möglich und der Versuch, die Spuren von damals unsichtbar zu machen macht eben auch keinen großen Sinn.