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Shaun White - das Tier besiegt die Schwerkraft

18.02.2010 | 22:44 Uhr
Shaun White - das Tier besiegt die Schwerkraft

Vancouver.Shaun White ist der Erfinder der guten Laune, aber in Vancouver hat er tatsächlich zwei Minuten lang geknurrt. Er hat keine Lust mehr auf seinen alten Spitznamen „Fliegende Tomate“, den sie ihm wegen seiner roten Haare verpasst haben.

„Call me animal“, hat Shaun Wihite gesagt. Nennt mich das Tier! Und dann hat das Tier zugeschlagen: Gold mit seinen irren Sprüngen auf dem Snowboard in der Halfpipe.

White ist 23 Jahre alt, aber seine Erfolge reichen schon jetzt für drei aufregende Leben aus. Der Junge aus Kalifornien hat bereits bei den Winterspielen 2006 in Turin Gold gewonnen, und 2002 in Salt Lake City wäre es wohl genauso gewesen, doch das US-Team hatte ihn damals nicht nominiert. Mit 15 Jahren sei er noch zu jung.

Auch egal, White steht unter Genie-Verdacht und ist längst der größte Star der amerikanischen Wintersportler. Skifahrerin Lindsay Vonn hin oder her. Er verdient zehn Millionen Dollar im Jahr, er hat seine eigene Halfpipe in den Rocky Mountains, die nur mit dem Hubschrauber zu erreichen ist, und er geht abends in Los Angeles mit den Hollywood-Stars zum Dinner aus.

Willkommen zur Party

Shaun White zeigt Sprünge bis in den Himmel.

Schließlich sind die Snowboarder die Profisportler, die den Berg nicht mehr als Arbeitsplatz sehen, sondern ihn als Spielplatz entdeckt haben. Die Jungs sind so cool, dass sie in der Kneipe nicht mal dann zum Nebentisch schauen würden, wenn dort Madonna und Jesus Christus Wein trinken würden.

Willkommen zur Party. Auf dem Cypress Mountain über Vancouver geht nichts ohne laute Musik. Bruce Springsteen, The Clash, AC/DC, dazu die angesagtesten Jacken mit Karo-Muster und die dazu passenden Sonnenbrillen. Die Weißwurst-Anzüge der Rodler wirken gegen das Outfit der Snowboarder wie ein Überbleibsel aus der Steinzeit. Und dann beginnen die Menschen am Cypress Mountain auch noch zu fliegen.

Die Halfpipe, eine 150 Meter lange Schneepiste, hat an den Seiten sieben Meter hohe Steilwände - fast zwei Meter höher als noch 2006 in Turin. White läuft an, aber er springt nicht, er hebt ab wie eine Boeing.

Im Sommer hat er in Neuseeland einen neuen Sprung erfunden, der wegen der Schwerkraft eigentlich nicht funktionieren kann: Den Double Cork, eine dreifache Schraube mit doppeltem Salto. Der 23-Jährige zaubert den Double Cork bei Olympia mit einer Selbstverständlichkeit in die Luft mit der andere Menschen die Kaffeemaschine einschalten. Wer ihn schlagen will, der muss dieses Kunststück beherrschen.

“Das Tier“: Shaun White.

Und genau an dieser Stelle wird die Show gefährlich. Denn bei aller Lockerheit sind die Snowboarder Profisportler und wollen gewinnen. Den US-Amerikaner Kevin Pearce hat dieser Ehrgeiz seine Gesundheit gekostet. Er ist derjenige, der White schon mehrfach besiegt hat. Doch im Dezember endete seine Karriere tragisch. Pearce trainierte den Double Cork, verlor die Kontrolle, knallte aus acht Metern Höhe auf die Kante der Steilwand und erlitt schwere Kopf- und Hirnverletzungen. Er liegt noch immer im Krankenhaus und es ist fraglich, ob er je wieder gesund wird.

Aber die Welt ist verrückt: Der Verkauf der Bagjumps lief auch nach diesem Unfall weiterhin glänzend. Bagjumps, die 25.000 Dollar pro Stück kosten, sind die riesigen Luftkissen, die eigentlich nur Stuntmen für ihre Stürze von Brücken oder aus Fenstern brauchen. Seit der Erfindung des Double Corks bestellen auch Snowboarder diese Luftkissen, legen sie in die Halfpipe und üben den Wahnsinn ein.

Die Diskussion über Verbote und Beschränkungen hat der deutsche Snowboard-Altmeister Xaver Hoffmann schon vor Monaten beendet. „Innovative Tricks bedeuten den Fortschritt des Sports“, hat er gesagt. Ansonsten könne man ja auch gleich die Herren-Skiabfahrt auf Tempo 30 begrenzen.

„Das Ding macht mich fertig“

Und so fliegen sie weiter am Cypress Mountain. Die Medaillengewinner White (Gold, 48,4 Punkte), der Finne Peetu Piiroinen (Silber, 45,0) und der US-Amerikaner Scott Lago (Bronze, 42,8) haben alle den Double Cork im Repertoire. Nur White ist schon wieder weiter. Zum Abschluss zeigte er noch den Double McTwist 1260. Übersetzt: Ein doppelter Salto mit dreieinhalb Drehungen.

Aber selbst White war erleichtert, als er diesen Monster-Sprung gestanden hatte. „Das Ding macht mich fertig“, sagt er. „Es ist mein bester Freund und mein größter Feind. Es hat mich fast das Leben gekostet, den Sprung zu lernen.“

Angst? Nicht in der Halfpipe, sonst schon. „Die Party wird mich gleich umbringen“, meinte White nach der Siegerehrung. „Ich habe Angst!“

Ralf Birkhan

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