Oprah Winfreys letzte Show

Bild: Mehr als eine TV-Moderatorin: Oprah Winfrey wurde in den 25 Jahren ihrer Karriere Milliardärin, Präsidentenberaterin und hat heute Fans in aller Welt.
Bild: Mehr als eine TV-Moderatorin: Oprah Winfrey wurde in den 25 Jahren ihrer Karriere Milliardärin, Präsidentenberaterin und hat heute Fans in aller Welt.
Foto: Getty Images
Was wir bereits wissen
25 Jahre flimmerte Oprah Winfrey, die amerikanische First-Lady des TV, über die Mattscheibe. Vorbei, am Dienstag wurde die letzte Folge der Sendung aufgezeichnet. Heute nimmt Amerika Abschied vom vielleicht erfolgreichsten Format der letzten Jahre.

Washington. Ab morgen ist nur noch Leere. Wie soll man plötzlich eine Nachmittagsstunde füllen, die 25 Jahre lang von Montags bis Freitags ihren festen Rahmen hatte? Nichts wird mehr so sein wie vorher, wenn Oprah Winfrey mit ihrer 4561. Sendung der Nation am Mittwoch tränenreich Goodbye sagt. Oprahs treue TV-Gemeinde wird sich nach dem Verlust der Übermutter fühlen, als sei sie brutal aus dem wärmenden Nest geschubst worden. "Heute Abend umgibt dich nichts anderes als Liebe", säuselte Filmstar Tom Hanks am Montag bei der ersten der beiden großen Abschiedspartys, bei denen die Superstars des amerikanischen Showbiz auf der gigantischen Bühne der Chicagoer United-Arena der Königin der Talk-Shows huldigten und, so die Zeitung "USA Today", "ihren Ring küssten". Bei Oprah und den 13000 verzückten Zuschauern flossen die Tränen, obwohl sie mitten im kollektiven Abschiedsschmerz keinen Hehl daraus machte, nach zweieinhalb Jahrzehnten über das Ende der erfolgreichsten Talk-Show der Fernsehgeschichte vor allem erleichtert zu sein. "Wir sind dabei, das Flugzeug zu landen. Fahrwerk raus", schmetterte sie in ihrer typischen, direkten Art.

Lebenshilfe und Seelenstriptease

Dabei wird sie keineswegs für immer aus Amerikas Wohnzimmern verschwinden. Nur ihre tägliche Sendung, die in 145 Länder der Erde weiter verkauft wird, läuft aus. Doch Oprah Winfrey, die dank ihrer Show und einer cleveren Vermarktungskette zur ersten schwarzen Milliardärin Amerikas aufstieg, peilt längst höhere Ziele an. Goodbye Chicago, Hello Hollywood - auf ihrem eigenen Kabelsender "OWN" mit Sitz in Los Angeles läuft der Oprah-Mix aus Lebenshilfe und Seelen-Striptease, Diät-, Kosmetik- und Buchtipps schon seit Anfang des Jahres rund um die Uhr. Noch sind die Einschaltquoten eher mäßig. Sie will sich dahinter klemmen, dass sich das ändert.

Bislang ist ohnehin so ziemlich alles, was sie anfasste, zu Gold geworden. Längst ist die 57-jährige übergewichtige Schwarze, die keine eigenen Kinder hat, in eine Liga aufgestiegen, in der man keinen Nachnamen mehr braucht. Als einflussreichste Frau der Welt war sie öfter auf dem Titel des US-Magazins "Time" als der Dalai Lama, Nelson Mandela oder Bill Clinton. Alle Präsidenten seit Jimmy Carter pilgerten in ihre Show. Nur zu gut dürfte Barack Obama noch wissen, dass ohne ihre Wahlempfehlung heute Hillary Clinton im Weißen Haus säße. Ihre Rückendeckung war gut eine Million Wählerstimmen wert, das entscheidende Plus.

Oprah Winfrey - ein amerikanischer Traum

"Ich weiß, dass die Show für mehr steht als nur Fernsehen", sagt sie selbst. Oprah steht für die Verkörperung des amerikanischen Traums, der vor allem damit beginnt, trotz aller Bedrängnisse vor allem an sich selbst zu glauben. Jeder ihrer Sätze hat Gewicht. Ihr Buchclub mit zwei Millionen Mitgliedern machte selbst verstaubte Ladenhüter wie Tolstois "Anna Karenina" in den USA zu Bestsellern. Warnt sie vor dem Rinder-Wahnsinn, geht Amerikas Fleischindustrie in die Knie. Versucht sie abzunehmen, hungert auch halb Amerika.

Im Laufe der Jahre hat sich ihre Sendung vom Kummerkasten und Beichtstuhl der Nation zum Erweckungserlebnis mit geradezu religiösen Zügen gewandelt. "Gib niemals auf, bleib dir treu. Du wirst es schaffen" - Oprah trifft einen Ton, den niemand kopieren kann, ohne sich lächerlich zu machen. Sie ist die beste Freundin, bei der man sein Herz ausschütten kann und nicht daran denkt, dass gleichzeitig Millionen Menschen zuschauen. Bei aller Kritik an dem Kult um ihre Person geht niemand so weit, ihre Verdienste um Amerikas demokratische Kultur in Abrede zu stellen. Für Amerikas Schwarze waren ihre Sendungen über den Rassismus im Land Sternstunden. Sie lud Aids-Kranke ein, als das Thema in Talk-Shows noch tabu war. Stoisch saß sie in den Ärger aus, als sie in ihrer Sendung gegen den Irak-Krieg vom Leder zog. Oprah, Amerikas Mutter Teresa des Fernsehens, ist längst unantastbar. Der wachsende Reichtum kratzte dabei nicht an ihrem Image als "Frau aus dem Volk". Hunderte von Millionen Dollar hat sie im Lauf der Jahre vor allem für Schulen in Afrika, aber auch in den USA gespendet. Oprah ist ein Produkt des Fernsehens und daneben vor allem eine clevere Geschäftsfrau, die ihre eigene Person perfekt inszeniert. Ihr eigenes Drama, der Missbrauch, die Vergewaltigungen, die frühe Schwangerschaft, der Tod ihres Babys, ihre Drogen- und Fress-Sucht - all dies gab sie in ihren Sendungen nur preis, wenn es ihrem Image zuträglich war. Was ist noch echt, was schon Kalkül? Bei Oprahs hoch emotionalem Fernsehen sind die Grenzen längst verschwommen. Interviews gibt sie allenfalls ihrer eigenen Zeitschrift mit dem passenden Titel "O - The Oprah Magazine". Das Cover-Girl ist immer sie. Nur für Michelle Obama räumte Oprah ihren Stammplatz auf dem Titel. Eine Königin darf gelegentlich auch großzügig sein.