Olympionikin Neuner gewinnt Gold mit Ansage
16.02.2010 | 23:25 Uhr 2010-02-16T23:25:00+0100
Whistler.Locker, lockerer, Neuner. Diese junge Frau ist so unglaublich cool. Schon einige Meter, bevor Magdalena Neuner die Ziellinie im Biathlon-Stadion als Olympiasiegerin des Verfolgungsrennens überquerte, riss sie voller Erleichterung den rechten Stock in die Höhe und fasste sich dann mit beiden Händen an den Kopf. Als sei sie selbst über diesen schönsten Moment in ihrer jungen, aber schon so erfolgreichen Karriere verwundert.
Dabei war es eigentlich ein Triumph mit Ansage, denn Neuner hatte schon nach dem zweiten Platz im Sprint keinen Zweifel daran gelassen, dass sie sich diese Goldchance in der Verfolgung bei nur 1,5 Sekunden Rückstand auf die Slowakin Anastazia Kuzmina nicht entgehen lassen würde. „Meine Silbermedaille soll nicht allein bleiben“, hatte sie gesagt.
Nun hat sie in ihrem Zimmer im olympischen Dorf neben der silbernen Plakette auch noch wie angekündigt ein Goldstück liegen. „Ja, jetzt bin ich Olympiasiegerin“, sagte sie und fügte die Worte hinzu, die schon so viele Olympiasieger über die Lippen brachten: „Das ist der Wahnsinn.“
Neuner ist bereits eine der größten deutschen Sportlerinnen der vergangenen Jahre
So austauschbar dieses Zitat ist, so einzigartig sind ihre Erfolge und so außergewöhnlich ist die Entspanntheit, mit der Magdalena Neuner bei ihrer olympischen Premiere ans Werk geht. Vor einer Woche feierte die junge Frau aus dem bayerischen Wallgau erst ihren 23. Geburtstag. Sechsfache Weltmeisterin und Sportlerin des Jahres ist sie schon, und jetzt setzte sie beim Höhepunkt allen sportlichen Messens noch einen drauf. Keine Frage, Magdalena Neuner ist bereits eine der größten deutschen Sportlerinnen der vergangenen Jahre – und hat noch ein ganzes sportliches Leben vor sich.
Bevor die Millionen von deutschen Biathlon-Fans (7,31 Millionen sahen schon Neuners Sprintlauf zum Silber) den Olympiasieg der Bayerin bejubeln konnten, mussten sie aber eine gute halbe Stunde zittern. Neuner hatte zwar sofort die mit einem Vorsprung von 1,5 Sekunden ins Rennen gestartete Kuzmina eingeholt, aber die Slowakin ließ sich nicht so leicht abschütteln. Kuzmina zielte zwar beim zweiten und dritten Schießen jeweils einmal daneben, doch auch Neuner patzte einmal.
Vor dem letzten Stehend-Anschlag führte Neuner mit fast 30 Sekunden, mit einer Fahrkarte beim fünften Versuch machte sie es aber noch einmal spannend. Kuzmina lag nur 6,2 Sekunden zurück. Ein aufholbarer Rückstand, doch nicht gegen diese Neuner. Nicht an diesem Tag. „Beim letzten Schuss war ich so brutal nervös, weil ich daran gedacht habe, jetzt geht es um den Olympiasieg. Prompt ging er daneben“, schilderte sie nach dem Rennen ihre Gefühle, „aber ich wusste, dass ich es schaffe.“
Im vergangenen Frühjahr war Neuners Psyche stark angeknackst
Ihr Selbstbewusstsein in diesen olympischen Tagen ist unerschütterlich. Souverän schüttelt sie den gewaltigen Erwartungsdruck von ihren schmalen Schultern ab. Die Zeiten, dass ihr beim Schießen die Nerven versagen, scheint Neuner überwunden zu haben. Im vergangenen Frühjahr war ihre Psyche so angeknackst, dass sogar die Fortsetzung ihrer Karriere in Gefahr zu geraten schien.
Die Arbeit mit einem Psychologen hat ihr offensichtlich gute Dienste erwiesen. Eigentlich klingen die Ratschläge ganz einfach, aber nur die Großen können sie in den entscheidenden Phasen umsetzen. Sie sollte sich nicht mehr wegen ihrer angeblichen Schwäche im Schießen rechtfertigen, empfahl ihr der Mentaltrainer, sie solle einfach ganz stark an sich glauben und das machen, was sie kann.
Und das ist unglaublich viel, wie sie hier in Whistler zeigt. Magdalena Neuner macht ihr Zeug. Mit der neuen Lockerheit wird sie auch am Donnerstag beim Einzelrennen über 15 Kilometer ins Rennen gehen. Gut möglich, dass die zwei Plaketten aus Gold und Silber auch nicht lange allein bleiben.

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