Mehr empfinden als andere

Interview Hochsensible, Selbsthilfegruppe für besonders feinfühlige Menschen, mit Hubert Wolf am Mittwoch, 24.8.2011, für WAZ Content. Foto zeigt Eliane Reichardt und Michael Jack. Foto Walter Buchholz/WAZ FotoPool
Interview Hochsensible, Selbsthilfegruppe für besonders feinfühlige Menschen, mit Hubert Wolf am Mittwoch, 24.8.2011, für WAZ Content. Foto zeigt Eliane Reichardt und Michael Jack. Foto Walter Buchholz/WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool
Michael Jack aus Bochum gründete den „Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität“. eine Organisation für Menschen, die mehr empfinden als andere. Weil sie Sinneseindrücke intensiver wahrnehmen.

Ruhrgebiet.. Jetzt beginnt es maßlos zu schütten, aber Isabelle Carré und Benoît Poelvoorde waren leider bereits unterwegs. Er: „Sollen wir umkehren?“ Sie: „Möchtest du?“ Er: „Nicht unbedingt, und du?“ Und so geht dieser durchaus lebensnahe Dialog zweier ausgeprägter Weicheier weiter. Wahrscheinlich laufen sie heute noch.

Triefnass, halbtot, aber wenigstens haben sie einander nicht vor den Kopf gestoßen.

Nein, die beiden schauspielern nur, in der aktuellen Komödie „Die anonymen Romantiker“; und ihr Gespräch ist eine Karikatur auf besonders sensible Menschen. Und doch „erkannte ich mich teilweise in dem Film wieder, wie ich vor zehn Jahren war“, sagt Michael Jack.

Der 30-jährige Bochumer ist Gründer und Präsident des „Informations- und Forschungsverbundes Hochsensibilität“, eines jungen Vereins von gesundem Wachstum – gerade gründeten sich Ableger in Duisburg und Nottuln. Sie sollen Anlaufpunkte sein für Menschen, die den finsteren Verdacht haben, sie könnten hochsensibel sein. Denn Spaß macht das nicht unbedingt.

„Disco, Stadtfest, Kirmes sind eine Qual. Zu viele Leute, zu viel Musik, zu viel Durcheinander“, sagt Eliane Reichardt: „Ich drehe durch, gehe nach Hause und lese.“ Kommen viele Menschen in ein Geschäft, in dem sie bereits ist, „muss ich erst mal raus und tief Luft holen“; und die Party verlässt sie als erste, „und wenn dann das Taxi kommt, bin ich schon dreißig Minuten spazieren gegangen“, so die 52-jährige Reichardt.

Überempfindlich bei Lärm und Leuten, Licht und Farben, Geschmäckern und Gerüchen

Überempfindlich bei Lärm und Leuten, Licht und Farben, Geschmäckern oder Gerüchen, so beschreiben sich andere aus diesem Menschenschlag, falls das jetzt das richtige Wort ist, Menschenschlag. Kurzum: Ein breiter Strom von Eindrücken stürzt auf sie ein, und kein Knopf zum Abschalten ist in der Nähe. Das kostet Kraft, ja das kann auch krank machen.

„Der gemeinsame Nenner bei Hochsensibilität ist der fehlende Filter. Man nimmt mehr wahr als andere“, sagt Michael Jack; dabei umfasst sein Begriff von Hochsensibilität ein breites Spektrum von jenen Menschen, die von ihren Sinneseindrücken überwältigt werden oder auch von Schmerzen, bis zu den klassischen Sensiblen: den Stimmungsspürern und Menschenflüsterern, den Lügenerkennern und Affären-auf-den-ersten-Blick-Durchschauern, den guten Zuhörern natürlich, gelegentlich gestresst von ihrer ganzen blöden Empathie.

Viele Betroffene ziehen ziehen sich zurück

Viele Hochsensible neigen dazu, sich zurückzuziehen. Sie können sich gut beschäftigen: lesen, spazieren, nachdenken, verstehen, durchschauen; bei manchem, muss man auch mal sagen, schwingt ein leichter Hauch von Hochmut bei der Selbstbeschreibung mit. Auch haben sie es nicht immer leicht mit ihrer Umgebung – und die mit ihnen. „Verletzlich“ kann durchaus „schwierig“ sein, „empfindlich“ wird auch gern als „überempfindlich“ wahrgenommen: Und dazu muss man nicht einmal besonders sensibel sein.

Nun soll man aus gutem Grund immer skeptisch sein, wenn nach ein paar hunderttausend Jahren Menschheit eine neue Symptomatik verkündet wird; dahinter stehen immer Interessen und Fragen der Selbstdarstellung, mögliche Forschungsgelder, Posten – aber das weiß Jack ja auch selbst. „Hochsensibilität ist im Moment eine Krücke. Woran es liegt, daran ist noch nicht viel geforscht worden, und wir wissen es nicht“, sagt der Jura-Doktorand: Man freue sich aber über „ein zartes Pflänzchen wissenschaftlicher Forschung in dem Bereich“. Viele Hochsensible wüchsen nämlich auf mit dem diffusen Gefühl, etwas anders zu sein als andere, „aber es fühlt sich nicht an wie eine Krankheit“ – da wüsste man eigentlich also schon recht gern näher Bescheid . . .

Doch da weiß die Wissenschaft noch nicht weiter. Daher müssen auch wir an dieser Stelle leider Schluss machen. Bitte, seien Sie nicht allzu enttäuscht!