„Laien-Reanimation kann jeder“

Beatmung und Reanimation können an einer Puppe geübt werden.
Beatmung und Reanimation können an einer Puppe geübt werden.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Schätzungsweise 200 Menschen sterben täglich in Deutschland aufgrund von unterlassener Erster Hilfe. Viele Menschen in lebensbedrohlichen Situationen könnten gerettet werden, wenn angemessene Erste-Hilfe geleistet würde. Doch die Unwissenheit in weiten Teilen der Bevölkerung verhindert dies. Auch fehlt es an ausreichender Information über die Erste-Hilfe. Jens Schwilling will mit seinem Projekt „Laien-Reanimation kann jeder“ entgegenwirken. Er möchte Mut machen die Initiative zu ergreifen und Menschenleben zu retten. Zeus-Reporterin Pia Domröse sprach mit Herrn Schilling.

Hagen.. Herr Schilling, wie sind Sie auf die Idee gekommen, diese Initiative ins Leben zu rufen?

Im Dezember des vergangenen Jahres ist ein junger Familienvater, keine 50 Jahre alt, zu Hause umgekippt. Seine Frau und die zwei Kinder wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten. In den acht Minuten bis der Rettungswagen eingetroffen ist, war das Gehirn mit Sauerstoff unterversorgt. Daraus resultierenden massiven Spätfolgen brachten. Als ich davon hörte, hatte ich die Idee, dass dies verhindert werden müsste.

Was haben Sie dann gemacht?

Angefangen habe ich im Januar 2014 mit meiner Facebook-Seite. Dort werbe ich dafür, dass einmal im Jahr deutschlandweit einen Tag der „Wiederbelebung“ veranstaltet wird. Dann hätte jeder die Gelegenheit, sich noch einmal zu informieren und praktische Übungen zu machen. In diesem Thema haben wir einiges aufzuholen, die Niederlande zum Beispiel sind da viel weiter.

Würde ein solcher Tag die Situation denn verbessern?

Ja. Einem Kollegen der freiwilligen Feuerwehr ist vor seinen Augen ein älterer Herr vor die Füße gefallen. Durch rechtzeitiges Wiederbeleben – eben Reanimieren - konnten die Spätfolgen gemieden werden. Dieses Erlebnis zeigt: Beherztes Zugreifen kann Leben retten.

Was beinhaltet die Wiederbelebung durch Laien?

Die Reanimation durch Laien beinhaltet nur drei Schritte „Prüfen“, „Rufen“ und „Drücken“. Die Notfallsituation muss erkannt werden. Reagiert die Person nicht auf das Ansprechen, Rütteln und den gesetzten Schmerzreiz, dann prüfe ich die Atmung. Hat die Person in Kombination mit der Bewusstlosigkeit keine Atmung, dann kann man von einem Herzstillstand ausgehen. Dann setze ich den Notruf, also man wählt die 112. Danach muss, der Brustkorb fünf bis sechs Zentimeter eingedrückt werden und das am besten 100 bis 120 Mal pro Minute, das kann unter Umständen acht bis zehn Minuten dauern.

Wer soll sich von der Initiative angesprochen fühlen?

Eigentlich sollten sich alle Bürger angesprochen fühlen. Die meisten Menschen haben nur Kontakt mit der Ersten Hilfe während des Führerscheinkurs. Dabei bleibt es dann. Es wäre wichtig, dass möglichst viele Menschen in der Lage sind, eine Herzdruckmassage durchzuführen.

Warum sind Erst-Helfer so entscheidend?

Erst- Helfer sind deswegen so entscheidend, weil sehr häufig die ersten drei bis fünf Minuten über Leben und Tod entscheiden. Die Herzdruckmassage übernimmt die Pumpfunktion des Herzens und verteilt den Sauerstoff im Körper.

Ab welchem Alter kann man selbst reanimieren?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass Kinder ab der 6. Klasse so stark sind, dass sie den Brustkorb eindrücken können. Aber die Erst-Helfer müssen natürlich auch in der Lage sein, eine Krisensituation richtig einzuschätzen zu können. Daher ist es realistisch, dass erst Jugendliche und junge Erwachsene eine Herzdruckmassage durchführen.

Warum ist es für viele Menschen nicht selbstverständlich zu helfen?

Sie haben Angst, weil sie nicht wissen, was sie machen müssen, weil ihr Erste Hilfe Kurs schon so lange vorbei ist oder weil sie nicht falsch machen möchten. Vielleicht trauen sich auch nicht, einen fremden Menschen zu helfen.

Ihr Engagement ist ehrenamtlich?

Ja. Ehrenamtlich bin ich in Schulen, Sportvereinen oder Krabbelgruppen. Ich hatte einen Informationsstand im Stern Center, dort habe ich den Leuten gezeigt, wie Herzdruckmassage durchgeführt wird. Wenn ich aber von Unternehmen angefragt werde, dann nehme ich ein kleines Honorar.

Sind Sie bislang allein oder haben Sie Mitstreiter?

Mit mir gibt es noch fünf weitere Helfer, die mich in der Initiative unterstützen.

In diesem Jahr wurde der Laien-Reanimation der Charlie Award verliehen. Die Auszeichnung der Universität Iserlohn gilt als „Vorbilderpreis der jungen Generation“. Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich habe mich sehr gefreut, weil ich bemerkt habe, dass dieses Thema mit der Wiederbelebung wichtig ist und dass das auch anerkannt wird. Vor allem ist mir wichtig, eine Bestätigung für diese Arbeit zu bekommen und deshalb habe ich mich sehr darüber gefreut.

Pia Domröse, 11. Klasse, Gesamtschule Haspe, Hagen