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Kinder in Alkohol-Co-Abhängigkeit

11.09.2009 | 15:43 Uhr
Kinder in Alkohol-Co-Abhängigkeit

Essen. Das Vorbild alkoholabhängiger Eltern hat auch Auswirkung auf deren Kinder, auch wenn sie selbst nicht trinken. So droht eine Mitabhängigkeit, die sogenannte Coabhängigkeit, in der die Kinder ihr eigenes Leben aus den Augen verlieren.

Alkohol ist ein Zellgift und schädigt besonders die Entwicklung eines Embryos im Mutterleib. Körperliche Fehlbildungen, Hirnschäden und eine langsame Entwicklung des Kindes, können die Folge sein. Weniger bekannt ist aber, dass Kinder nur durch das Zusammenleben mit alkoholkranken Eltern in ihrer Entwicklung stark beeinträchtigt werden. Soziale Traumata, die sich auf das ganze spätere Leben auswirken können, sind oft die Folge.

Zu diesem Thema führte DerWesten ein Interview mit Ralf-Peter Nungäßer, Diplom-Sozialpädagoge und Autor des Buches „Wenn Eltern den Alkohol mehr lieben als ihre Kinder“.

Wie wird allgemein mit Alkohol in der Familie umgegangen?

Ob Alkohol in einer Familie ein Problem ist, wird von den Betroffenen oft falsch eingeschätzt. Viele Menschen sind sich ihres Alkoholproblems nicht bewusst. So ergab eine Untersuchung, dass Dreiviertel der betroffenen Familien das Problem nicht ernst nehmen und es leugnen. Das ist natürlich fatal.

Welche Auswirkungen hat die Abhängigkeit der Eltern auf die Entwicklung von Kindern?

Das größte Problem, was ich bisher beobachtet habe, ist dass Kinder ihr Leben ganz nach der Abhängigkeit der Eltern ausrichten. Sie organisieren nicht mehr ihre eigene Welt, sondern die der Eltern. Der Alkoholkonsum der Eltern führt also zur sogenannten Coabhängigkeit, quasi eine Mitabhängigkeit. Damit ist ihre eigene Entwicklung gestört. Die Kinder sind mit den Gedanken bei den Eltern und können sich beispielsweise nicht mehr auf die Schule konzentrieren.

Wie reagieren Kinder auf das Alkoholproblem ihrer Eltern?

Alkohol stört die Entwicklung von Kindern. (Bild: Imago)

Das ist unterschiedlich. Sie verlieren meist ihre Rolle als Kind und nehmen eine andere ein. Das kann beispielsweise die Partnerrolle sein, indem Vater oder Mutter Dinge mit dem Kind bespricht, die es besser mit dem Partner besprechen sollte. Eine andere könnte die Heldenrolle sein. Das Kind versucht die Eltern zu ersetzen, geht einkaufen, führt den Haushalt und organisiert das ganze Familienleben.

Werden diese Rollen bewusst übernommen?

Das ist eine schwierige Frage. Bis zum achten und neunten Lebensjahr geht man davon aus, dass die Rolle eher unbewusst übernommen wird. Danach handeln Kinder bewusster. Aber auch ein halbbewusstes Handeln wäre denkbar.

Welche Sozialtraumata können durch ein familiäres Alkoholproblem ausgelöst werden?

Das Erlebte kann schwerwiegende Traumata auslösen, wie Neurosen, die aus Angst entstehen, Scham, die sich auch auf spätere Beziehungen auswirken kann, Wut, die sich meist in Prügeleien äußert, oder der Problemverleugnung, was im Erwachsenenalter nach einem Schlüsselereignis das geschehene stärker ins Bewusstsein rufen kann.

Welche Auswirkungen hat der elterliche Alkoholkonsum auf das Suchtverhalten der Kinder?

In der Fachliteratur ist dies ein umstrittenes Thema. Meine Erfahrung ist, dass ungefähr die Hälfte der Kinder von alkoholsüchtigen Eltern auch Suchttendenzen habenOb Sucht genetisch oder sozial bedingt ist, konnte bisher noch nicht eindeutig geklärt werden. Ich denke, das viel vom Persönlichkeitstyp abhängt. So gibt es Menschen, die aufgrund ihrer eigenen Persönlichkeit gefährdeter sind, als andere.

Wie werden Kinder behandelt, die ein Alkoholproblem in der Familie haben?

Kinder allein finden meist nicht zu der Stelle, die helfen kann. Sie sind auf andere Erwachsene angewiesen. Aber Außenstehende erkennen eine Alkoholsucht oft nicht, weil Kinder diese verheimlichen. Verhaltensauffälligkeiten, wie Brutalität oder eine Verschlechterung in der Schule, können ein Indiz sein.

Das Problem wird den Betroffenen meist erst im Erwachsenenalter bewusst. Das ist aber nicht zu spät, denn sie haben verschiedene Möglichkeiten das Erlebte aufzuarbeiten, wie mit Gesprächen in Selbsthilfegruppen oder psychischen Therapien.

Was ist wichtig für eine Therapie?

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Hier geht's zur Al'Anon, die Selbsthilfegruppen für Angehörige und Freunde von Alkoholikern.

Das wichtigste ist die Erkenntnis, dass man wirklich ein Problem hat. Das zweite ist dann, das man den Eltern verzeihen kann. So kann eine Therapie gelingen.

Wie erfolgreich kann eine Therapie sein?

Setzt man sich wirklich mit dem Problem auseinander, stehen die Erfolgschancen gut. Nichts ist für ewig und jeder Mensch kann ein erlerntes Verhalten, wie die Coabhängigkeit, auch wieder verlernen.

Was muss in der Gesellschaft verändert werden, um auf alkoholgeschädigte Familien hinzuweisen?

Vor allem muss sie sensibilisiert werden. Das Problem muss näher in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden. Lehrer, Erzieher, Jugendämter aber auch Ärzte müssen besser aufgeklärt werden um Alkoholabhängigkeit in der Familie zu erkennen.

Carolin Voss

Kommentare
25.11.2010
02:38
Kinder in Alkohol-Co-Abhängigkeit
von Birgit Kübler | #3

Ich stimme mit Radieschen und Margarita Sirsch überein, aber leider denken die Parlamentarier leider so wie die Spirituosen- und die Tabakindustrie,...
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2009-09-11 15:43
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