Jürgen Kehrer: Ein Regionalschriftsteller will raus
08.07.2009 | 07:44 Uhr 2009-07-08T07:44:00+0200Essen. Krimi-Autor Jürgen Kehrer sperrt für einen Thriller-Versuch seinen Münsteraner Ermittler Wilsberg aus. Und strauchelt mit einer arg konstruierten Geschichte. Internationales Personal und mutierte Zecken sollen für Spannung sorgen.
Es kommt der Tag, da will einer, den sie lustvoll in die Schublade der Regionalschriftsteller gesteckt haben, um jeden Preis raus. Es dürstet ihn nach mehr, auch wenn ausgerechnet die Provinz ihn populär gemacht hat.
Er schmiedet eine Geschichte mit internationalem Personal (ein britischer Premier mit Bernhardinergesicht zählt dazu). Er kreiert ein beängstigendes Wissenschaftsszenario. Er macht aus der Sache mindestens einen BND-Fall. Und man sieht bei all dem Jürgen Kehrer leider ziemlich straucheln.
Kehrer, gebürtiger Essener, ist der Mann, den die Leser vor allem wegen Wilsberg lieben. Sein Münsteraner Amateur-Ermittler ist ein Liebling der Massen. Die Westfalen-Hochburg organisiert sogar Wilsberg-Führungen für Touris.
Das Schicksal der Welt auf den Schultern
Aber nun kreist Kehrer (Heiligendamm, ick hör dir trapsen) um einen EU-Gipfel auf Norderney. Wilsberg ist weit. Martin Geis heißt der Polizist, auf dessen leicht ermüdeten Schultern plötzlich das Schicksal der Welt liegt. Die ist insofern bedroht, als Zecken neuerdings deutlich mehr als Borreliose auslösen: Die liebreizende Spielart der jüngsten Züchter-Generation verändert die Welt: Ihr Stich nimmt Menschen jede Angst. Befallene Gehirne kennen schützende Schranken aus Vorsicht und Scham nicht mehr. Das macht in „Fürchte dich nicht!” prüde Politessen zu wilden Weibern, Kirchenmänner von der Kanzel aus zu bekennenden Atheisten und könnte nach dem Willen eines Strippenziehers namens „Deus” Regierungschefs viel flotter für Kriege plädieren lassen als im Abendland bis kürzlich üblich.
Ein Verlierer-Paar
Jürgen Kehrer stellt dem einsamen Scheidungswolf Geis die schöne verhaltensgestörte Infektionsexpertin da Monti zur Seite. Ein Verlierer-Paar, dem natürlich alles gelingt, irgenwann. Es ist kein Vergnügen zu lesen, wie Kehrer nach Thriller-Sellern wie Stephen King und Adam Fawler schielt und dabei doch allzu deutsch konstruiert. Es gibt eben Plots, die machen in Washington einfach mehr her als in Holstein. Zum bemüht Reißerischen fügen sich schlimme Metaphern, manche albern („der Mond hing wie ein Stück schimmeliger Käse über den Baumwipfeln”), manche hundertfach abgenutzt („das Gesicht zerklüftet wie ein Alpenpanorama”).
Münster kommt übrigens auch vor, doch ohne Wilsberg. Das ist im Nichterreichen des Ziels immerhin konsequent.
Jürgen Kehrer: Fürchte dich nicht! Grafit, 335 S., 18,90 €

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