Herta Müller findet schöne Worte für das Unmenschliche
10.10.2009 | 08:19 Uhr 2009-10-10T08:19:00+0200
Stockholm/Essen. Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller schreibt mit schönen und sachlichen Worten über das Allzu-Unmenschliche der Diktaturen. Die Erfahrungen unter Ceausescu haben sie geprägt. Ihr Lebensthema: die grausamen seelischen Verformungen, die eine Diktatur bei ihren Opfern anrichtet.
Herta Müller hat am Telefon gelacht und geweint, als sie gestern Mittag hörte, dass sie am 10. Dezember in Stockholm den mit 972 000 Euro dotierten Nobelpreis verliehen bekommt. Der Zwiespalt, die Doppelbödigkeit ist das Leitmotiv ihres Lebens, ihrer Literatur. Die Erfahrungen in der Ceausescu-Diktatur haben ihr den Zweifel an allem in die Seele gesenkt, was nach bloßer Oberfläche aussieht – sie haben ihr aber auch die Gewissheit verschafft, dass nur die Sprache den Unterdrückten eine aussichtsreiche Chance bietet, sich zu wehren, Würde zu wahren.
Und wehren musste sich Herta Müller früh. Im schwäbischen Banat fühlte sie sich als Kind nicht nur von den Einengungen der kommunistischen Diktatur bedrängt, sondern auch von den Lebensumständen einer deutschen Minderheit. Deren spießige Rückständigkeit rührt aus einer Wagenburg-Mentalität, in der vermeintlich deutsche Tugenden wie Sauberkeit, Fleiß und Sparsamkeit, Zucht und Ordnung im doppelten Sinne kultiviert werden.
Schatten der Diktatur haben sie nie losgelassen
Dem Banat aber verdankt Herta Müller auch den besonderen Ton ihres Deutsch, das – anfangs mehr als heute – durchzogen ist von Wörtern und Wendungen, die dem Deutschen im Westen schon abhanden gekommen waren. Ähnlich wie bei Richard Wagner, Herta Müllers zeitweiligem Ehemann, ebenfalls ein Rumäniendeutscher.
Schon ihr Debüt „Niederungen”, eine Sammlung von Geschichten und Prosa-Miniaturen, schlug einen Ton an, der Kritiker entzückte – und ihr unter Rumäniendeutschen den Vorwurf der Nestbeschmutzung eintrug. Auch in Temeswar, wo sie studierte, wurde es nicht besser: „Wir sind mit dem Kopf von zu Hause weggegangen, aber mit den Füßen stehen wir in einem anderen Dorf. In einer Diktatur kann es keine Städte geben, weil alles klein ist, wenn es bewacht wird”, wird es später in ihrem Roman „Herztier” heißen. Die Securitate versuchte vergebens, Herta Müller anzuwerben – ihre Mitglieder verfolgen sie bis heute, wie sie jüngst in der „Zeit” bekannte.
Die Schatten der Diktatur haben sie ohnehin nie losgelassen. Nach 1987, als sie in die Bundesrepublik umsiedelte, hat sie hin und wieder den scharfen Blick einer Außenseiterin auf die bundesrepublikanische Wirklichkeit geworfen. Doch ihr Lebensthema blieben die grausamen seelischen Verformungen, die eine Diktatur bei ihren Opfern anrichtet, indem sie das Misstrauen bis in die letzte Faser des Lebens dringen lässt.
"Landschaften der Heimatlosigkeit"
Romane wie „Der Fuchs war damals schon der Jäger” oder „Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet” trugen ihr mitunter sogar den Vorwurf ein, sich an ihrem Lebensthema zu sehr festgebissen zu haben.
Doch spätestens ihr neuster Roman „Atemschaukel” zeigt, dass sie es auf diesem zu unerreichter Kunst gebracht hat: Er arbeitet das verschwiegene Schicksal der Rumäniendeutschen auf, die erst den Nazis zuarbeiteten und dann von den Russen deportiert wurde – in einer Sprache, die vom Thema selbst geformt ist: Ausgerechnet Wörter voller Poesie beschreiben das Allzu-Unmenschliche, sie blieben die einzige Möglichkeit, sich Gewalt und Leid nicht gerade vom Leib, aber von der Seele zu halten. Sie zeichne, lobte die Schwedische Akademie sie gestern, „mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit.”
Herta Müller weiß das. „Mir wird immer wieder die Frage gestellt”, sagte sie bei einer Rede im Sommer 2003, „wann ich endlich über Deutschland schreibe. Ich habe jedes Mal Lust zu sagen: Schon die ganze Zeit, aber das merkt ihr nicht.”

19:25
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19:25
Herta Müller hat aber geäußert, dass sie sich in Deutschland sicher fühle. Sie hat auch niemals direkt deutsche Verhältnisse kritisiert. Die Botschaft kann dementsprechend nicht von ihr selber ausgehen.
Herta Müller wurde von anderen benutzt, damit den Deutschen nochmals in aller Deutlichkeit vor Augen geführt wird, dass die freiheitlich demokratische Rechtsordnung nicht selbstverständlich ist, sondern jeden Tag aufs Neue verteidigt werden muss. Ich habe nur die Befürchtung, dass durch die Beschreibung der Greuel im Buch die Mißstände in Deutschland relativiert werden, nach dem Motto ´`Uns geht´s doch gut!
16:07
(Wiederholter) Wink mit dem Zaunpfahl
Der Schäuble schafft bewußt - mit Billigung der Merkel - ein Klima von Angst und Einschüchterung. Seit 2005 hat sich die Menschenrechtslage in Deutschland - nicht zuletzt durch das BKA-Gesetz - drastisch verschlechtert, die Bürgerrechtsverletzungen schwerster Art werden - mit Billigung der Merkel - unverändert fortgesetzt. Hinzu kommt, dass die Merkel systematisch die Strafverfolgung der dafür verantwortlichen Rechtsbrecher hintertreibt. In Deutschland sind die Bürgerrechte schon vollständig ausgehöhlt und die letzten Restbestände der Verfassung faktisch außer Kraft gesetzt.
Die kaum überhörbare unterschwellige Botschaft dieser Auszeichnung lautet: In Deutschland herrschen schon längst Verhältnisse wie in einem Unrechtsstaat.
20:16
Bzgl. #3 und #8:
Die Nobelpreise in den Naturwissenschaften werden ja nicht für aktuelle Forschungen verliehen, sondern für Dinge die irgendwo in der Vergangenheit liegen. Nehmen wir mal einfach die Physiker von diesem Jahr: Die haben den Preis bekommen für die Entwicklung von sog. CCD-Sensoren - erfunden haben sie vor knapp 40 Jahren. Bei den Siegern vom Vorjahr sieht es ähnlich aus. Zeigt also: In den 60ern und 70ern wurde beispielsweise in den USA und Japan gut geforscht.
Die Bedeutung und das evtl. gar Bahnbrechende zeigt sich in den Naturwissenschaften erst mit der Zeit und somit finden solche Verleihungen viel später statt. Der deutsche Preisträger von 2007 wurde auch erst 20 Jahre nach seiner Entdeckung geehrt.
Ob hier in Deutschland heute diesbezüglich nobelpreisverdächtige Arbeit geleistet wird, wird sich also erst in einigen Jahren zeigen.
2025 kann dann #3 anmerken, dass es vielleict 2009 in Deutschland schlecht aussah... ;-)
10:39
# 1:
Nach Ihrer Auffassung dürften alle Geisteswissenschaftler, alle die über Politik und Gesellschaft in Zusammenhang mit der Vergangenheit nachdenken und analysieren, nur noch ehrenamtlich am Küchentisch tätig werden, oder wie?
09:31
@ kuba4711 #5
Meine volle Zustimmung. Weil in Deutschland nicht mehr gedichtet und gedacht wird, erhalten deutsche Schriftsteller alle 10 Jahre den Nobelpreis für Literatur.
Ich bewundere sie für ihre geniale Beobachtungsgabe und die ebenso genialen Schlussfolgerungen.
09:30
#3
Für Technik wurde noch nie ein Nobelpreis vergeben, da können sie lange warten.
Aber schauen wir mal in die Physik.
Deutsche Preisträger nach der Jahrtausendwende im Jahr 2001, 2005, 2007. Kennen Sie einen oder wissen das Thema? Es liegt nicht daran, dass wir keine Eliten in dem Bereich haben, sondern dass die Gesellschaft sich dafür nicht interessiert.
Aufmerksamkeit gibt es nur dann, wenn etwas nicht funktioniert, nicht wie etwas funktioniert.
09:06
Elfriede Jelinek hatte im Interview gesagt, dass sie einen Stellvertreterpreis bekommen habe. Der diesjährige Literaturnobelpreis für Herta Müller ist vermutlich wieder ein Stellvertreterpreis; stellvertretend für alle, die sich für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit einsetzten. Anders kann ich es mir nicht erklären.
09:05
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