Das aktuelle Wetter NRW 14°C
Belastete Namen haben in...

Großzügige Liebesgaben an Nazi-Führer

31.08.2008 | 20:30 Uhr
Großzügige Liebesgaben an Nazi-Führer

Dass der Kreuztaler Ehrenbürger Friedrich Flick für eine unternehmerische Erfolgsgeschichte steht, ist nach den Erkenntnissen des Bochumer Historiker Dr. Harald Wixforth Teil einer „Heroisierung” und „Selbststilisierung”.

Bei der Vorstellung seiner Studie in der Weißen Villa (die WR berichtete am Samstag) stellte Wixforth am Freitagabend vielmehr heraus, dass Flick, der in den 1920er Jahren von der Niederschelder Charlottenhütte aus Beherrscher der Vereinigten Stahlwerke wurde, 1931 „de facto völlig pleite” war. Der Konzern wuchs dann erst wieder unter den Bedingungen der Nazi-Diktatur: von 13 000 auf 130 000 Beschäftigte (davon die Hälfte Zwangsarbeiter), von 225 Millionen auf eine Milliarde Reichsmark Konzernvermögen, von 450 000 auf 2,5 Millionen Jahrestonnen Rohstahlproduktion. Mit allerlei „Liebesgaben”( „Da war Flick nichts zu teuer”) habe der Kreuztaler die Nähe zur von Göring geleiteten Vierjahresplanbehörde gesucht. Belohnt worden sei er mit der „Arisierung” von Unternehmen, die ihren jüdischen Besitzern weggenommen wurden.  Seinen Profit machte Flick mit der Ausbeutung von Zwansgarbeitern, stellte Wixforth heraus, dessen Studie im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte vor wenigen Wochen durch Hans-Olaf Henkel, den ehemaligen BDI-Präsidenten, vorgestellt wurde. Kaum zum Zuge kam Flick dagegen beim Beutezug der Nazis in den besetzten Gebieten - das Regime setzte eher auf Staats- als auf Privatwirtschaft. Dies, so Wixforth, erlaubte es Flick später, sich als „Opfer” des Regimes darzustellen. „Kann ein solcher Unternehmer Vorbild sein in unserer heutigen Gesellschaft?”

 Die nur teilweise abgebüßte Freiheitsstrafe nach dem Nürnberger Prozess sei für Flick eher „staatlich bezahlter Urlaub” zum Schmieden eines neuen Konzerns gewesen, sagte der Historiker. Es entspreche deutscher „Erinnerungskultur”, dass mit NS-Verbrechen, die durch Industrielle begangen wurden, „eher salopp” umgegangen werde. Die regionale Spielart solcher „Erinnerungskultur” hatte der Siegener Historiker Dr. Ulrich Opfermann zu Beginn der Veranstaltung dargestellt: Die 1951 auf dem Hermelsbach-Friedhof errichtete Gedenkplatte mit Davidstern sei in Siegen einzige Erinnerungsstätte geblieben, die ausschließlich jüdischen Opfern des Holocaust gewidmet sei. Nur „minimale Öffentlichkeit” habe teilgenommen, als 1965 die Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge angebracht wurde.  1975 wurde die Giersbergstraße in Weidenau in Samuel-Frank-Straße umbenannt, Adolf-Stoecker- und Lothar-Irle-Straße trügen ihre Namen indes heute noch. 1982 verhinderten Littfelder Bürger eine Fred-Meier-Straße. 1984 wurden in Hilchenbach am Ehrenmal jüdische Opfer in das Gedenken einbezogen, die „auf dem Transport den Tod gefunden” hätten - die verharmlosende Inschrift wurde später mit neuem Text abgedeckt.

 1984 und 1987 scheiterten in Hilchenbach Versuche, eine Straße nach Karl Schaefer zu benennen. 1989 wurde auf dem Siegener Bahnhof eine Erinnerungstafel für die jüdischen Bürger angebracht, die von dort in die KZ deportiert wurden. Die Dreis-Tiefenbacher Anne-Frank-Schule wurde 2004 geschlossen. 2007 wurden in Siegen, 2008 in Hilchenbach Stolpersteine zum Gedenken an ermordete jüdische Bürger gesetzt. Über Flick wurden in Kreuztal 1981, 1984, 1987 und 1988 Debatten geführt. „Die Benennung nach historisch belasteten Namen”, so Opfermann am Ende seiner Auflistung, „verlief in der Regel konfliktfrei.”

Steffen Schwab

Facebook
 
Kommentare
04.09.2008
15:41
Großzügige Liebesgaben an Nazi-Führer
von Knapp-Heckener Linde | #1

zum Artikel über die Namensauseinandersetzung der Friedrich-Flick-Schule in Kreuztal:
Die öffentlich vorgetragene Ansicht, es seien auch schon andere erfolgreiche Unternehmer Namensgeber öffentlicher Einrichtungen geworden, macht doch sehr betroffen. Hier geht es nicht um die Ehrung eines erfolgreichen Unternehmers, sondern darum, dass Herr Flick ein Unternehmer und Spender war, der besonders schlecht und ausbeutend mit den Zwangsarbeitern umsprang, und all die anderen Dinge, die bekannt sind. Auch innerhalb dieses Systems hatte ein Unternehmer einen bestimmten Spielraum. Dieser Mann hat sehr viel Schuld auf sich geladen und sein Vermögen auf Kosten der Verfolgung und Ausbeutung Anderer gemacht. Wenn vor einigen Jahrzehnten einige Politiker nichts dabei fanden, sich hier auch nochmal zu bedienen und dem Mann gleichzeitig die Möglichkeit gaben, seinen Namen vorübergehend reinzuwaschen, so ist das nicht mehr zu ändern. Ich glaube nicht, dass Herrn Flicks Nachfahren genau so sind, wie ihr Vorfahre. Sie werden kaum zig MillionenEntschädigung fordern. Niemand kann sich seine Eltern, seine Vorfahren aussuchen, aber Jeder kann mit seinem eigenen Leben etwas anders machen.
Ein Unternehmer, der durch eigene Verdienste zum Nutzen der Gesellschaft erfolgreich ist auch ein persönliches Vorbild ist, den kann man selbstverständlich auch als Namenspatron einsetzen. Bei uns in Karlsruhe gibt es zum Beispiel eine dm-Areena.Die Arena hat diesen Namen allerdings von vornherein eine begrenzte Zeit, wenn ich da richtig informiert bin.
Neben dem fehlenden Vorbild ist es auch den Opfern des Dritten Reiches nicht zuzumuten, dies nach so langer Zeit auch noch ertragen zu müssen. Da denke ich an die Juden und die Zwangsarbeiter, aber auch an die unzähligen Bürger, die im Naziregime verfolgt wurden, in Konzentrationslagern waren oder umgebracht wurden,die gehänselt und gedemütigt wurden, die nicht Ihren Profit, sondern Ihr Gewissen einschalteten, das aussprachen, was niemand zu sagen wagte, die Leute versteckten, Verfolgten halfen oder deren Angehörige unterstützten, Kirchenleute, die mutiger waren oder menschlicher als ihre obersten Herrschaften...

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/1042075/create

Umfrage
Der Eurovision Song Contest rückt näher - wer ist Ihr Favorit für den ESC-Sieg?

Der Eurovision Song Contest rückt näher - wer ist Ihr Favorit für den ESC-Sieg?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Dirt: Showdown
Bildgalerie
Fotostrecke
Mario Tennis Open
Bildgalerie
Fotostrecke
Bilder zu "Awesomenauts"
Bildgalerie
Fotostrecke
Max Payne 3
Bildgalerie
Fotostrecke
Aus dem Ressort
Was das Satire-Orakel dem MSV Duisburg prophezeit
MSV-Satire
Der MSV Duisburg hat sicher schon ruhigere Zeiten erlebt. Am Abend spielen die Zebras gegen Greuther Fürth. Wohin führt der Weg des Fußball-Zweitligisten? Was das Satire-Orakel dem MSV so alles prophezeit.
Greulich gibt Antworten auf Fragen zu Tiger & Turtle
Bezirksvertretung
!5 Punkte umfasst ein Fragenkatalog, den die Fraktionen von SPD und Grüne sowie Mirze Edis für die Linken nun als Tischvorlage bei der letzten Sitzung der Bezirksvertretung vorgelegt haben. Obwohl druckfrisch auf dem Tisch, stimmten CDU und Dr. Horst Wegner (FDP) der Aufnahme auf die Tagesordnung...
Foto Video 8 Kommentare 8