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Besatzungszeit

Griechenland hat die Nazi-Zeit nicht vergessen

29.10.2011 | 13:54 Uhr
Griechenland hat die Nazi-Zeit nicht vergessen
Bei Protesten zeigt ein Grieche Angela Merkel in einer Nazi-Uniform. Hintergrund ist der Streit um Entschädigungen für die Zeit der deutschen BesatzungFoto: Reuters

Essen/Athen.  Die deutsche Kanzlerin in Nazi-Uniform zu zeigen, ist in Athen nicht mehr tabu. Die Griechen erinnern an offene Rechnungen aus der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg. Haben sie Recht?

Letztes Jahr im März, da haben sie Manolis Glezos die Treppen des Parlaments heruntergetragen, ein zorniger Greis, 89 Jahre alt und das Gesicht schmerzverzerrt vom Tränengas. Er hatte in der ersten Reihe des Protests gestanden, wo auch sonst, da war ja auch schon vor 70 Jahren sein Platz. Eines Nachts im Mai 1941 kletterte er auf die Akropolis und zerriss die Hakenkreuzfahne, die dort wehte, weil Hitlers Wehrmacht gerade das Land besetzt hatte.

Manolis Glezos hat die Nazis gehasst, heute hasst er den Währungsfonds, die EU-Kommission und die Europäische Zentralbank. Und er ist der bekannteste in einem wachsenden Häuflein Griechen, die von den Nachfahren der Nazis nicht ständig Faulpelze genannt werden wollen – und die Deutschland an offene Rechnungen erinnern.

Und so addierte der zornige alte Mann menschliches Leid, geraubte Güter und abgepresste Besatzungskosten, dann präsentierte er die Rechnung: „Ich schätze“, sagte er kürzlich, „sie schulden uns 162 Milliarden Euro.“ Das war eine überraschende Botschaft für viele Deutsche, aber nicht für alle.

„Die Bundesrepublik hat sich aus der Affäre gezogen“

Der Rechtswissenschaftler Christoph Schminck-Gustavus hat in seiner Bibliothek neben Büchern auch über 40 Stunden Tonbandmaterial. Darauf hat er festgehalten, was Zeitzeugen ihm von den Verbrechen der Wehrmacht und der SS in der Region Epirus erzählten. Seit den 70er-Jahren erforscht der Bremer Professor die Geschichte der Dörfer, die die Deutschen als „Sühnemaßnahme“ für Partisanenangriffe zerstörten. Er sagt: „Die Bundesrepublik hat sich aus der Affäre gezogen.“

Um drei Dinge geht es: um  die Entschädigung von NS-Opfern; um die Bestrafung der Täter; und um Reparationen für einen Staat, den die Deutschen zwischen 1941 und 1944 regelrecht plünderten.

Keine Entschädigung für die Märtyrerdörfer

Geld für die Opfer gab es einmal, das war 1960: Damals gestand Bonn 115 Millionen Mark zu. Alle weiteren Ansprüche auf Entschädigung sollten damit aber abgegolten sein – das versprach Griechenland im Gegenzug für etwas deutsche Außenhandelshilfe. Jetzt gab es zwar Geld für jüdische Überlebende. Doch die Familien in den „Märtyrerdörfern“ gingen alle leer aus.

Die Bestrafung der Täter unterblieb. „Kein einziger Deutscher ist in der Bundesrepublik für Kriegsverbrechen verurteilt worden, die er in Griechenland begangen hat“, sagt Schminck-Gustavus. Sogar das Verfahren gegen Walter Blume wurde eingestellt. Der Chef der Sicherheitspolizei war für die  Juden-Deportation verantwortlich. Bei seiner Vernehmung sagte er: „Diese Maßnahmen müssen an mir vorbeigerauscht sein.“

Deutschland profitierte von einem riesigen Schuldenschnitt

Auch Reparationen sah Athen kaum: Rund 25 Millionen Dollar Sachleistungen gab es kurz nach dem Krieg. Alle weiteren Reparationen wurden auf die Zeit nach einem Friedensvertrag verschoben. Doch im Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 übergingen die beiden Deutschlands und die Siegermächte das Thema stillschweigend. Die Alliierten erlaubten Bonn mithin einen Schuldenschnitt, der die heutige Krise weit in den Schatten stellt.

Als „größten Schuldensünder des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet der Wirtschaftshistoriker Albert Ritschl Deutschland, dessen „Wirtschaftswunder“ auf einem gewaltigen Zahlungsausfall basiere. Dennoch treten die Deutschen mit ungetrübtem Selbstbewusstsein auf, und das ärgert viele Griechen. „Frau Merkel mit einem Hakenkreuz zu zeigen, ist für Demonstranten, aber auch für die Presse nicht mehr tabu“, beobachtete Christoph Schminck-Gustavus, als er im Sommer das letzte Mal in Athen war.

Den Haag entscheidet, ob der Damm hält

Hunderttausende Griechen verhungerten im Krieg. Manolis Glezos hat zu viele davon gesehen, denn er arbeitete für das Statistik-Büro des Roten Kreuzes. „Jeden Tag habe ich die Tode von 400 Menschen vermerkt, die am Hunger gestorben sind“, sagt er. So einem unterstellt man nicht, er krame die Erinnerungen nur hervor, weil es jetzt nützlich ist. Tatsächlich hat Glezos schon 1995 Entschädigungsklagen der Opfer von Distomo gegen die Bundesrepublik unterstützt. Griechische Gerichte gaben ihnen Recht, deutsche lehnten ab.

Jetzt liegt die Sache beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag . Muss Deutschland zahlen, dann ist ein Damm gebrochen, der 62 Jahre hielt. Und dann droht Berlin eine Flut von Klagen – nicht nur aus der Heimat von Manolis Glezos.

Achim Beer

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Kommentare
03.11.2011
01:42
Solidaritätszuschlag für die Griechen
von hinsch | #42

Nun mal etwas provokativ zur aktuellen Situation:
Vielleicht erinnern sich ja mal die Ossis an die eigene "DDR" - Pleite, die Milliardenhilfen aus dem Westen und die Empörung über die Bevormundungen,das verkaufte Vaterland und die " Besserwessis"und dann verstehen wenigsten die Überlebenden der Wende wie es den Griechen geht und ergehen wird. Jetzt wäre wohl auch der Solidaritätszuschlag für die Griechen angesagt und zwar ohne Bedingungen , einfach so, als Hilfe. Den Soli für die Ex-"DDR" kann man dafür doch getrost eintauschen und besser als bei den nimmersatten Ossis ist er allemal angelegt.
Und zu guter Letzt mögen doch auch mal die Berliner bin selbst einer darüber nachdenken, dass sie am Tropf hängen und schon Pleite waren, bevor die Griechen den Dracula und Ihre Freiheit gegen den Euro tauschten.....Das wird aber Herrn Wowereit, eben sowenig wie den Rest der Republik davon abhalten, sich über die Ängste der Grieche zu ereifern. Oder?

03.11.2011
01:00
Arroganz pur
von hinsch | #41

Merkt hier eigentlich noch jemand, dass die Arroganz, mit der man sich hier anmaßt den Griechen vorzuschreiben was denn für Sie gut und besser wäre ganz, im Ansatz die selben Züge hat, wie die Arroganz der Deutschen im Dritten Reich. Sind wir schon wieder soweit....???

01.11.2011
09:37
Naziuniform?
von feder24 | #40

An der Uniform, in die unsere Bundeskanzlerin "montiert" wurde, kann ich nichts "nazihaftes" erkennen.
Auch in diesen Fragen scheinen in Griechenland keine fundierten Kenntnisse vorhanden zusein

31.10.2011
22:15
Blockierter Kommentar.
von a_ha | #39

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

31.10.2011
17:30
#37 Elektrosteiger
von ReinhardMielke | #38

Welche Rechnungen hat Deutschland bezahlt? Natürlich ist die Verunglimpfung unserer Kanzlerin zu tadeln. Bitte erinnern sie sich! Die Siegermächte am Tisch der Potsdamer Konferenz haben sich an uns erst einmal schadlos gehalten, Industrieanlagen demontiert und uns das know-how der Chemie -und Raketentechnik genommen. Griechenland versank damals im Bürgerkrieg, sass nicht mit am Tisch der Großen Vier. Und dann? Weng passierte, bis auf die paar Menschen,. die als Zwwangsarbeiter von dem im Jahre 2000 aufgestellten Butjet zur Widergutmachung partizipieren durften.

31.10.2011
10:23
Griechen erinnern an offene Rechnungen aus der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg
von Elektrosteiger | #37

Denen kann sofort geholfen werden.

Diese Rechnungen hat Deutschland bei weitem schon bezahlt.

Darum sollte man nicht mehr EINEN Eurocent in ein Land pumpen, die uns Deutsche immer noch als Nazis bezeichnet.

Ebenso sollte man sich den Urlaub in Griechenland ersparen...

Denn dann werden die Griechen aber so was von Wach, wenn die Euronen ausbleiben...

31.10.2011
01:46
Griechenland
von Pamphlet | #36

Nach 66 Jahren das Nazi-Regime aufleben zu lassen und evtl. Forderungen aufgrund des Desasters zu stellen, ist nicht richtig, da man so aus der Finanzkrise m.E. finden will.Wie jedoch Merkel einzuschätzen ist, wird sie dem auch nachkommen, natürlich wieder einmal auf Kosten der Bürger !

30.10.2011
22:40
Erfüllt den Wunsch der Griechen, keine Kooperation mit Nazis
von dirty_oldman | #35

Griechische Medien haben die deutsche Bundeskanzlerin in eine braune Uniform gesteckt.
Das ist zwar primitiv, entspricht aber offenbar dem geistigen Niveau der "Hellenen".

Deutschland sollte hieraus klare Konsequenzen ziehen.

1. Keinen Cent aus deutschen Steuergeldern für Griechenland.
2. Nie mehr Urlaub in Griechenland.

Punkt 1 ist politisch sinnvoll, weil die Verschwendung von Steuergeldern an Deutschland feindliche Staaten Schwachsinn ist.

Punkt 2 wäre eine sinnvolle, klare Absage an die Bevölkerung eines Landes, das seine Gäste mit absolut unangemessener Arroganz und miserablem Service behandelt.

Ich habe Griechenland drei ziemlich teure Chancen gegeben.
Sie haben Alle vermasselt.
Inzwischen würde ich dort nicht einmal mehr kostenlos Urlaub machen.

Derzeit gibt es weltweit kein Land, dass jahrzehntelang dank erheblicher deutscher Touristen-Devisen überlebt hat, das Deutschland wieder einmal unverschämt, hirnlos und aggressiv mit der Nazizeit in Verbindung bringt.

Ich würde jegliche diplomatischen und wirtschaftlichen Kooperationen mit Ländern beenden, deren Medien Deutschland, egal auf welche Weise, mit dem dritten Reich in Verbindung bringen.

[Editiert von Moderator]

30.10.2011
20:25
Wie wurden die Eroberungszüge der alten Griechen entschädigt?
von xxyz | #34

Verbrechen der Vergangenheit sind Teil der Geschichte eines jeden Volkes. Hier hilft ein gegenseitiges Aufrechnen nicht. An Geschichte muss erinnert werden, damit aus der Vergangenheit gelernt werden kann.
Hierbei sind ständige Aufrechnungen nicht hilfreich. Denn dann kann man bspw. auch die Griechen fragen, wie die Besatzungen der Vergangenheit in der damals bekannten Welt entschädigt wurden.

Statt sich mit den eigenen Fehlern auseinanderzusetzen wird ein externer Schuldiger gesucht. Diese Strategie hat in der Vergangenheit schon häufig geholfen.

Es muss aber im Fall Griechenland auch daran gedacht werden, wie bspw. deutsche Touristen auf die aktuelle Situation reagieren. Denn Konkurrenzfähig sind die dortige Feriengebiete schon seit Jahren nicht mehr. Da waren andere Ländern aktiver.

30.10.2011
19:41
Griechenland
von Elektrosteiger | #33

Die Griechen haben die Nazizeit nicht vergessen,
aber sehen unsere deutschen Steuereuronen gerne...

Ich als deutscher Steuerzahler sehe nicht ein, das ich jemand unterstütze, der mich als Nazi bezeichnet...

Untergehen solln`se

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