Gefährliche und peinliche Pannen bei Olympia
19.02.2010 | 16:00 Uhr 2010-02-19T16:00:00+0100
Vancouver.Wird Olympia 2010 als Pannen-Spiele in Erinnerung bleiben? Schwere Stürze, überforderte Kampfrichter und defekte Eismaschinen werfen einige Schatten auf die Organisatoren. Nach vielen Trainingsstürzen drohen bei den Bob-Wettbewerben am Samstag weitere Unglücke.
Ist es Panik oder blinder Aktionismus? Der Bob-Weltverband FIBT hat vor Beginn der Bob-Wettkämpfe bei den Olympischen Spielen Athleten und Trainern einen Maulkorb verpasst. Keiner solle sich mehr negativ über die Hochgeschwindigkeitsbahn äußern. Doch dafür ist es längst zu spät. Nicht nur der tödliche Unfall des georgische Rodlers Nodar Kumaritaschwili sondern auch zahlreiche weitere Stürze zeigen, dass die Bahn enorm gefährlich ist. Mit dem peinlichen Maulkorb reihen sich die Offiziellen nun in die Reihe zahlreicher peinlicher Pannen bei den Olympischen Spielen ein, die sich durch mehrere Sportarten (Ski Alpin, Biathlon, Eisschnelllauf...) ziehen. DerWesten fasst das Chaos zusammen.
„Brutal schnelle“ Bobbahn gefährdet die Sicherheit der Athleten
Leider sind diese Pannen in Vancouver nur selten zum Schmunzeln, sondern bedeuten teilweise sogar eine große Gefahr für die Sicherheit der Athleten. Nach elf Stürzen in den Trainingsläufen der Bobfahrer droht nun bei den am Samstag startenden Wettkämpfen die nächste Katastrophe. Auch der deutsche Top-Fahrer Karl Angerer kippte mit seinem Schlitten um. „Ich habe den Unfall ganz gut überstanden. Aber diese Bahn ist wirklich brutal schnell. Bei Geschwindigkeiten von 150 km/h wird es schon schwierig“, sagte Angerer und scherte sich nicht um den Maulkorb.
Dass man überhaupt eine Bahn mit so einem Tempo bauen konnte, kann Wolfgang Landt, Geschäftsführer der Wintersportregion Altenberg inklusive Weltcup-Bobbahn, nicht nachvollziehen: „Man sollte mal überlegen, ob die Geschwindigkeit wirklich immer weiter in die Höhe getrieben werden muss.“ Den Tod des georgischen Rodlers bezeichnet er als tragisch, trotzdem werde es in dieser Sportart immer wieder Stürze geben. „Wir haben auch eine schwierige Bahn in Altenberg, aber sie ist sicher“, betont Landt im DerWesten-Gespräch.
Der dreimalige Olympiasieger Christoph Langen hat den Schuldigen für das Chaos in Vancouver im Weltverband ausgemacht: „Man hätte früher auf die Sportler hören müssen. Zudem wurde bei der Abnahme nicht auf das Veto der Verbände gehört“. Jetzt wirken die Funktionäre scheinbar hilflos und versuchen mit hektischen Korrekturen an der Strecke zu retten, was noch zu retten ist.
Schwere Stürze bei der Abfahrt
Bei den Skiläuferinnen sorgte eine vermeintlich zu schwierige Strecke ebenfalls für hitzige Diskussionen. Bereits vor dem Start gab es vor allem wegen des Zielsprungs heftige Kritik seitens der Trainer und Athleten – auch hier ohne große Wirkung. Das Resultat: zahlreiche teils schwere Stürze. Am schlimmsten erwischte es Anja Pärson aus Schweden. Sie kam vor dem Zielsprung in Schwierigkeiten, raste in Rücklage über die Kante und flog 60 Meter durch die Luft, bevor sie auf die Piste knallte. Mit zahlreichen Prellungen kam sie noch glimpflich davon.
Böse erwischte es die Rumänin Egith Miklos, die zunächst schlimm stürzte und dann in hohem Tempo unter zwei Fangzäunen hindurchrauschte: Am dritten kam sie zum Liegen. Später wurde die 21-Jährige mit dem Hubschrauber ausgeflogen.
Chaos beim Biathlon
Fehlstarts, Strafsekunden und totale Verwirrung prägten die Jagdrennen im Biathlon. „Das war für Olympische Spiele unwürdig“, sagte Männer-Bundestrainer Frank Ullrich. Schwedens deutscher Trainer Wolfgang Pichler sah seine Topläuferin Anna-Carin Olofsson um eine Medaille betrogen. Diese wurde von einem Kampfrichter 15 Sekunden zu lange in der Startbox gehalten. Die Sekunden bekam sie zwar genauso wie die ebenfalls zu spät gestarteten Simone Hauswald (Deutschland) und Vita Semerenko (Ukraine) am Ende wieder gut geschrieben. Aber beim Jagdrennen geht es schließlich um den direkten Zweikampf der Kontrahenten, und wenn im Ziel doch wieder gerechnet werden muss, wird diese Wettkampf-Idee ad absurdum geführt.
Noch grotesker war die Situation im Männer-Rennen. Der Kanadier Jean Philippe Leguellec wurde von einem Kampfrichter 30 Sekunden zu früh auf die Strecke geschickt und lief bis kurz vor dem Ziel sogar in der Gruppe der Medaillenkandidaten, in die er gar nicht hineingehörte. Die Kanadier feierten im Ziel mit Leguellec den vermeintlichen sechsten Platz und konnten nicht begreifen, dass der Lokalmatador durch Strafsekunden auf Rang 11 durchgereicht wurde. Trotz des Sieges seines Schützlings Björn Ferry war Wolfgang Pichler stinksauer: „So ein Saustall - das hatte mit Sport nix zu tun. So ein Rennen gehört abgebrochen“, sagte er im deutschen Fernsehen.
„Einfach lächerlich, eine Schande“
Auch die Eisschnellläufer kamen nicht ungeschoren davon. Der gleichzeitige Defekt aller drei neuen und ungetesteten Eismaschinen und der Beinahe-Abbruch des 500-m-Rennens der Eisschnellläufer am Montag sorgten noch lange nach dem Rennen für hitzige Diskussionen. „Das war ein Drama, einfach lächerlich, eine Schande“, sagte Oranje-Sprinter Jan Bos. Was sich zuvor den knapp 7000 Zuschauern in der Halle, darunter auch IOC-Präsident Jacques Rogge, geboten hatte, erinnerte an den legendären Torpfostenbruch vor dem Champions-League-Spiel 1998 zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund. Trainer und Offizielle redeten hektisch aufeinander ein, während Eismeister Messer vergeblich versuchte, den Sprintern eine olympiawürdige und vor allem sichere Eisfläche zur Verfügung zu stellen.
„Schon in den ersten beiden Rennen war die Eisqualität nicht perfekt. Man sieht häufig Rillen und Riefen, das geht bei Olympia gar nicht“, sagte Anni Friesinger-Postmas Trainer Gianni Romme. Sein niederländischer Landsmann Bos, der über 500 Meter nur den enttäuschenden 29. Platz belegt hatte, beschrieb das Problem anschaulich: „Wenn ich meine Trinkflasche nehme und übers Eis schiebe, rutscht sie normalerweise zehn Meter weit. Hier fällt sie sofort um.“ Das Organisationskomitee VANOC und die ISU reagierten schnell und setzten einen Notfallplan um. In der Nacht zum Dienstag brachten sie eine bewährte Eismaschine von Zamboni aus Calgary auf den 1000 Kilometer weiten Weg nach Richmond.
Der „Panneneifer“ der Funktionäre bei den Olympischen Spielen hat auch beim Thema Tickets zugeschlagen. Nicht nur teils astronomische Preise für Eintrittskarten sorgen für Ärger, jetzt haben die Organisatoren 28.000 Tickets für Wettbewerbe am Cypress Mountain aus Sicherheitsgründen für ungültig erklärt. „Es ist zu gefährlich, die unbefestigten Stehplatzbereiche zu öffnen“, sagte die Vizepräsidentin des Organisationskomitees VANOC, Caley Denton: „Die Besitzer werden selbstverständlich automatisch entschädigt.“ Doch das ist für viele kein Trost, verpassen sie doch das Erlebnis Olympia.
Panne bei der Eröffungsfeier
Bezeichnend, dass die olympischen Spiele eigentlich von Anfang an organisatorisch unter einem schlechten Stern standen. Denn während der Eröffnungsfeier gab es bei einem der wichtigsten symbolischen Momente einen technischen Patzer: Vor dem Entzünden des olympischen Feuers klemmte einer der vier großen ausfahrbaren Träger. Von den vier finalen Fackelträgern konnten daher nur die Eishockey-Legende Wayne Gretzky, NBA-Basketballstar Steve Nash und Skifahrerin Nancy Greene das Feuer entzünden, Eisschnellläuferin LeMay Doan musste passen. (mit sid/ap)

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