Frust pur statt Sturz des Vizemeisters
07.02.2010 | 19:37 Uhr 2010-02-07T19:37:00+0100
Hagen. Der Vizemeister wankte mehr als alle andere Favoriten, die bisher in der Färberstraße antraten: Doch am Ende fielen die Gastgeber vor 2693 Besuchern auf die Abstiegsplätze zurück.
Nach der 64:67 (37:30)-Niederlage gegen die Telekom Baskets Bonn ist Basketball-Bundesligist Phoenix Hagen auch angesichts des Siegs von Konkurrent Gießen in Bremerhaven wieder arg in Bedrängnis geraten.
Gut mithalten, bis zum Ende eine Siegchance besitzen, nach Spielschluss viel Lob vom favorisierten Gegner erhalten: Mit einer solchen Bilanz wäre ein Aufsteiger wie Phoenix Hagen gegen den amtierenden deutschen Vizemeister zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht zufrieden gewesen. Am 21. von 34 Spieltagen indes herrschte bei den Gastgebern Frust darüber vor, dass man die greifbar nahe Siegchance gegen an diesem Nachmittag schlagbare Bonner aus der Hand gegeben hatte. „Es sind nur noch 13 Partien. Irgendwann müssen wir solche Spiele mal gewinnen”, ärgerte sich Geschäftsführer Oliver Herkelmann, während Coach Ingo Freyer bedauerte: „Tatsächlich war es eines unserer besten Saisonspiele. Ich hätte aber lieber schlecht gespielt und gewonnen.”
Der entscheidende Unterschied zwischen Abstiegskandidat und Titelanwärter, der den Gästen einen - wie Coach Michael Koch eingestand - „nicht verdienten, sondern glücklichen” Sieg bescherte, fand sich erneut in der Statistikspalte Ballverluste. Drei Viertel passten die Hagener gut auf das Spielgerät auf, waren auch hier den Bonnern ebenbürtig, doch im entscheidenden Spielabschnitt verlorenen sie den Ball gleich sechsmal. „Die eklatanten Turnover im letzten Viertel waren wieder mal der Schlüssel”, ärgerte sich Freyer über die Patzer zur Unzeit. Denn im gleichen Zeitraum blieben die Gäste um den herausragenden Chris Ensminger fehlerfrei und schafften die Wende. Freyer: „Das macht ein starkes Team aus. Sie spielen nicht so gut, gewinnen aber trotzdem.”
Dabei waren es die Bonner, bei denen Koch später fehlende Einstellung bemängelte, die lange vergeblich nach ihrem Rhythmus suchten. Die aggressive Verteidigung der Gastgeber zeigte Wirkung, spätestens nach der ersten Viertelpause (15:16) dominierten die Hagener. Der nach fünf Minuten für den blass bleibenden Quentin Pryor eingewechselte Neuzugang Zygimantas Jonusas verpasste zwar seine ersten Dreierversuche, aber er kämpfte sich über gute Defensive gegen Ex-NBA-Spieler Ronald Dupree ins Spiel. Der Litauer, Malte Schwarz und der gegen sein Ex-Team stark aufspielende Bernd Kruel sorgten für das 25:18 (13.) und zwangen Koch zur Auszeit. Doch Hagen blieb dominant, lediglich mit dem gewohnt sperrig agierenden und von den Referees wohlwollend mit Freiwürfen bedachten Ensminger hatten Kruel, John Turek und Co. so ihre Probleme.
Als die Hagener nach dem Wechsel gleich in Serie von der Dreierlinie Fehlwürfe produzierten, führte Bonns Center-Routinier gemeinsam mit Bryce Taylor sein Team wieder heran. Doch selbst nach dem 39:39 (25.) zeigten sich die Gastgeber nicht irritiert, beim 45:39 eine Minute später und in der letzten Viertelpause (51:46) lagen sie wieder vorn. Doch nun schwand die Konzentration bei den Hagenern, die Ballverluste häuften sich. Gleich dreimal patzte Jonathan Kale, auch Kruel, Pryor und Michael Jordan verloren unnötig den Ball. Beim 51:53 (33.) lagen erstmals seit der Anfangsphase wieder die Gäste vorn. Zudem musste nun Turek nach dem fünften Foul gegen Ensminger gehen (53:53, 36.), statt des indisponierten Kale brachte Freyer dafür Matthias Grothe.
Scheinbar entscheidend zog Bonn nun durch Ensminger und Tim Ohlbrecht auf 58:64 davon, ehe Jordan es mit fünf Punkten in Serie in der Schlussminute noch einmal spannend machte. 15 Sekunden vor Ende hatte Kruel beim 63:65 an der Freiwurflinie sogar den Ausgleich in der Hand, aber er traf nur einmal. Nach schnellem Griffin-Foul war auf der Gegenseite Taylor nervenstärker (64:67), der letzte Angriff blieb den Hagenern: Doch statt den freien Schützen zu suchen, rannte sich Jordan in der Bonner Defensive fest. Sein Verzweiflungswurf mit der Sirene aus der Drehung tickte nur auf den Ring.
Statistik
Hagen - Bonn
64:67 (37:30)
Phoenix Hagen: Pryor (2), Griffin (11, 2/6 Dreier), Malte Schwarz (3), Jonusas (8, 1/6 Dreier, 3 Assists), Grothe, Kruel (13, 11 Rebounds, 3 Assists, 2 Blocks), Michael-Hakim Jordan (9, 1/5 Dreier, 4 Assists, 4 Ballverluste), Kale (8, 11 Rebounds, 5 Ballverluste), Turek (10, 2 Blocks). -
Telekom Baskets Bonn: Taylor (14), Ensminger (20, 12 Rebounds), Strasser (6), King (3), Bowler (2), Jared Jordan (2, 3 Assists), Kolodiziejski, Flomo. Ohlbrecht (8, 8/8 Freiwürfe), Dupree (8).
Spielviertel: 15:16, 22:14, 14:16, 13:21.
Teamstatistik: 41:36% Wurfquote, 5/21:5/22 Dreier, 13/20:22/27 Freiwürfe, 37:36 Rebounds, 17:10 Assists, 14:9 Ballverluste, 4:3 Steals, 4:1 Blocks. - 2693 Zuschauer.
Stimmen
Ingo Freyer (Trainer Hagen): Wenn wir diese Leistung auch künftig zeigen, werden wir wieder Spiele gewinnen. Jonusas gibt uns mehr Intensität in Offensive und Defensive.
Michael Koch (Trainer Bonn): Hagen hat sehr, sehr stark gespielt. Basketball wird nicht nur von Talent und Budget bestimmt, sondern auch von der Einstellung, das hat man heute gesehen. Die Verteidigung hat uns im Spiel gehalten.
Bernd Kruel (Spieler Hagen): Wir haben Bonn ärgern können. Schade, dass es nicht mehr geworden ist. Wenn wir eine solche Leistung öfter abrufen könnten, hätten wir schon lange keine Probleme mehr.
Oliver Herkelmann (Geschäftsführer Hagen): Als das Spiel in die entscheidende Phase ging, hatten wir unnötige Ballverluste. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison. Erstaunlich ist, welchen Bonus Chris Ensminger bei den Schiedsrichtern hat.

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