„Faust”: Neue Spieler – neues Konzept
23.09.2008 | 18:36 Uhr 2008-09-23T18:36:00+0200Siegen. (Loh) Apollo-Intendant Magnus Reitschuster nimmt Goethe bei der neuen „Faust”-Eigenproduktion beim Wort. Im „Vorspiel auf dem Theater” ermuntert der Theaterdirektor den Dichter, ein Stück auf die Bühne zu bringen, bei dem das Theater alles herzeigen kann, was es zu zeigen hat.
„Drum schonet mir an diesem Tag Prospekte nicht und nicht Maschinen! Gebraucht das groß- und kleine Himmelslicht, die Sterne dürfet ihr verschwenden.” Die Siegener haben den Wink verstanden. Am heutigen Premierenabend wird das Publikum staunen, was die Maschinisten und Bühnenbildner alles zaubern können.
Auftritt von„Rapresidentz”
Zum ersten Mal werden sie das fahrbare Portal sehen, das für Gretchens Kerker einen ei-genen Raum schafft. Gretchen und Frau Marthe wohnen in einem Doppelbungalow. Da wird es hoch hergehen in der Walpurgisnacht; aber auch der neugierigste Zuschauer wird von der Hexenunzucht nur Schattenrisse in Bewegung sehen. „Bilder, als würde man Por-nos verfilmen”. Das ist kein Goethe-Vers. Das skandieren die Rapper von Rapresidentz, welche diese Ereignisse akus-tisch unterfüttern. Damit sind sie im Wortlaut ganz dicht bei dem, was Goethe meinte und in unterdrückten Versen auch ziemlich deutlich sagte. Aber hier wird das Publikum es in der Sprache der jungen Leute vernehmen. Auch für die Sängerin von Rapresidentz gibt es eine Auf-gabe. Sie singt die Engelsbot-schaft, die Faust davon abhält, in der Osternacht den Giftbecher zu leeren: „Christ ist erstanden! Freude dem Sterblichen.” Und Louisa Lettow singt das ganz anders als alle Engelchöre, die „Faust”-Kenner im Ohr haben, so dass die Szene eine deutlich eigene Deutung erfährt. Neu im Siegener Ensemble ist Martin Hofer, der in Regensburg ab 1996 den Faust schon über 90 Mal gespielt hat. Wie wird er damit fertig? „Ich wollte noch einmal einen Neuzugang finden. Aber ich merke natürlich unentwegt, wie das alte Konzept sich immer wieder vordrängen will. Außerdem hat der Text in Siegen viel mehr Striche. Aber es hat einen ungemeinen Reiz, an dieses Menschheitsthema noch einmal ganz anders heranzugehen.” Hofer ist zwölf Jahre älter gegenüber der Regensburger Inszenierung. Hat das Folgen? „In Regensburg mussten sie mich für den Anfang alt schminken. Hier müssen sie sich bemühen, dass ich bei der Gretchen-Begegnung jung genug aussehe. Aber keine Angst: Es wird keine Lolita-Story.” Und Mephisto ist inzwischen für ihn zu einem Gesprächspartner auf Augenhöhe geworden. Darin sind sich Hofer und Reitschuster einig: Es lohnt sich nach vielen kritischen Dekonstruktionsversuchen wieder die Größe der Faust-Figur von der Bühne her wirken zu lassen. Auch das macht Hofer gern mit, wenngleich dem Schweizer Schauspieler Fausts deutsche Art der ständig wiederkehrenden Lebensunzufriedenheit wenig sympathisch ist: „Aber ich kenne das auch von mir selbst.”
Karten für die Aufführung am Donnerstag und Freitag sind noch erhältlich.

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