Es war einmal: Gaststättenkultur in Weidenau
12.02.2010 | 17:32 Uhr 2010-02-12T17:32:00+0100
Siegen-Weidenau. Niemand musste in Weidenau verhungern, erst recht nicht verdursten.
Dafür sorgten die zahlreichen urigen Gaststätten, Cafés und Bierlokale mit Wirtsleuten, die allesamt Originale in dem Industriestandort an der Sieg waren. Dort wurde zwischen Pils und Korn, dem „Herrengedeck”, über die große Politik philosophiert und die kleine Politik, sprich Kommunalpolitik, mit praktischen Anstößen auf den Weg gebracht.
Den Wandel der Zeit in der alten Industriegemeinde geben heute das Siegerlandzentrum, die Uni auf dem Haardter Berg und die HTS Ausdruck. Im Zuge dieser Modernisierungs- und Sanierungsmaßnahen wurden leider auch ganze Ortsteile mit ihren alteingesessenen Gaststätten regelrecht plattgemacht.
„Wurms Frieda” und „Beckers Louis”
Vergangenheit ist das Fachwerkviertel Boschgotthardtshütten, wo man bei „Wurms Frieda” und „Beckers Louis” gastliche Einkehr fand. Dort kehrten die Arbeiter von Hammerwerk und Grube Neue Haardt ein. Frieda Wurm war die absolute Herrin über die blankgescheuerten Holztische in der niedrigen Gaststube, sprach nur Siegerländer Platt und tischte mit ihren legendären Rippchen mit „Suurmoos” eine absolute Spezialität auf.
Ihr Nachbar Ludwig Becker im ehemaligen Restaurant Hoppensack gab sich da schon etwas weltmännischer. Besonders im Hinblick auf die aus dem Hessenland angereisten „Kumpel” der Grube Neue Haardt sowie die zahlreichen Handelsvertreter und Geschäftsleute eröffnete der lebensfrohe Gastronom sein „Papageienstübchen”, eine rot ausgeleuchtete Bar mit leichtgeschürzter Bedienung und einem einarmigen Pianisten am Klavier. Sonntags durften beziehungsweise mussten sich die Schiedsrichter der Ligaspiele des VfB 07 Weidenau umziehen, der hier sein so genanntes „Verkehrslokal” hatte.
Umkleidekabinen waren im Keller
Die Kellerräume des gastfreundlichen Hauses waren zu Umkleidekabinen für zwei Mannschaften hergerichtet und mit einer Gemeinschaftsdusche ausgestattet worden. Wenn kein Betrieb im Lokal war, legte Ludwig Becker schon einmal die Beine über den Tisch und beschied dem Gast: „Zapp dr din Bier sälwer.”
Als Treffpunkt in der Woche diente den Fußballern überwiegend das gegenüber der Amtssparkasse gelegene Vereinslokal „Barschdorf”, das sich später „Zur Haardter Brücke” nannte. Die Wirte Werner Drobisch, Werner Stamm und Fritz Bauer waren in Weidenau nicht minder bekannt und angesehen wie der Bürgermeister. Dort hing auch der Vereinskasten des VfB Weidenau, wo die Mannschaftsaufstellungen für Spiele am Wochenende veröffentlicht wurden.
Größere Versammlungen fanden im Hotel „Deutsches Haus” am Eingang zur Waldhausstraße gegenüber dem ehemaligen Amtshaus statt. Dort konnten auswärtige Gäste auch übernachten. Emmi Schauerte, die mit ihrem Bruder das Hotel führte, war ein absolutes Wirtinnen-Original und setzte sich für die Weidenauer Vereine ein.
Kottmannscher Saal war auch ein Kino
Das tat auch die Familie Bredenbeck in der Siegstraße, wo überwiegend die Gesangvereine ihre Heimstatt hatten. Der große Saal war insbesondere zur Weihnachtszeit immer mit Feierlichkeiten aller Art ausgebucht.
Eine der besten „Schampe”-Adressen war der Gasthof Kottmann an der Unteren Friedrichstraße nahe dem heutigen Autohaus Walter Schneider. Der Kottmannsche Saal, in dem früher allerlei Versammlungen stattfanden und auch schon einmal der Gemeinderat tagte, diente zeitweise als Kino („Prisma-Theater”). Schampe, das Siegerländer Spezialgericht aus kleingeschnittenem Kuhmagen, bereiteten bis zuletzt die Wirtsleute Hermann und Heidi Happ per Geheimrezept zu und lockten damit nicht nur die Turner und Handballer des TuS AdH Weidenau in ihre Lokalität. Im Zuge der Erweiterung des Siegerlandzentrums Anfang der 1980er Jahre fiel auch dieses gastliche Haus den Abrissbaggern zum Opfer.

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