Erinnerungen an Leben im Plattenbau
03.10.2008 | 19:58 Uhr 2008-10-03T19:58:00+0200
Siegen. (basti) Die Feier der Stadt zum Tag der Deutschen Einheit zog gestern viele Menschen ins Rathaus. Zu Gast war Peter Pragal, der von seinen Erfahrungen in der DDR berichtete.
Der gebürtige Siegener hat als Journalist nicht nur von dieser Seite des Eisernen Vorhangs berichtet, sondern hat mit seiner Familie auch dort gewohnt – jahrelang, in einem Plattenbau. Peter Pragal wollte als Journalist das Leben der Menschen in der DDR kennenlernen – und zwar so, wie es auch die Bürger dort tagtäglich erfuhren. Tausende Papierseiten hat die Staatssicherheit ab 1974, dem Jahr des Umzugs nach Ost-Berlin, über Pragal und seine Familie angefertigt. Der Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung” mit den Siegerländer Wurzeln war als einer der ersten bundesdeutschen Journalisten in der DDR – und so stets der Rund-um-die-Uhr-Überwachung der Stasi ausgesetzt. Die Wohnung wurde durchsucht, jeder Schritt beschattet, berichtete er den Zuhörern im Ratssaal, denen er Auszüge aus seinem Buch „Der geduldete Klassenfeind” vorlas. „Mich nannte die Stasi ,Starnberg”, meine Frau hieß ,Kobra”, erzählt er über die Erfahrungen mit dem SED-Regime. Doch Pragal fand auch Freunde in der DDR – aus einer einzigen Bekanntschaft mit einer Bürgerin der DDR entwickelte sich rasch ein Bekanntenkreis von rund 60 Leuten: „Für viele von ihnen waren wir Exoten.” Sie standen oft unangemeldet vor der Tür in dem Plattenbau an der Ho Chi Minh-Straße, in der die Pragals wohnten. „Wir wollten nicht, dass die Stasi von den Besuchen über das Telefon erfährt.” Pragal berichtete von einer interessanten Erfahrung: Auch Menschen, die dem SED-Staat ablehnend gegenüber standen, hätten es nicht gemocht, wenn Bundesdeutsche die Zustände in dem Arbeiter- und Bauernstaat kritisiert hätten. Peter Pragal ruft in seinem Buch Erinnerungen wach, deren geschichtliche Zusammenhänge vor genau 18 Jahren ins Geschichtsbuch wanderten. Angelika Flohren, stellvertretende Bürgermeisterin, bedauerte in ihrem Grußwort, dass an die Stelle der Erinnerung leider oft „Ostalgie” getreten sei: „Erschreckend wenig Jugendliche wissen heute noch etwas über die DDR.”

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