Epilepsie ist für Friseur aus Dorsten kein Hindernis

Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Mathias Armerling leidet unter Epilepsie. Und arbeitet als Friseur. Oft hörte er, dass dieses Handwerk mit dieser Krankheit nicht zu vereinbaren sei. Stichwort: Schere am Kopf. Er hat bewiesen, dass das Gegenteil der Fall ist. Heute sagt der Azubi: „Das hier ist das Beste, was mir passieren konnte."

Dorsten/Schermbeck.. Es kann sein, dass Mathias Armerling umfällt. Einfach so. Der Körper verkrampft, zittert, geht zu Boden. Einfach so. Mathias Armerling hat Epilepsie. Wie 0,5 bis ein Prozent der deutschen Bevölkerung auch.

Wahrscheinlich werden die wenigsten von ihnen, so wie der 26-Jährige, als Friseur arbeiten. Allein die Vorstellung: Mit der Schere am Kopf, dann der Krampfanfall. Was da so alles passieren kann . . .

Doch der Schermbecker schneidet, legt und föhnt schon seit knapp einem halben Jahr. Im Salon „Hair Pirat“ mitten in der Dorstener Altstadt. Natürlich beugt er seiner Krankheit vor, nimmt unter anderem das Antiepileptikum Keppra – ein Arzneimittel, das epileptische Anfälle verhindert oder abschwächt. Toi, toi, toi: Einen Krampfanfall hatte er seit seit seinem ersten Arbeitstag in Dorsten noch nicht. Er führt das auf die Wertschätzung zurück, die er hier erfährt, auf die „ungemein netten Kollegen.“

Ein liebenswerter Chaot

Keine Frage, Mathias Armerling wirkt ein bisschen chaotisch, aber verdammt liebenswert. Sein Humor ist trocken. Nach der Bitte, für das Foto einen Frisierkopf zur Hand zu nehmen, legt er sich richtig ins Zeug. Erst küsst er die Puppe, dann wirbelt er sie durch die Luft. Dabei lacht er laut. „Ein liebenswerter Chaot ist er. Das trifft es wohl ganz gut“, sagt Kristina Tewes, die Salonmanagerin. Aber eben auch ein verdammt guter Auszubildender.

Kristina Tewes hat Erfahrungen mit der Krankheit, in ihrem Bekanntenkreis gibt es einen Epileptiker. Die Salonleiterin war es, die sich für eine Anstellung stark machte. Kristina Tewes schätzt die unbändige Kreativität. „Genau so ein Typ hat uns gefehlt“, sagt sie.

Sechs andere Friseursalons

Bei sechs anderen Friseursalons versuchte Mathias Armerling schon sein Glück. Immer scheiterte er. Immer an seiner Krankheit. Nach dem ersten Krampfanfall im Salon war es schnell vorbei mit den Nettigkeiten. Es folgten Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen. Man vermittelte ihm, dass dieses Handwerk mit dieser Krankheit kaum zu vereinbaren sei. Stichwort: Schere am Kopf. Der Schermbecker verlor die Lust und schmiss hin. „Mein erstes Ausbildungsjahr dauerte dann eben etwas länger“, sagt er.

Wie ein Zehn-Kilometer-Marsch

Aus seiner Krankheit macht er nie ein Geheimnis. Im Gegenteil: „Ich beziehe ja quasi Hilfe von meinen Kollegen, auch wenn ich es nicht von ihnen verlangen möchte und kann. Aber es ist so und somit ist es auch ihr gutes Recht zu wissen, was mit mir los ist.“

Gleich beim ersten Gespräch in Dorsten hat Mathias von der Epilepsie erzählt und erklärt, dass er es spürt, sobald er ein Krampf bekommt. „Meine linke Gesichtshälfte ist dann wie gelähmt, sie hängt herunter. Und ich fange an zu zittern. Es dauert dann keine fünf Minuten mehr. Ich kann mich aber rechtzeitig zurückziehen.“

„Ich entwickele so eine Kraft, dass ich Menschen unbewusst verletzen könnte“

Erinnerungen an den Ausbruch des Krampfanfalls hat Mathias Armerling danach nicht mehr. Aber er weiß, dass er einen Krampf hatte. „Ich fühle mich dann richtig mies und bin sehr schlapp. Das fühlt sich an wie nach einem Zehn-Kilometer-Marsch. Das ist Sport für den ganzen Körper. Alle Muskeln sind angespannt und beben. Eine extrem hohe Belastung.“

Von Hilfe soll man in seinem konkreten Fall der Epilepsie übrigens absehen. „Ich entwickele so eine Kraft, dass ich andere Menschen unter Umständen unbewusst verletzen könnte“, erklärt er. Ein Bekannter, der ebenfalls unter Epilepsie leidet, habe einem Helfer mal einen Finger abgebissen.

Stress, Unzufriedenheit, Kummer und Sorge

Stress, Unzufriedenheit, Kummer und Sorge seien bei ihm die Hauptgründe für einen Anfall. Dass er im Dorstener Betrieb davon bislang verschont blieb, ist für ihn kein Zufall. „Das hier ist das Beste, was mir passieren konnte. Ich liebe das Team, ich liebe meine Arbeit“, sagt er.

Bestätigung bekommt er zur Genüge. Von seinen Kolleginnen, von seinen Kunden. „Es ist Wahnsinn, was Mathias für tolle Ideen hat.“ Letztens, erzählt Kristina Tewes, habe sie eine Wette verloren. Ein junges Mädchen mit langen Haaren kam rein, Mathias sagte, sie würde mit einem Kurzhaarschnitt wieder raus gehen. „Im Leben nicht, die trennt sich doch nicht von ihren schönen langen Haaren, habe ich ihm gesagt.“ Eine gute halbe Stunde später gab es einen Milchshake. Auf Rechnung der Chefin. Die Haare waren kurz.

Auf den Boden der Tatsachen

Manchmal aber müsse sie Mathias dann auch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Der Schmermbecker hat auch eine Hyperaktivitätsstörung. Für das Team des „Hair Pirat“, für die Kunden ist das ebenfalls kein Problem: „Dann gibt’s einen Klatscher und alles ist wieder gut zwischen uns“, sagt Kristina Tewes. Mathias Armerling nickt: „Sie ist wie eine Mama zu mir.“ Eine für alle Fälle.