Ein tiefer Seufzer zum Festival-Ausklang
26.04.2009 | 13:42 Uhr 2009-04-26T13:42:00+0200
Dortmund/Essen. Der Frühling verleitet zur Heiterkeit. Das Frauenfilmfestival bot am letzten Abend Paroli und Gelegenheit, dieser allgemeinen Hochstimmung zu entfliehen: Sowohl „God Man Dog“ als auch „Wendy and Lucy“ setzten ein deutliches Zeichen.
21. - 26. April 2009 in Dortmund
Die taiwanesische Regisseurin Singing Chen schüttet in „God Man Dog“ das ganze Füllhorn menschlichen Unglücks vor uns aus: postnatale Depression mit folgendem Kindstod, Alkoholismus und fatalen Unfall, um nur ein paar zu nennen. Ein alter Mann mit schlecht sitzender Beinprothese vervollständigt die Reihe. Immer tiefer geraten die Betroffenen in ihr Verhängnis. Doch der Film endet mit leisem Optimismus. Zum Ende hin haben sie alle das Gefühl, Glück gehabt zu haben: Erfolg im Nudelpackungs-Gewinnspiel, Benzin für einen leeren Tank, eine Götterbegegnung im Moment des tiefsten Unglücks.
Stilistisch erteilt „God Man Dog“ der harschen Wirklichkeit allerdings schon weit früher eine Abfuhr. Die verschiedenen Handlungsstränge werden in ästhetisierten, oft farblich verfremdeten Bildern entwickelt, begleitet mal von disharmonischen, geisterhaften Sphärenklängen, mal von Geschrammel.
Das Drama ist zu klamottig
Die Protagonisten und ihre Umgebung sind wahre Skurrilitäten: Ein zerrüttetes Handmodel, ein dünner Vielfraß, ein Jahrmarktswagen voller blinkender buddhistischer Götterstatuen bevölkern die Leinwand. Es gibt durchaus witzige Momente, aber insgesamt muss man schon in Stimmung sein für diese Tragik-Klamotte, andernfalls droht dieser unbedingte Willen zur Originalität, zunehmend auf die Nerven zu fallen.
Wie ein Quell der Ruhe wirkte dagegen noch am gleichen Abend „Wendy and Lucy“, der letzte Beitrag des Regiewettbewerbs. Die junge Wendy (Michelle Williams, bekannt aus „Brokeback Mountain“) ist mit ihrem Hund Lucy auf dem Weg nach Alaska, wo sie im weitesten Sinne neu anfangen möchte. In einer Stadt, gelegen irgendwo im ländlichen Oregon und durchtost von einer allgegenwärtigen Bahnlinie, begeht sie einen Ladendiebstahl. Während Wendy mehrere Stunden auf der Polizeiwache zubringen muss, verschwindet Lucy von dem Fahrradständer, wo ihre Besitzerin sie angebunden hatte. Wendy macht sich auf eine verzweifelte Suche.
Eindringlich dank Zurückhaltung
Neben den herzzerreißenden Bemühungen Wendys ihren Hund wiederzufinden, setzt Regisseurin Kelly Reichardt vor allem die allumfassenden Beschränkungen dieser Lebenssituation eindrucksvoll in Szene. Das Geld wird trotz äußerster Sparsamkeit zwangsläufig weniger, für die Morgentoilette genügt ein Waschbecken auf dem Tankstellen-Klo und Arbeit ist in dem trostlosen Ort auch nicht in Sicht. Bis Alaska müssen die Dollarscheine reichen.
Unaufdringlich folgt die Kamera der wortkargen Wendy. Ein Lob für den Weitblick, auf innere Monologe zu verzichten, der Film ist somit auch ein Beleg für die Wirksamkeit künstlerischer Zurückhaltung. Die Nöte der Protagonistin werden auch so immer realer, immer bedrückender im Laufe des Films. Der Samstagabend klingt aus mit einem tieftraurigen Seufzer.
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