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Eishockey

Die populäre Religion Kanadas

19.02.2010 | 20:35 Uhr
Die populäre Religion Kanadas

Vancouver.Der Mann vor dem „eli Hockey Place“ macht an diesem Nachmittag das Geschäft seines Lebens. Er verkauft rot-weiße Papierfahnen, zehn Dollar das Stück, und der Rot-Erwerb läuft auf vollen Touren. Kanada ist verrückt auf Eishockey, und gleich spielen die Kanadier in der Vorrunde des Olympia-Turniers gegen die Schweiz.

Ausverkauft, seit Monaten. Männer schicken ihre kleinen Söhne mit Plakaten durch die Menschenmenge: „Suche Tickets!“ Aber selbst traurige Kinderaugen können die Herzen der Karten-Besitzer nicht erweichen. Einen Kilometer weiter haben die Organisatoren das „Hockey-Haus“ aufgebaut, ein Zelt mit 20 000 Quadratmetern Platz, Videowänden und genug Bierfässern für 3000 Leute. Eintritt: 70 Dollar! Es gibt seit Wochen auch keine Tickets mehr für das Zelt.

Oben, in den Logen des Stadions, fahren die Kellner bereits die Servier-Wagen vor. Auf die Ehrengäste warten Erdbeeren, die mit weißer und dunkler Schokolade überzogen sind. Standard-Programm im „Canada Hockey Place“, in dem normalerweise die Vancouver Canucks in der nordamerikanischen Profiliga NHL spielen.

Während die ersten Teller klappern, läuft Sidney Crosby im roten Trikot mit dem Ahornblatt auf der Brust zum Aufwärmen aufs Eis. Der Superstar der Kanadier ist 22 Jahre alt, schon als Zehnjähriger hat er in einer Saison 159 Tore geschossen, und zuletzt hat er die Pittsburgh Penguins zum Sieg im Stanley Cup geführt. Als Kapitän durfte er den Pokal einen Tag lang mit nach Hause nehmen. Die Kanadier lieben diesen Jungen, den sie „Sid the Kid“ nennen. Für sie steht fest: Wo Sid hintritt, wächst Gras!

„Keine andere Nation der Welt identifiziert sich so sehr mit Eishockey wie wir“

Kanada hat Eishockey erfunden, am 3. März 1875 gab es das erste offizielle Spiel in Montreal. Seit 1952 läuft jeden Samstag im Fernsehen die „Hockey Night“. Keine Sportsendung der Welt hat länger überlebt, behaupten die Kanadier. Und weil der Sport die populäre Religion des Landes ist, hat sich auch Minister-Präsident Stephen Harper eingeschaltet: „Keine andere Nation der Welt identifiziert sich so sehr mit Eishockey wie wir!“

Unser täglich Rot gib uns heute!

Die Halle ist jetzt voll, noch eine halbe Stunde bis zum ersten Bully. 15 000 Menschen in rot und weiß. Nur vielleicht 100 nicht, sie tragen weiß und rot: Die Schweizer.

Sie sind heute für die Rolle des Opfers vorgesehen. Team Canada hat im ersten Spiel die Norweger mit 8:0 zerlegt, der Nächste bitte. Das Spiel beginnt, Sid the Kid probiert seine drei Gänge aus: Schnell, schneller, weg! Nach 21 Minuten führen die Kanadier 2:0, alles läuft nach Plan.

Auf dem Videowürfel ist in einer Spiel-Unterbrechung Wayne Gretzky zu sehen, der Pele des Eishockeys. „The Great One“ hat bei der Eröffnungsfeier der Spiele das Olympische Feuer entzündet. Gretzky ist ein Volksheld. Er hat gesagt, dass er der Mannschaft bei Olympia viel zutraut. Damit meint er Gold.

Die Schweizer Liga hat für Olympia für einen ganzen Monat eine Pause eingelegt

Das Team besteht ausnahmslos aus Profis der NHL, und die Profiliga hat bis einen Tag vor Beginn des Olympischen Turniers noch gespielt. Die Schweizer Liga hat dagegen einen ganzen Monat Pause für Olympia eingelegt. Die kanadischen Fernseh-Kommentatoren haben darüber gelacht und gefragt: „Was sagen die Klubs der NHL, wenn sie einen Monat ohne Spiele und ohne Einnahme bleiben sollen, aber weiter die Spieler bezahlen müssen?“

Im zweiten Versuch trifft Kanadas Superstar Sidney Crosby im Penaltyschießen zum entscheidenden 3:2-Sieg gegen die Schweiz. Crosbys ersten Versuch hat Goalie Jonas Hiller noch pariert.

Eine rhetorische Frage, aber plötzlich wird es ernst auf dem Eis. Die Schweizer schrauben den Platzhirschen die Geweihe ab, und auf einmal steht es 2:2! Verlängerung! Wieder kein Tor, Penaltyschießen!

Die Fans jubeln, denn Sid the Kid läuft an: Aber der Schweizer Torwart Jonas Hiller hält. Die ersten Zweifel gehen auf der Tribüne Gassi, sechs Penalties sind geschossen, immer noch keine Entscheidung. Dann läuft Sid the Kid zu seinem zweiten Versuch an: Drin! Kanada gewinnt mit 3:2. Crosby atmet zehn Minuten später tief durch. „Das war eng, wir haben die Schweizer wohl etwas unterschätzt“, gibt er zu.

Sonntag trifft Kanada im letzten Vorrunden-Spiel auf die USA, die ebenfalls mit einer kompletten NHL-Auswahl in Vancouver antreten. Tickets gibt es natürlich nicht mehr, aber vielleicht hat der Mann vor dem „Canada Hockey Place“ bis dahin wenigstens neue Fahnen besorgt.

Ralf Birkhan

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