Die bittere Steuer-Erklärung
16.02.2010 | 18:17 Uhr 2010-02-16T18:17:00+0100
Vancouver.Aljona Savchenko und Robin Szolkowy haben Bronze im Eiskunstlauf gewonnen. Aber sie wollten unbedingt Gold. „Die Medaillen glänzen nicht“, sagte Trainer Ingo Steuer nachher.
Tief im Bauch der Eishalle schimmert das Scheinwerferlicht nur noch fahl durch die blauen Stoff-Vorhänge, die vor neugierigen Blicken schützen sollen. Aber irgendwann müssen Aljona Savchenko und Robin Szolkowy auf dem Weg zu ihrer Kabine hinter den Vorhängen auftauchen. Da sind sie. Savchenko hat ein rotes Herz aus Glitzersteinen in ihre braunen Schlittschuhe einarbeiten lassen, Szolkowy trägt einen Brillanten im linken Ohrläppchen, doch die Nacht hat ihren Glanz längst verloren.
Das deutsche Paar hat Bronze im Eiskunstlaufen gewonnen, aber die Medaillen hängen ihnen wie Auszeichnungen aus Blei um den Hals. Sie wollten alles, sie wollten Gold. Aber zwei Paare aus China waren besser. Die 26-jährige Aljona weint.
Doch Rücksicht gibt es bei Olympia nicht. Im Gedränge zwischen den Vorhängen wird die Luft langsam so dick, dass jeden Moment die Rauchmelder an der Decke losgehen könnten. Nur der Hals von Ingo Steuer ist noch dicker. Ein Ordner hält den Trainer des deutschen Paares fest: Halt! Er darf nicht zurück zwischen die Vorhänge, die Vorschriften! Steuer dreht sich um, und man blickt in seine Augen. Ärger hat viele Gesichter, aber der 43-Jährige gewinnt an diesem Abend überlegen den Wettbewerb für die finsterste Miene. Wenn er nur noch ein bisschen übt, kann er mit diesem Blick Tresore aufschneiden.
Dann spricht Steuer, und er kennt kein Morgen mehr. Gnadenlos zerlegt er den Auftritt seiner Schützlinge. Während der Steuer-Erklärung breitet sich Kälte aus, und es fühlt sich an, als hätten ihm Aljona und Robin die größte Niederlage seines Lebens zugefügt.
„Ich bin enttäuscht“, sagt Steuer. „Die Medaillen glänzen nicht. Man hat oft die Chance, bei Olympia dabei zu sein, aber die Chance auf Gold hat man nur einmal im Leben.“ Er legt eine Pause ein, könnte nachdenken, die Worte vielleicht noch einmal zurückholen. Aber Steuer taugt zur Rolle des Trösters so wenig wie Sascha Hehn zum Rambo. Weggeworfen hätten Aljona und Robin diese einmalige Möglichkeit. Weggeworfen wegen zweier dummer Fehler.
Zur Musik „Jenseits von Afrika“ läuft das Paar
Rückblick aufs Eis: In der Kür zur Musik „Jenseits von Afrika“ läuft das Paar, das nach der Kurzkür auf dem zweiten Platz liegt, zum Doppel-Axel an. Szolkowy stürzt. Das Stöhnen der fast 12.000 Zuschauer fängt sich in der Holzdecke der Halle und fliegt als Echo zurück aufs Eis. Steuer kritisiert später: „Der wäre an diesem Abend an dieser Stelle der Kür bei jedem Sprung gestürzt.“ Dann verreißt Savchenko den Toe Loop. Zu ihr sagt Steuer gar nichts, er straft sie mit Schweigen.
Es ist ein bizarrer Abend, wie man ihn vielleicht vor 30 Jahren in den Zeiten des kalten Krieges bei russischen Trainern erlebt hat. Dabei hat sich die Welt verändert, die Mauer ist gefallen, russische Eishockey-Stars verdienen Säcke voller Dollar in der nordamerikanischen Profiliga NHL, und es gibt mündige Athleten. Szolkowy ist einer von ihnen. Er weiß, dass er einen dicken Fehler gemacht hat: „Ich habe es schon beim Absprung gemerkt und gedacht: Das Ding geht daneben!“ Warum? Warum? Warum? Szolkowy rettet sich mit einem Scherz aus der Qual. „Unten auf dem Eis war es ganz schön windig.“
Für solch eine Lockerheit hat Steuer keine Antenne. Seine Sätze ziehen vorbei wie dunkle Wolken, aus ihnen hagelt Schwere und Bitterkeit: „Es war ein schmerzliches Erlebnis. Ich kann nicht nachvollziehen, wieso diese Fehler entstanden sind.“
Thomas Bach ist längst gegangen, denn der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes hat einen Instinkt für Situationen. Bevor Steuer aus dem Ruder läuft, hat Bach noch zwischen den Vorhängen gestanden und den Glanz der Medaille gesucht. Es sei ein tolles deutsches Eislauf-Paar, großartig, wie die beiden die Trainingspause nach der schweren Grippe von Aljona im Januar einfach weggesteckt hätten, und: „Aus so einem Holz sind Champions geschnitzt.“
Dann kommt die Frage, die kommen muss: Was hält Bach von Steuers Stasi-Vergangenheit? Deutschlands oberster Sportfunktionär wittert die Glatteis-Gefahr sofort und muss weiter zum nächsten Termin. „Schönen Abend noch!“
Der Abend wird nicht mehr schön.
Falten durchziehen Aljonas Gesicht, dabei ist sie doch erst 26. „Wir wollten perfekt sein“, sagt sie. „Aber mein Körper war so müde. Nach dem Fehler habe ich immer nur gedacht: Los, du musst kämpfen. Kämpf doch!“ Aber es heißt nicht Eiskampflauf, sondern Eiskunstlauf, und Eleganz lässt sich nicht erzwingen.
Die beiden chinesischen Paare gehen vorbei. Ihren Erfolg kann man hören, die Gold- und Silbermedaillen klackern beim Laufen gegen die Pailletten der Kostüme. Aljona und Robin schauen traurig hinterher. Vorhang!

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